Das Volksfest im Prater (11. September 1883)

Text: Johanna Witzeling, Simon Hadler

Ist ein Volksfest im Prater der angemessene Rahmen, um der Befreiung Wiens von osmanischer Belagerung zu gedenken? Diese Frage führte im Jubiläumsjahr 1883 zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern Österreichs. Da sich der Gemeinderat zunächst gegen ein Volksfest im Prater entschieden hatte, formierte sich Widerstand von Seiten der Wiener Bürger, die daraufhin ein eigenes Komitee gründeten. Das Volksfest konnte jedoch schließlich wie geplant am 11. September 1883 im Prater über die Bühne gehen – u.a. mit einem imposanten Feuerwerk, das an die Hilferufe der Stadt und die ersehnten Antwortsignale des Entsatzheeres erinnern sollte.

» Wie soll das 200-jährige Jubiläum der Befreiung Wiens gefeiert werden?

Mitte Juli 1883 wurden im Wiener Gemeinderat das Programm und das Budget für die 200-Jahrfeierlichkeiten der Befreiung Wiens 1683 besprochen; unter anderem debattierte man über die Veranstaltung eines Volksfestes im Wiener Prater. Als Termin wurde der 11. September 1883 ins Auge gefasst. In der Gemeinderatssitzung vom 17. Juli wurde die Feier dieses ‚Allgemeinen Volksfestes‘ jedoch mit einer Mehrheit von 41 zu 25 Stimmen abgelehnt (vgl. Neue Freie Presse 18.07.1883: 4).

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzungen, die sich im Vorfeld zwischen den Wiener Bürgern und Onno Klopp abspielten. Der konservative, dynastietreue Historiker hatte in seinem Geschichtswerk „Das Jahr 1683 und der folgende große Türkenkrieg bis zum Frieden von Carlowitz 1699“ (1882) den Anteil der Wiener Bürger am Entsatz 1683 in Frage gestellt (siehe “Onno Klopp greift an”). Weiters hatte er mit seinem „Votum für die Säcularfeier“ (1882) eine religiöse Dankesfeier vorgeschlagen, um das Jubiläum in angemessener Form zu begehen. Für die Mitglieder der ‚Bürgervereinigung Liebenberg‘ war es laut ihrer Bezugnahme auf Klopp (1883) zwar denkbar, auch eine Feier im speziell religiösen Rahmen abzuhalten, im Allgemeinen sollte jedoch eine möglichst große Öffentlichkeit in das Erinnern und Gedenken mit einbezogen werden. Man verkenne

weder die Dankespflicht gegen Gott, den allmächtigen Lenker aller Dinge, noch soll die höhere Weihe bestritten werden oder gar unerwünscht erscheinen, welcher ein religiöser Act einer jeden Feier verleiht, wenn man der Meinung ist, dass die Erinnerung an den 12. September auch in anderer unmittelbarer Weise im Publikum zu wecken oder rege zu erhalten ist. (Wienerisches Ehrenkränzlein von 1683 1883: 33)

Dass die deutschliberale ‚Neue Freie Presse‘ die Ablehnung eines Volksfestes im Prater begrüßte und ihren Standpunkt unter anderem damit begründete, dass zur Erinnerung an „die Türkennoth“ ein „würdiges“, nicht „geräuschvolles, lärmendes Fest“ zu veranstalten sei, überrascht auf den ersten Blick:

Die Stadt Wien wird also die Gedenkfeier an die Befreiung Wiens vor der Türkennoth in würdiger und wirksamer Weise begehen. Die Vertreter der Stadt haben es abgelehnt, sich zu geräuschvollen, lärmenden Festen drängen zu lassen, welche man nur deshalb in Szene setzen wollte, um damit eine tendenziöse, durch die Feier nicht gebotene Demonstration zu veranstalten, welche der heutigen Stimmung und der politischen Gesinnung der Stadt und dem deutschen Charakter ihrer Bewohner keineswegs entspricht. (Neue Freie Presse 18.07.1883: 4)

» Das Volksfest im Prater wird zum Politikum

Der Liberalismus hatte bereits im Jahr 1879 seine politische Vormachtstellung im Abgeordnetenhaus zugunsten der deutsch-österreichischen, polnischen und tschechischen Konservativ-Klerikalen unter Ministerpräsident Eduard Taaffe verloren. Während die ‚liberale Ära‘ (1867–1879) in der österreichischen Hälfte der k. u. k. Monarchie im Jahr 1883 längst vorbei war, wurde u.a. in der Stadt Wien mit Eduard Uhl 1882 wieder ein Vertreter des liberalen Bürgertums zum Bürgermeister gewählt. Die Liberalen bildeten hier die stärkste Gemeinderatsfraktion, der aber eine wachsende Opposition rivalisierend gegenüber stand.

Vor diesem Hintergrund wurde auch die Debatte um das Volksfest im Wiener Prater zum Politikum zwischen „den einander gegenüberstehenden Parteien des liberalen Bürgertums und der Intelligenz (der Bürgermeister Uhl angehörte) einerseits und der Koalition unter Dr. Karl Lueger“ (Bienkowski 1983: 406).

In einer Sitzung am 17. Juli 1883 legte die ‚Säcularfeier-Commission‘ dem Gemeinderat ein Programm für die Veranstaltungen rund um die Feierlichkeiten des 12. September 1883 vor. Die Anträge beinhalteten laut in der ‚Neuen Freien Presse‘ vom 18.07.1883 veröffentlichtem Sitzungsprotokoll folgende Programmpunkte (Neue Freie Presse 18.07.1883: 5):

11. September: Enthüllung der Votivtafel am Kahlenberg (danach Frühstück am Kahlenberg mit 800 geladenen Gästen)

12. September abends: Feuerwerk im Prater und am Kahlenberg, Konzerte dreier Musikkapellen sowie des Gauverbands der Gesangsvereine

Ein Drittel des von der ‚Säcularfeier-Commission‘ beantragten Kredits für die Feierlichkeiten sollte für die Finanzierung des Frühstücks am Kahlenberg für 800 Gäste verwendet werden.

» „Eine Beleidigung der Bevölkerung“

Die Vorschläge der ‚Säcularfeier-Commission‘ für die geplanten Feierlichkeiten am 12. September in der Gemeinderatssitzung am 17. Juli 1883 lösten heftige Wortgefechte zwischen den Gemeinderäten aus. Albert Geßmann, der spätere Mitbegründer der Christlichsozialen Partei, wurde von der ‚Neuen Freien Presse‘ folgendermaßen zitiert:

Die Intention der Commissionsanträge könne nur dahin gehen, daß man die Festlichkeiten im engsten Kreise mit Ausschluß der Bevölkerung abhalten wolle. Dies Vorgehen der Commission involviere eine Zurücksetzung, ja eine Beleidigung der Bevölkerung von Wien. [….] Die Commission habe weder verstanden, die Bedeutung des Tages zu erfassen, noch entspreche ihr Vorgehen den Rücksichten gegen die Bevölkerung, und deshalb werde er gegen die Anträge stimmen. (Neue Freie Presse 18.07.1883: 5)

Die Überlegungen zur Veranstaltung eines Volksfestes im Prater wurden nach politischen Interessen abgewogen, was in der Debatte im Gemeinderat auch offen dargelegt wurde. So meinte etwa der konservative Gemeinderat Dr. Pichl, das Problem würde darin liegen, „daß die Commission diese Festlichkeiten mit der Politik zusammenbringt, mit der politischen Strömung, mit den Principien, die gegenwärtig herrschen, und das sei immer in solchen Fällen eine sehr mißliche Sache“ (Neue Freie Presse 18.07.1883: 5).

Auch der liberale Gemeinderat Schlechter sprach dieselbe Problematik an, lehnte zugleich aber die Veranstaltung des vorgeschlagenen Volksfestes ab:

Der Gemeinderath würde ein Spielball werden, er müsste sich geradezu einer Gesinnungslosigkeit schuldig machen, wenn er sich heute für ein Volksfest entscheide, nachdem vor einigen Wochen hier über den Niedergang von Wien geklagt wurde und der Landtag von Niederösterreich sich der bedrohten Interessen von Wien angenommen. Wenn niemand den Muth hat, den wirklichen Grund für die Opposition gegen Festlichkeiten im gegenwärtigen Momente auszusprechen, so finde ich denselben. Der Pessimismus besteht einmal, und nach dem, was in jüngster Zeit hier und im Landtagssaale gesprochen worden, kann von Festen für die Stadt Wien keine Rede sein. (Schlechter ebd.: 5)

Unerfreuliche Ereignisse im Jahr 1883, wie der Anstieg der Preise oder die von unbekannten Tätern gelegten Brände in den Wiener Vorstädten, wurden als Gründe angeführt, welche die Sinnhaftigkeit eines großen Praterfestes generell in Frage stellten. Die deutsch-liberalen Gemeinderäte begründeten ihre ablehnende Haltung insbesondere mit der ‚Trauer‘ der Wiener und Wienerinnen über ‚die gegenwärtige politische Lage‘:

Die Morgenpost schrieb am 19. Juli 1883 unter dem Titel „Kein Volksfest!“ dazu:

Die Vereinigte Linke ist mit der gegenwärtigen Lage der Dinge in Oesterreich nicht zufrieden. Gut, das ist ein Standpunkt, der sich vertheidigen lässt. Aber was hat das Türkenbefreiungsfest mit dem Umstande zu thun, dass die Verfassungspartei sich zur Zeit in der Minorität befindet? Haben jene Herren, welche im Gemeinderathe die Ideen der deutsch-böhmischen Parteiführer verdollmetschen, etwa gefürchtet, die gesamte Bevölkerung der Reichshaupt- und Residenzstadt werde die Veranstaltung eines Volksfestes dazu benützen, Diejenigen zu desavouiren, welche in Einemfort verkünden, daß über Wien eine wahre Charfreitagsstimmung hereingebrochen sei, daß der sprichwörtliche Wiener Humor nur noch der Erinnerung angehöre, und daß die Bevölkerung unserer Stadt sich am liebsten in Sack und Asche kleiden würde, um der Trauer ihres Herzens auch äußerlich den entsprechenden Ausdruck zu geben? (Morgenpost 19.07.1883: 1)

Ebenso verwies die ‚Allgemeine Zeitung‘ am 20. Juli 1883 auf die politischen Hintergründe der Debatte um das Volksfest im Prater:

In Wien ist man bekanntlich in weiten Kreisen sehr mißvergnügt über die dem Régime Taaffe zu Last gelegte Zurücksetzung der Reichshauptstadt Wien als eine speciell und besonders schmerzlich empfundene Consequenz der Begünstigung des Slaventhums und der Zurückdrängung des deutschen Elements. Deswegen hält man in diesen Kreisen den gegenwärtigen Zeitpunkt für ein großes Volksfest nicht für geeignet, und diese Meinung hat gestern der Wiener Gemeinderath durch seinen Beschluß zur Geltung gebracht.

Anhänger des Ministeriums Taaffe bezeichneten diese Trauer als ‚künstlich‘ produziert, Wien würde damit fälschlich als „trauernde Niobe“ dargestellt werden (vgl. Neue Freie Presse 18.07.1883: 10).

Der Wiener Gemeinderat stimmte ab, lehnte ein ‚Allgemeines Volksfest im Prater‘ schließlich mit einer Mehrheit von 41 zu 25 Stimmen ab und nahm die Vorschläge der ‚Säcularfeier-Commission‘ (40 zu 21 Stimmen) an. Mit ihrem ablehnenden Beschluss hätten die liberale Gemeinderäte der ‚Neuen Freien Presse’ zufolge aber nichts anderes erreicht, „als daß sie um einer Demonstration willen, die sie zu einer politischen stempeln wollen, das Ansehen der Stadt und der Vertretung bloßgestellt haben“ (Neue Freie Presse 18.07.1883: 10).

» Die Bürger setzen sich für ein Volksfest ein

Die Ablehnung eines Volksfestes im Wiener Prater durch den Gemeinderat führte auch zu heftigen Protesten der Wiener Bürger. So wurden auf einer Versammlung am 26. Juli 1883 in der „Bierstube von Anton Dreher“ zahlreiche Resolutionen gegen diese Entscheidung verabschiedet.

Am 1. August 1883 versammelten sich 250 Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Bürgervereinigungen (Berufsorganisationen, Gesangs-, Turn- und Künstlervereine, die ‚Bürgervereinigung Liebenberg‘ u.a.) und gründeten unter dem Vorsitz des Wiener Fabrikanten Karl Giani ein 30-köpfiges Komitee für das vom Gemeindereat abgelehnte Volksfest im Prater. Dieses Komitee habe sich nach Bienkowski (1983: 406) auf die „wohlwollende Haltung des Bürgermeisters“ gestützt, der sich allerdings „loyalerweise dem Beschluß des Gemeinderats fügte“ (vgl. Bienkowski 1983: 406).

Am 13. August legte das Komitee ein eigenes Programm für die Feiern am 8. und 9. September fest. Zu diesem Programm zählten:

- Feuerwerke am Kahlen- und Leopoldsberg am Abend des 8. September

- eine Messe am Kahlenberg am Morgen des 9. September und eine weitere zu Mittag in der Votivkirche

- ein Umzug in historischen Kostümen aus dem 17. Jahrhundert

- ein Volksfest im Wiener Prater am Abend des 9. September

Die ‚Wiener Zeitung‘ schrieb darüber in der Ausgabe der ‚Kleinen Chronik‘ vom 14. August 1883 unter dem Titel „Für das Volksfest“:

Heute waren Deputationen vom demokratischen Vereine „Eintracht“ im 3. Bezirke und vom demokratischen Vereine im 8. Bezirke beim Bürgermeister, um demselben die Beschlüsse dieser Vereine gegen den Beschluß des Gemeinderathes, durch welchen die Veranstaltung eines Volksfestes am 12. September negirt wurde, zu überreichen. (Wiener Zeitung 14.08.1883: 2)

Derselbe Text wurde auch im ‚Vaterland‘ am gleichen Tag unter dem Titel „Zu Gunsten des Volksfestes“ abgedruckt (Seite 5).

Einen Tag später, am 15. August, untersagte die Polizeidirektion jedoch den Umzug und das Volksfest aus Sicherheitsgründen, was neuerlich zu Protesten führte. Auch die Entscheidung des Kriegsministeriums, die Delegationen der Regimenter aus dem 17. Jahrhundert nicht an der Feier teilnehmen zu lassen, führte zu Protesten der Wiener Bürgerinnen und Bürger.

Auch außerhalb Wiens schlug die polizeiliche Untersagung der Veranstaltung hohe mediale Wogen. Dass die Polen somit kein historisches Regiment entsenden und mit ihm am Umzug teilnehmen konnten, wurde vor allem im österreichischen Teil Polens (seit 1772) als eine weitere Zurückweisung seines Anspruchs auf einen Anteil am Entsatz von Wien im Jahr 1683 aufgefasst. So kommentierte u.a. die der demokratisch-nationalen Opposition zugerechnete Krakauer Zeitung ‚Nowa Reforma’ das Votum des Wiener Gemeinderates und die Absage mit Verärgerung und Zynismus wie folgt:

Die Wiener Polizei neidete der Mehrheit des dortigen Stadtrats den Erfolg und untersagte den wichtigsten und schönsten Teil des Festzugs zum 200. Jahrestag des Entsatzes von Wien – in Folge dessen löste sich das hierfür gebildete Komitee auf und sagte die gesamte Feier ab. Die Opposition kann triumphieren – das Andenken an den Tag, der für Wien der Tag der Befreiung von der tödlichen Umarmung der türkischen Übermacht und für Polen ein Tag großen Ruhmes war – er wird kein feierlicher Festtag werden. Dieser Tag vergeht in Wien wie alle anderen 365 im Jahr.

Für uns Polen ist das heute schon fast egal. Nach allem, was dem vorangegangen ist, nach dem wahrlich unwürdigen Handeln um das Entsatzdenkmal in der Stephanskirche, nach solchen Werken wie das von Onno Klopp und anderen dieser Sorte von pseudo-historischen Schreibern, nach den Entscheidungen des Wiener Stadtrates, der es Sobieski nicht verzeihen kann, dass 200 Jahre nach ihm zwei Polen österreichische Ministerposten einnehmen – nach all dem ist es uns vollkommen egal, ob der 12. September 1883 für Wien genauso oder doch ein kleines bisschen weniger gewöhnlich sein wird als alle anderen Tage dieses Jahres.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder darauf, wie der Tag bei uns im Land begangen wird. […] Man kann heute, nach 200 Jahren, Sobieski vorwerfen, dass er im Jahr 1683 nicht die Rolle erahnt hat, die Österreich im Jahr 1772 und danach spielen würde […] Aber mit Sicherheit wagt niemand abzustreiten, dass die Wiener „Schlacht“ ein Tag größten Ruhmes für Polen war und noch wichtiger: ein Tag großen zivilisatorischen Verdientes der polnischen Nation, ein Beweis unserer weltweiten geschichtlichen Bedeutung. (Nowa Reforma, 19.8.1883, S. 1) [Übersetzung Simon Hadler]

Davon sicher unbeeindruckt verlangten die Wiener Bürgerinnen und Bürger erneut ein Volksfest und konnten sich schließlich durchsetzen: Am 1. September wurde entschieden, das Fest im Prater wie ursprünglich geplant am 11. September stattfinden zu lassen (vgl. Bienkowski 1983: 408).

» Reisig und Raketen – Das Volksfest am 11. September 1883

Der Wiener Prater war am Tag des Volksfestes bereits nachmittags gut besucht. Die Gasthäuser und Buden waren mit Fahnen und Reisig geschmückt. Offiziell wurde das Fest um 16 Uhr mit einem Konzert der Musikkapelle des Infanterie-Regiments Wilhelm I. auf der Rustenschacher-Wiese eröffnet. Die Tribüne war ebenfalls mit Reisig-Girlanden, Flaggen, städtischen Wappen und mit der Fahne des Männergesang-Vereines geschmückt.

Ab 17 Uhr war die Tribüne bereits mit mehreren tausend Besuchern und Besucherinnen gefüllt. Es folgte ein Volks-Konzert des Männergesang-Vereines, auf dessen Lieder wie z.B. „Prinz Eugen“, „Otto’s Tanzlied“ und den „steierischen“ Tänzen „Aus guter alter Zeit“ von Lanner im Publikum „tausende Rufe“ nach dem „Deutschen Liede“ ertönt seien.

Ursprünglich gegen ein Volksfest im Prater, wusste die liberale ‚Neue Freie Presse’ die Veranstaltung dennoch gemäß der politischen Färbung des Blattes zu nutzen. Das Volkskonzert habe durch die „spontane Begeisterung des Publicums“

einen erhebend deutschen Charakter [erhalten], und die freudigen Zurufe, welche beim Erklingen des nationalen Gesanges laut wurden, lehrten aufs neue, wie der Kern unserer Bevölkerung keinen Anlaß vorübergehen läßt, ohne seine deutschen Empfindungen kräftig zu documentieren. (Neue Freie Presse 12.09.1883: 5)

„Productionen der Militär-Capellen“ wurden auf der Feuerwerks- und „Vermälungswiese“ präsentiert. Die Wiese am Ende der Ausstellungsstraße wurde zum Schauplatz für das Feuerwerk auserkoren. Dieses sollte an den „denkwürdigen Abend des 11. September 1683“ erinnern, als sich die Stadt in größter Bedrängnis befunden hatte. Die Belagerten hatten damals Raketen vom Stephansturm als Notsignale für die bereits am Kahlenberg aufgestellten Entsatztruppen abgefeuert. Als diese als Antwort Raketen vom Kahlenberg aufsteigen gelassen hatten, wäre der Jubel der in Wien eingeschlossenen Bevölkerung groß gewesen. Zum Andenken daran wollte man 200 Jahre danach dieses Schauspiel wiederholen. Allerdings erschien das Abfeuern von Raketen vom Stephansdom ob der bestehenden Brandgefahr zu gefährlich. Daher entschied die ‚Säcularfeier-Commission‘, das nachgestellte „Notsignal“ nun vom Prater aus abzufeuern und dieses vom Kahlenberg aus „in historischer Weise zu beantworten“. Eine „ungeheure Menschenmenge“ bejubelte das Schauspiel, „als um halb 8 Uhr auf dem Kahlenberg die erste, von der Menge mit freudig stürmischen Rufen begrüßte Rakete aufstieg“.

Stürmisch und brausend wurde aber der Jubel erst, als die große Front abgebrannt wurde, welche einen prächtigen Anblick bot. In der Mitte erstrahlte das Wappen der Stadt Wien, umgeben von Fahnen, Waffen und Trophäen; in verschiedenen Lichtern erstrahlten sodann die Zahlen 1683–1883, und darüber flogen prasselnd Raketen und Feuergarben auf, leuchteten prächtige Sonnen, funkelte und glitzerte ein vielfarbiges Sprühfeuer. (Neue Freie Presse 12.09.1883: 5)

Die Menge verließ nach dem Feuerwerk unter den Klängen von „O du mein Oesterreich“ die Feuerwerkswiese. Nach dem Spektakel konnten sich die Besucher und Besucherinnen des Volksfestes an „Eintagswitzen“ wie „Kara-Mustapha-Salzstangerln“, „Türkenkugeln“ und „Befreiungsbier“ laben.

» Pressestimmen zum Volksfest

Schon unmittelbar vor dem Volksfest im Prater am 11. September 1883 hatte es zahlreiche Kontroversen zwischen liberalen und konservativen Gemeinderäten gegeben. Das Fest hatte letztlich zwar stattgefunden, die politischen Spannungen hatten aber nicht nachgelassen. Unter anderem bekundeten die Gemeinderäte durch ihre Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an verschiedenen Jubiläumsfeierlichkeiten ihre Ablehnung der jeweils gegnerischen Partei.

Die Zeitungen von damals dokumentierten und interpretierten die Geschehnisse entsprechend ihrer politischen Ausrichtung:

Das katholisch-konservative ‚Volksblatt‘ und ‚Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie‘ publizierten denselben Artikel mit dem Titel „Das Volksfest im Prater“. In der Einleitung wurde auf die Auseinandersetzungen zwischen den katholisch-konservativen und liberalen Gemeinderäten Bezug genommen, wobei hier, der Färbung dieser Blätter gemäß, in Richtung der Liberalen gestichelt wurde:

Der obige Titel [Das Volksfest im Prater] behagt vielleicht einem Theile der Wiener Presse und den gesinnungsverwandten Gemeinderäthen nicht – denn es sollte ja, um die allgemeine Trauer über die ‚politische Lage‘ zu kennzeichnen, kein Volksfest stattfinden. So lautete der Beschluß, den die Majorität des Gemeinderathes unter dem Jubel der liberalen Hetzpresse seinerzeit gefasst hat. Die Folgen dieses Beschlußes zeigten sich theilweise auch bei der gestrigen Enthüllungsfeier auf dem Kahlenberge, an welcher nur zwei Drittel der Gemeinderäthe teilnahmen, während sich ein gutes Drittel von dem Feste fernhielt. Glücklicherweise hatte dieser Zwist im Gemeinderathe keinen Einfluß auf den Dienstag Abend [im Prater]. (Volksblatt 13.09.1883: 2; Das Vaterland 12.09.1883: 7)

Die liberale ‚Neue Freie Presse‘ bemerkte am Ende ihres Berichtes über das Praterfest, dass sämtliche Minister die Teilnahme am Baufest anlässlich der Schlusssteinlegung im neuen Rathaus abgesagt hatten. Ebenso meinte man, dass das Festkomitee nicht mit dem vollzähligen Erscheinen der Minister zur Schlusssteinlegung des neuen Rathauses rechnen dürfe.

Obwohl der liberale Teil des Gemeinderats das Volksfest zunächst abgelehnt hatte, wusste er es dennoch zu seinen Gunsten auszulegen, wie die ‚Neue Freie Presse‘ berichtet.

Die offiziöse ‚Wiener Zeitung‘ zog nach dem Praterfest folgendes Resümee: „Das Praterfest verlief trotz der außerordentlich großen Theilnahme seitens der Bevölkerung in der besten Ordnung, und wurde das Volksfest nicht durch den geringsten Mißton getrübt“ (Wiener Zeitung 12.09.1883: 7).

Während laut der liberalen ‚Neuen Freien Presse‘ das Publikum mit „tausend Rufen“ das ‚Deutsche Lied‘ verlangte, wurde dem Bericht der ‚Wiener Zeitung‘ zufolge das populäre Lied ‚Prinz Eugen‘ „enthusiastisch acclamirt“, sodass es „wiederholt werden“ musste. Laut der ‚Neuen Freien Presse‘ erzielte das Lied ‚Prinz Eugen‘ lediglich „einen besonders guten Eindruck“. Insbesondere die Stelle „‚Halt’ euch brav, ihr deutschen Brüder, Greift den Feind nur herzhaft an’ sei mit brausendem Beifall aufgenommen“ worden (Neue Freie Presse 12.09.1883: 5).

» Literatur

Allgemeine Zeitung (20.07.1883): Oesterreichisch-ungarische Monarchie. Aus Oesterreich, 2923. München.

Bienkowski, Wieslaw (1983): Wien und Krakau 1883. Die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum. In: Studia Austro-Polonica 3, 401–439.

Klopp, Onno (1882): Das Jahr 1683 und der folgende große Türkenkrieg bis zum Frieden von Carlowitz 1699. Graz.

Klopp, Onno (1882): Zur Zweiten Säcular-Feier des 12. September 1683. Wiederabdruck der Anfrage des Herrn Bürgermeisters Uhl und der zwei offenen Sendschreiben von Onno Klopp an denselben, mit einem Votum für die Säcularfeier. Graz.

Morgen-Post (19.07.1883): Kein Volksfest! 1–2. Wien.

Neue Freie Presse (18.07.1883): Communal-Zeitung. Wiener Gemeinderath, 4–5, 08.07.2009.

Neue Freie Presse (12.09.1883): Aus dem Prater, 5, 08.07.2009.

Nowa Reforma (19.8.1883): Kraków, 18 sierpnia, 1, 15.9.2011.

Die Presse (18.07.1883): Wiener Gemeinderath. Sitzung vom 17. Juli, 10–11, 15.09.2009.

Das Vaterland (14.08.1883): Zu Gunsten des Volksfestes, 5, 15.07.2009.

Das Vaterland (12.09.1883): Das Volksfest im Prater, 7, 08.07.2009.

Volksblatt (13.09.1883): Das Volksfest im Prater, 2, 08.07.2009.

Wienerisches Ehrenkränzlein von 1683 (1883): Unparteiische Prüfung der Anschuldigungen des Herrn Onno Klopp durch eine Vereinigung von Wiener Bürgern. Herausgegeben als erste Vereinsgabe der ‚Bürgervereinigung Liebenberg’. Wien.

Wiener Zeitung (14. 08. 1883): Für das Volksfest, 2, 15.07.2009.

Wiener Zeitung (12.09.1883): Säcularfeier der Stadt Wien, 7, 15.07.2009.