‚Türkenbefreiungsfeier’ der NationalsozialistInnen (13. Mai 1933)

Text: Silvia Dallinger

Die ‚Türkenbefreiungsfeier‘ der NationalsozialistInnen am 13. Mai 1933 war als Gegenveranstaltung zur offiziellen ‚Türkenbefreiungsfeier’ gedacht. Die Bundesregierung hatte allerdings nur eine Gedenkfeier in der Hernalser Engelmann-Arena gestattet. Alle anderen geplanten Veranstaltungen, wie die ‚Türkenbefreiungsfeier’ am 14. Mai oder der Deutsche Juristentag in Wien, wurden nicht bewilligt. Reden, die im Zuge der Gedenkfeier gehalten wurden, durften keineswegs aktuelle politische Probleme bzw. die österreichische Innenpolitik zum Inhalt haben. Daher wurden Metaphern verwendet, die indirekt zu verstehen gaben, wer die Türken von damals als neues Feindbild abgelöst hatte.

» Wer nahm an der ‚Türkenbefreiungsfeier‘ am 13. Mai teil?

Die Ehrengäste aus dem Deutschen Reich standen im Mittelpunkt der Veranstaltung. Es waren dies u.a.:

  • Dr. Hans Frank, Reichsjustizkommissar und bayrischer Justizminister, späterer Generalgouverneur des besetzten Polen (auch bekannt als ‚Schlächter von Polen‘); bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt
  • Hanns Kerrl, preußischer Justizminister
  • Dr. Robert Ley, Präsident des deutschen Staatsrates
  • Dr. Roland Freissler, Staatssekretär
  • Auf österreichischer Seite standen folgende Personen im Vordergrund:
  • Alfred Eduard Frauenfeld, Wiener ‚Gauleiter’ der österreichischen NSDAP
  • Koloman Freiherr von Liebenberg, Nachkomme von Andreas von Liebenberg

» Alte Helden, neue Feindbilder

Die Gäste aus Hitler-Deutschland wurden am 13. Mai gegen 15:00 Uhr auf dem Asperner Flugfeld empfangen. Seitens der Bundesregierung war kein Massenempfang gestattet worden. Zugelassen waren allein die Mitglieder der nationalsozialistischen Wiener Gauleitung, ca. 300 Personen. Ihnen standen an die 350 Wachebeamte gegenüber.

Mit einer Autokolonne von rund 100 Autos ging es dann weiter zum ‚Braunen Haus’ in der Kirchengasse (Wiener nationalsozialistisches Parteihaus). Mit dieser Autokolonne wurde versucht, das Aufmarschverbot zu umgehen. Die Autos wurden jedoch umgeleitet und die Kirchengasse von der Polizei abgeriegelt, sodass tausende Hitler-AnhängerInnen vergeblich im Spalier warteten. Krawalle und Zusammenstöße zwischen NationalsozialistInnen und sozialdemokratischen DemonstrantInnen waren die Folge.

Auf der Fahrt dorthin wurde kurz Rast beim ‚Löwen von Aspern‘ – einem Denkmal zur Erinnerung an den Sieg über Napoleon in der Schlacht bei Aspern – eingelegt. Hans Frank legte an dieser Stelle einen Kranz nieder.

Gegen 20:30 Uhr fand eine Kundgebung in der Engelmann-Arena im 17. Wiener Gemeindebezirk statt: Auf die Begrüßung durch Alfred Eduard Frauenfeld folgte eine Rede von Koloman Freiherr von Liebenberg, einem Nachkommen jenes Bürgermeisters von 1683, der 1883 noch vom liberalen Bürgertum als Held gefeiert worden war, 1933 dann aber von den NationalsozialistInnen für ihre politischen Zwecke benutzt wurde.

Koloman Freiherr von Liebenberg betonte in seiner Rede das Zusammenwirken der deutschen Stämme im Kampf von 1683. So möge es auch Hitler nun gelingen, alle Deutschen unter einer Fahne zu vereinigen.

Der bayrische Justizminister Hans Frank betonte in seiner darauffolgenden Ansprache, dass der „Geist der Verteidiger Wiens […] auch der Geist der nationalsozialistischen Bewegung“ sei (zit. nach Ackerl 1984: 21).

Er [Frank] fuhr fort mit direkter Verknüpfung ehemaliger heldenhafter Taten mit gegenwärtigen Personen und erklärte, Hitler habe Deutschland von den ‚Türken‘ befreit, obgleich er nicht den ehrenwerten Namen Starhemberg trage. Damit wurde der Türkenbefreier, wen immer man unter diesen ‚Türken‘, von denen Hitler Deutschland befreit haben soll, verstehen mag, zum Volksführer, zum wahren Staatsmann hochgejubelt, der Türke, das war wieder einmal der Feind schlechthin. (ebd.)

„Deutschland ist von den – Türken befreit. Und die Türken werden niemals wieder Deutschland bekämpfen wollen“ (Frank, zit. nach: Die Braune Woche 20.05.1933: 3).

Damit wird deutlich, dass die Türken zwar nach wie vor die Feindbildfunktion erfüllten, tatsächlich aber ein neuer Feind mit ihnen identifiziert wurde, der nicht ungenannt blieb bzw. bleiben musste. Die Benennung des aktuellen Feindes blieb deswegen vage, um die konstruierte Parallele zwischen 1683 und 1933 aufrechterhalten zu können. Dennoch wussten die Zuhörer und Zuhörerinnen, wer eigentlich gemeint war: die Sozialdemokraten, Bolschewiken und ‚Hahnenschwänzler‘.

Der preußische Justizminister Hanns Kerrl meinte in seiner Rede: „Wien muß frei werden, denn was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen. (ebd.)

Nach einer weiteren Ansprache des Staatssekretärs Roland Freissler hielt Alfred Eduard Frauenfeld die Abschlussrede: „Wir bekämpfen die aus Wien vordringenden – Türken. Ganz gleich, ob sie einen Fez oder einen Hahnenschwanz tragen.“ (ebd.)

» Unerwünschte Gäste

Der Besuch aus dem Deutschen Reich war in Österreich „nicht sehr erwünscht“ (aus der Empfangsrede von Polizeivizepräsident Stubl, in: Das Kleine Blatt 14.05.1933: 5) und hatte schon im Vorfeld der ‚Türkenbefreiungsfeier‘ einige Kontroversen zwischen der österreichischen und der deutschen Regierung ausgelöst; die Nachwirkungen waren umso drastischer:

Als Hans Frank, der bayrische Justizminister, am 15. Mai 1933 aus Österreich ausgewiesen wurde, erließ die deutsche Reichsregierung in unmittelbarer Reaktion darauf die so genannte ‚Tausend-Mark-Sperre’ als wirtschaftliche Sanktionsmaßnahme gegen Österreich. Deutsche Reichsbürger und -bürgerinnen sollten demnach vor einer Reise nach Österreich 1000 Reichsmark bezahlen (entspricht heute ca. €4000). Schwerwiegende Verluste des österreichischen Fremdenverkehrs, insbesondere bei der Abwicklung des Allgemeinen Deutschen Katholikentags im September 1933, waren die Folge.

» ‚Wien als Bollwerk gegen den Kommunismus‘

Franz Brandl, der im Oktober 1932 zum Polizeipräsidenten ernannt worden war, hatte im März 1933 „überraschend“ (Neue Freie Presse 17.03.1933: 1) diese Funktion aufgegeben, um der NSDAP beizutreten. In seiner Rede vom 16. Mai 1933 im Großen Konzerthaussaal verwendete der ehemalige Polizeipräsident vor 3000 Zuhörern und Zuhörerinnen die Türken als Synonym für den Kommunismus:

Der von den Nationalsozialisten vor kurzem noch schwerst beschimpfte, nunmehr aber zu ihnen übergetretene Polizeipräsident a. D. Dr. Brandl hielt heute im Konzerthaussaal vor seinen neuen Parteigenossen einen Vortrag über ‚Wien als Bollwerk gegen den Kommunismus‘. Der Vortragende erörterte die bekannten Ereignisse der Jahre 1918/19, fand jedoch sichtlich keinen Gefallen an seinem Thema und erging sich deshalb in allerlei Abschweifungen. (Reichspost 17.05.1933: 4)

Wie die Zeit der Türkenbefreiung ein Wendepunkt in der Geschichte des Deutschtums sei, so sei auch jetzt wieder ein solcher Wendepunkt eingetreten. (Brandl, zit. nach: Ackerl 1984: 24)

» Literatur

Ackerl, Isabella (1984): Die Türkenbefreiungsfeiern des Jahres 1933. Historische Jubiläen als politische Propagandavehikel. In: Geschichte und Gegenwart, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Gesellschaftsanalyse und politische Bildung, 3. Jg. Wien, 18–26.

Die Braune Woche (20.05.1933): Unerwünschte Gäste!, 1–3.

Das Kleine Blatt (14.05.1933): Die Naziminister in Wien, 5, 22.09.2009.

Neue Freie Presse (17.03.1933): Demission des Polizeipräsidenten Brandl, 1, 24.09.2009.

Die Neue Zeitung (13.05.1933): Heute große Polizeibereitschaft, 1, 22.09.2009.

Reichspost (13.05.1933): Der reichsdeutsche Besuch in Wien, 3, 22.09.2009.

Reichspost (14.05.1933): An die reichsdeutschen Gäste, 1, 22.09.2009.

Reichspost (17.05.1933): Expolizeipräsident Dr. Brandl über den Kommunismus, 4, 24.09.2009.

Wiener Zeitung (14.05.1933): Reichsdeutscher Besuch bei den Nationalsozialisten, 6, 22.09.2009.