‚Türkenbefreiungsfeier’ des Heimatschutzes (14. Mai 1933)

Text: Silvia Dallinger

Die ‚Türkenbefreiungsfeier’ des Heimatschutzes am 14. Mai 1933 galt als offizielle Regierungsfeier, bei der Heimwehr-Angehörige aus allen Bundesländern aufmarschierten. Höhepunkt der Veranstaltung war eine Großkundgebung im Schlosspark Schönbrunn.

» Eine Machtdemonstration der Heimwehren

Gemäß den Weisungen des Bundesführers des Heimatschutzes und Nachfahren des einstigen Wiener Stadtkommandanten von 1683, Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg, galt es

den Wienern und der ganzen Welt ein klares Bild von der Stärke und Disziplin des Heimatschutzes zu geben und eine Organisation zu zeigen, die unbeirrt durch parteipolitische Zänkereien hinter ihren Führern steht, so daß Freund und Feind unbedingt mit ihr rechnen kann und muß. (Bundesführung des Österreichischen Heimatschutzverbandes 1933: 13)

Ziel war es zu zeigen, dass „Österreich den Österreichern gehört“ und der Heimatschutz durch den Aufmarsch die Revolution begonnen habe (Starhemberg 1934: 4). Demonstriert werden sollte der Schulterschluss zwischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und dem Heimwehrführer Starhemberg, also der Christlichsozialen Partei und dem Heimatschutz. In der christlichsozial-orientierten Wiener Tageszeitung ‚Reichspost‘ stand am Tag nach der Feier zu lesen:

Der gestrige Festtag galt einer Türkenbefreiungsfeier. Die Analogien sind greifbar. Auch heute ist eine Befreiungstat für Österreich und seine nationale und kulturelle Sendung in Mitteleuropa zu vollbringen. Dafür erheben sich alle österreichischen deutschen Stämme. Mit den Kümmeltürken von heute wird man schon fertig werden. (Reichspost 15.05.1933: 1)

» Großkundgebung im Schlosspark Schönbrunn

Die offizielle ‚Türkenbefreiungsfeier‘ der Regierung begann um 7:30 Uhr mit einer Kranzniederlegung an den Denkmälern von Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg (Stadtkommandant von 1683) und Andreas von Liebenberg (damaliger Wiener Bürgermeister) vor dem Rathaus durch den Bundesführer des Heimatschutzes Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg und den Wiener Landesführer des Heimatschutzes Bundesminister Emil Fey. Danach marschierten die Sturmkompagnie des Heimatschutzes und eine Ehrenabteilung des Studentenfreikorps Wien auf.

Um 10 Uhr begann schließlich die Großkundgebung im Schönbrunner Schlosspark mit einer Feldmesse, bei der Emil Fey eine Rede hielt: Wien sei so wie in der Zeit der Türkenkriege bedroht, es gebe aber damals wie heute einen Starhemberg, der Österreich beschützen werde:

Und dieser Mann, der damals hart und fest wie ein Fels im Meere des Feindes stand, er hieß Ernst Rüdiger Starhemberg. Und auch in der heutigen Zeit, da branden die Wogen heran gegen unsere Heimat, gegen unser Vaterland und wieder ist es ein Ernst Rüdiger Starhemberg, der sich an die Spitze vieler tausend heimattreuer kampfbegeisterter Männer gestellt hat, die sich in freiwilliger Disziplin und Vaterlandsliebe zusammengefunden haben, um Volk und Heimat zu schützen. Und so wie vor 250 Jahren werden auch in der Gegenwart alle Anschläge zunichte werden, wenn wir Heimatschützer so wie bisher treu zusammenhalten und hinter unserem Bundesführer stehen. (Fey, zit. nach: Reichspost 15.05.1933: 2)

In der darauf folgenden Ansprache von Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg gelobte dieser seine Treue gegenüber Bundeskanzler Dollfuß und betonte weiters:

Fünfzehn Jahre lang leben wir in einem politisch unwürdigen Dasein, fünfzehn Jahre sahen wir zähneknirschend, wie innerer Hader, wie Klassenkampf und anderes mehr unser Volk zermürbt und zersetzt. Österreichs Volk braucht einen Retter. Österreichs Volk und der österreichische Heimatschutz fragt nicht, aus welchem politischen Lager die Rettung kommt. Österreichs Volk und österreichischer Heimatschutz rufen ihrem Bundeskanzler zu: Seien Sie dieser Retter und seien Sie überzeugt, alles geht mit Ihnen und alles ist bei Ihnen, wenn Sie daran gehen, Österreich zu retten. (Die Neue Zeitung 15.05.1933: 1)

Die Abschlussrede blieb Bundeskanzler Engelbert Dollfuß vorbehalten. Er erinnerte an die Verdienste der Truppen und Führer von 1683 und warnte vor einer neuerlichen Bedrohung innerhalb der Staatsgrenzen durch die Sozialdemokraten:

Heute steht der Feind nicht abgegrenzt durch irgendwelche Gräben oder Drahtverhauen uns gegenüber. Nach dem Kriege ist der Feind in das Volk eingedrungen. Fremder Geist und fremde Ideen haben sich in unserem Volke eingenistet und haben böses Unheil angerichtet. […] Wir wollen den Geist in unserer Heimat wieder erneuern in dem Zeichen, in dem vor zweihundertfünfzig Jahren das christliche Abendland vom Asiatentum befreit worden ist, im Zeichen des einfachen Christenkreuzes. (Die Neue Zeitung 15.05.1933: 2)

Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete eine Luftparade des Heimatschutzfliegergeschwaders sowie ein Marsch der Heimatschutz-Formationen durch die Hofallee, über die Mariahilferstraße zum Ring bis zum Schwarzenbergplatz.

» Wer nahm an der Veranstaltung teil?

Neben Ernst Rüdiger Fürst Starhemberg, dem Bundesführer der Heimwehr, und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß nahmen folgende Personen an der ‚Türkenbefreiungsfeier‘ des Heimatschutzes teil:

  • General Carl Vaugoin, Altbundeskanzler und Heeresminister
  • Anton Rintelen, Unterrichtsminister
  • Kurt Schuschnigg, Justizminister
  • Baron Emil Fey, Landesführer der Wiener Heimwehr, Bundesminister für die öffentliche Sicherheit
  • Odo Neustädter-Stürmer, Staatssekretär, Chefideologe der Heimwehr
  • Reichsbund der Österreicher: Gesandter a. D. Dr. Wiesner; Prinz Liechtenstein; die Obersten Meister, Neufeld und Härtlen
  • Diplomatischer Korps: italienischer Gesandter Preziosi, ungarischer Militärattaché Oberst Hochenburger, Gesandter des Souveränen Malteser Ritterordens Großprior Fürst Ludwigstorff, Fürst van der Straten, der in Wien weilende indische Maharadscha, zahlreiche Japaner
  • Heimwehrler aus allen Bundesländern

» Faule Eier, Freibier und ein Blumenmeer

In den regierungsfreundlichen Blättern, allen voran der ‚Reichspost’, wurde die ‚Türkenbefreiungsfeier’ übertrieben positiv dargestellt, während sich sozialdemokratische als auch nationalsozialistische Blätter darüber lustig machten. Die ‚Reichspost’ berichtete etwa von 40 000 „Heimwehrlern“ aus allen Bundesländern, die am Aufmarsch teilgenommen hätten:

Fünf Stunden lang währt der Zug. Ihn umbrandet das rote Rudolfsheim mit einem Höllenkonzert, er durchschreitet unbekümmert am Gürtel bübische Demonstrationen nationalsozialistischer Anhänger, dadurch ebenso wenig in seiner unerschütterlichen Ordnung berührt. […] In Sechzehnerreihen füllen sie schließlich stundenlang die Straßen. […] Denn diese Vierzigtausend aus allen Bundesländern sind eine Armee, hinter jedem der hier Einhermarschierenden stehen zehn, zwanzig und mehr daheim. (Reichspost 15.05.1933: 1)

Das sozialdemokratische ‚Kleine Blatt’ hingegen berichtete folgendermaßen über die Feier:

Die mit Riesentamtam angekündigte und mit Riesenaufwand an Geld und Freibier in Szene gesetzte Heimwehrparade in Wien, zu der die Türkenbefreiung vor 250 Jahren den Vorwand abgab, ist recht blamabel verlaufen. Statt der großmäulig versprochenen 40.000 bis 60.000 Heimwehrmannen sind alles in allem wohlgezählte 25.000 Hahnenschwänze erschienen, obgleich in ganz Österreich mit größten Anstrengungen für diese Gratisfahrt nach Wien geworben worden war.

Bei den 51 Freiheitsfeiern, die die sozialdemokratische Partei zur gleichen Stunde in Wien veranstaltete, waren gut zehnmal mehr Menschen vereinigt, als bei der Parade der ‚Volksbewegung‘ aus ganz Österreich! (Das Kleine Blatt 15.05.1933: 1)

Während des Heimwehraufmarsches hatten Demonstrationen von Nationalsozialisten und Sozialdemokraten stattgefunden. Die Berichterstattung fiel jedoch oft – je nach parteipolitischen Interessen – diametral entgegengesetzt aus: Auf der einen Seite berichtete die ‚Reichspost’ von einem „Blumenregen“ (Reichspost 15.05.1933: 3), der auf die Vorbeimarschierenden niedergegangen sei.

Auf der anderen Seite bezeichnete die nationalsozialistische Zeitung ‚Die Braune Woche’ die offizielle ‚Türkenbefreiungsfeier’ als „Tag der faulen Eier“, „Eier, die Herr Starhemberg teils in sein von einer jüdischen Nase geziertes Gesicht bekam“: „Welcher Kontrast […] Samstag nationalsozialistische Führer fast in Blumen erstickt […] Sonntag Heimwehrhäuptlinge […] fast in Dreck erstickt“ (20.05.1933: 2).

» Cartoon zum “Türkenbefreiungsfest”

Im ‚Kleinen Blatt’ vom 13. Mai 1933 erschien ein Cartoon mit dem Titel „Vorbereitungen zum Türkenbefreiungsfest”.

» Literatur

Ackerl, Isabella (1984): Die Türkenbefreiungsfeiern des Jahres 1933. Historische Jubiläen als politische Propagandavehikel. In: Geschichte und Gegenwart, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Gesellschaftsanalyse und politische Bildung, 3. Jg. Wien, 18–26.

Die Braune Woche (20.05.1933): Unerwünschte Gäste!, 1–3.

Bundesführung des Österreichischen Heimatschutzverbandes (1933): Weisungen für die Türkenbefreiungs-Gedenkfeier am 14. Mai 1933 in Wien. Wien.

Das Kleine Blatt (13.05.1933): Cartoon: Vorbereitungen zum Türkenbefreiungsfest, 1, 18.09.2009.

Das Kleine Blatt (15.05.1933): Wien von den – Türken befreit!, 1, 22.09.2009.

Die Neue Zeitung (15.05.1933): Der Marsch der Vierzigtausend, 1–2, 21.09.2009.

Reichspost (15.05.1933): Der Zug der Vierzigtausend durch Wien, 1–3, 21.09.2009.

Starhemberg, Ernst Rüdiger, Fürst (1934): Über Leistungen, Aufgaben und Zukunft des Heimatschutzes. Österreichischer Heimatschutz, Propagandastelle der Bundesführung, Wien.

Wiener Sonn- und Montagszeitung (15.05.1933): Heil Dollfuß, Heil Starhemberg! 40.000 marschieren durch Wien, 1–3, 22.09.2009.

Wiener Zeitung (14.05.1933): Die Türkenbefreiungsfeier des Heimatschutzes, 6, 22.09.2009.

Wiener Zeitung (16.05.1933): Über 40.000 begeisterte Kämpfer für Österreich, 2–4, 22.09.2009.