Europavesper am Heldenplatz (10. September 1983)

Text: Silvia Dallinger

Papst Johannes Paul II. hielt während seines Besuches im Rahmen des ‚Österreichischen Katholikentages‘ 1983 rund 20 Reden, Ansprachen und Predigten, wobei die Europavesper am Wiener Heldenplatz am 10. September als die historisch-politisch aufgeladenste Veranstaltung wahrgenommen wurde. Im Rahmen der Europavesper sollte auch des Jahres 1683 gedacht werden. Dass diese europäisch angelegte Veranstaltung ausgerechnet am historisch belasteten Heldenplatz stattfinden sollte, sorgte bereits im Vorfeld für kritische Stimmen. Die Veranstalter argumentierten aber damit, dass der Platz aufgrund seiner Größe als einziger in Frage komme.

» Papst Johannes Paul II. kündigt sich an

Franz Kardinal König hatte bereits ein Jahr vor dem Papstbesuch auf einer Pressekonferenz am 3. Juni 1982 erklärt, warum Johannes Paul II. die Österreichreise ein so großes Anliegen sei:

‚Dem Papst ist es deswegen so wichtig, zum Österreichischen Katholikentag zu kommen, weil er hier Gelegenheit hat, sich durch die moderne Kanzel des ORF an den Osten zu wenden und den Europa-Gedanken auf seine Weise zu interpretieren.‘ (Mitterauer 1982: 111)

Drei Tage später kündigte Papst Johannes Paul II. in einer ORF-Ansprache seinen Besuch persönlich an und verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass vom Katholikentag „für Eure Heimat und für ganz Europa eine christliche Neubesinnung auf die tiefen gemeinsamen geistigen Wurzeln ausgehen“ möge (Kraxner et al. 1984: 101). Durch diese „Einheit in der Vielfalt“ ergebe sich eine gemeinsame Verantwortung für Europa und dessen christliche Erneuerung und Missionierung. Auf der Europavesper wandte sich der Papst schließlich indirekt gegen die Teilung Europas in Ost und West.

» „Die christlichen Wurzeln Europas“

In seiner Heldenplatzrede am 10. September 1983 nahm Johannes Paul II. im Unterschied zu anderen Ansprachen gleich mehrere Male auf die „gemeinsamen christlichen Wurzeln Europas“ und die „christlich geprägte europäische Identität“ Bezug. In Anbetracht der offiziellen Abwendung der ‚Ostblockstaaten‘ von der Kirche und der pluralistischen Demokratie ergriff das katholische Kirchenoberhaupt die Gelegenheit, auf das gemeinsame europäische „Erbe“ hinzuweisen: auf die vermeintlich durch das Christentum hervorgegangenen „gemeinsamen Werte“ wie Menschenrechte und das ‚Gebot der Feindesliebe‘. Ihnen verdanke Europa seinen Reichtum und seine Kraft, „das blühende Gedeihen von Kunst und Wissenschaft, Bildung und Forschung, Philosophie und Geisteskultur“ (Papst Johannes Paul II., Europavesper, 10.09.1983 ).

Das Kreuz, also der christliche Glaube, könne Hoffnung auf Erlösung, Versöhnung und Frieden schaffen: „Im Kreuz ist Hoffnung“ – so lautete auch der Titel der Papstrede.

Im Zeichen des Kreuzes haben wir uns auf die Geschichte und Sendung Europas besonnen und in diesem Licht die Geschichte und Sendung Österreichs bedacht. Wir sind uns neu bewußt geworden, daß Gegenwart und Zukunft Europas kraftvoller Impulse aus der Mitte unseres Christseins bedürfen; daß es wache Herzen braucht, solche Impulse aufzunehmen und in die Tat umzusetzen. (Papst Johannes Paul II., Abschiedszeremonie auf dem Internationalen Flughafen Schwechat Wien, 13.09.1983)

Um diese Symbolik noch weiter zu stärken, ließ der Papst zum Abschluss der Europavesper ein Kreuz nach einem Entwurf von Gustav Peichl errichten. Das so genannte Katholikentagskreuz erinnert noch heute am Heldenplatz zwischen dem Völkerkundemuseum und dem Heldendenkmal (Burgtor) an den Papstbesuch des Jahres 1983.

Neben einer Eröffnungsansprache von Franz Kardinal König und der Hauptrede von Papst Johannes Paul II. ergriffen auch die Kardinäle Franciszek Macharski (Krakau), Joachim Meisner (damals Bischof des geteilten Berlins), Jean-Marie Lustiger (Paris) und Franjo Kuharic (Zagreb) das Wort.

Symbolisch sollten diese vier Sprecher den Norden, Osten, Süden und Westen Europas repräsentieren und in Österreich, dem ‚Herzen Europas‘, vereint auftreten. Dass Kardinal Macharski Asche aus dem Krematorium in Auschwitz mitbrachte und sie Kardinal König überreichte, wurde in der damaligen Zeit als mutiger Schritt für eine Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gedeutet. Dabei äußerten sich Kardinal König und der Papst auch kritisch zur Rolle und Position der katholischen Kirche in der Vergangenheit.

In dieser Stunde müssen wir aber auch bekennen, daß wir in unseren Vorfahren das Kreuz in schmerzlicher Weise anderen aufgeladen haben: in der Zeit der Gegenreformation, der Protestantenvertreibung, vor allem das schwere Kreuz der Judenverfolgung. Nach schmerzlicher Abirrung führen heute das Gespräch und der Dialog zurück zum Kreuz als Zeichen der Erlösung und Versöhnung für uns alle. (Kardinal König, Europavesper, 10.09.1983, in: Kraxner et al. 1984: 206)

» 1683 – Versöhnung und Hoffnung

In den Reden, die einen historischen Bezug zu 1683 aufwiesen, wurde immer wieder betont, dass „dieses Jubiläum nicht die Feier eines kriegerischen Sieges, sondern eine Feier des uns heute geschenkten Friedens“ (Papst Johannes Paul II., Europavesper, 10.09.1983 ) sei und nicht in Triumphalismus ausarten dürfe. Vielmehr wolle man sich von der in früheren Jubiläen erfolgten Verherrlichung des Sieges über die osmanischen Truppen distanzieren und aus der Geschichte Lehren ziehen. Die Erinnerung an 1683 solle den Menschen von 1983 Mut und Hoffnung geben, eine neue Orientierung für die Zukunft zu gewinnen, sich ihrer grenzüberschreitenden Gemeinsamkeiten zu entsinnen und gemeinsam für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte zu kämpfen. Es gehe nicht darum, erneut zu einem Kreuzzug aufzurufen – im Sinne des christlichen Glaubens wurde vielmehr Nächsten- und Feindesliebe gepredigt und zu einer „versöhnlichen Vergegenwärtigung des Jahres 1683“ aufgerufen (Kraxner et al. 1984: 61). Damit solle der Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den christlichen Völkern über natürliche, nationale und willkürliche Grenzen hinweg für die Zukunft gestärkt werden.

Laßt Euch von mir in dieser Stunde unter dem Zeichen des Kreuzes, das wir heute auf diesem Platz aufgerichtet haben, zu jenem wahren [sic!] Kreuzzug der christlichen Tat und des Gebetes sammeln. Wie einst der selige Papst Innozenz XI. die bedrohten Völker zur Heiligen Allianz zusammenrief, so ruft Euch heute sein Nachfolger auf dem Stuhl Petri ins Gewissen: Der geistige Kampf für ein Überleben in Frieden und Freiheit verlangt den gleichen Einsatz und Heldenmut, die gleiche Opferbereitschaft und Widerstandskraft, durch die unsere Väter damals Wien und Europa gerettet haben! (Papst Johannes Paul II., Europavesper, 10.09.1983)

Die Rede von Papst Johannes Paul II. im Rahmen der Europavesper war mit zahlreichen direkten geschichtlichen Bezügen zu 1683 gespickt. Dass die Tribüne dieser Veranstaltung gleich neben dem Prinz-Eugen-Denkmal aufgestellt war, ist ein weiteres interessantes und wohl nicht zufälliges Detail. Der Papst äußerte sich in diesem Teil der Rede nicht nur in positiver Weise über Papst Innozenz XI., König Jan III. Sobieski und die Opferbereitschaft und Tapferkeit der Verteidiger Wiens, sondern relativierte auch den Erfolg der christlichen Heere, indem er die Grausamkeiten auf beiden Seiten aufzeigte, um eine einseitige Geschichtsdarstellung zu vermeiden.

Jedem von uns ist vertraut, wie vor 300 Jahren Truppen des osmanischen Reiches, wie schon 1529, bis vor diese Stadt gelangten und sie mit gewaltiger Übermacht belagerten. Der Zug der Armee war von Brandschatzung, Mord und Verschleppung gekennzeichnet; unsäglich waren die Not, der Jammer, das Elend, bewundernswert war die Tapferkeit der Verteidiger Wiens. Sie schöpften Kraft aus ihrem Glauben, aus dem Gebet, aus ihrer Überzeugung, nicht nur für ihr Land, sondern für Europa und für die Christenheit zu streiten. Dem Papst steht es wohl zu, daran zu erinnern, daß sein damaliger Vorgänger, der selige Innozenz XI., Österreich und seine Verbündeten mit Subventionen, mit diplomatischer Hilfe und mit seinem Gebetsaufruf an die Christenheit wirksam unterstützt hat. Dem Papst aus Polen sei es auch gestattet, mit besonderer Bewegung davon zu sprechen, daß es der polnische König Jan Sobieski gewesen ist, unter dessen Oberbefehl die verbündeten Entsatztruppen Wien befreiten, zu einem Zeitpunkt, da sich die heldenhaften Verteidiger der Stadt nur mehr mit letzter Kraft der Belagerung erwehren konnten. […] Die Geschichte gebietet uns, damaliges Geschehen aus dem Geist der damaligen Zeit zu verstehen und nicht einfach an unserer Gegenwart zu messen. Sie gebietet, einseitige Verurteilung und Verherrlichung zu vermeiden [sic!]. Wir wissen, daß himmelschreiende Grausamkeiten nicht nur vom osmanischen Heer, sondern auch von der Armee des Kaisers und seiner Verbündeten begangen worden sind. Wir müssen, so sehr wir uns über den Verteidigungserfolg des christlichen Abendlandes freuen mögen, beschämt zur Kenntnis nehmen, daß die christliche Solidarität damals weder spontan noch europaweit war. (Papst Johannes Paul II., Europavesper, 10.09.1983 )

» Literatur

Burger, Hannes (1983): Der Papst in Österreich. Graz/Wien/Köln.

Brennpunkt Familie (Schriftenreihe des Katholischen Familienverbandes, Nr. 25) (1984): Hoffnung geben – Hoffnung leben. Österreichischer Katholikentag 1983. Handreichung für die Familienarbeit. Wien.

Demokratiezentrum Wien: Der Papst in Österreich. Johannes Paul II. beim Katholikentag, 16.02.2011.

Hummer, Franz/ Gebhart, Martin (1983): Johannes Paul II. in Österreich. Ein Buch zur Erinnerung. Wien/München.

Mitterauer, Michael (1982): Politischer Katholizismus, Österreichbewusstsein und Türkenfeindbild. Zur Aktualisierung von Geschichte bei Jubiläen. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, Jg. 12, Heft 4: Türkenjubiläum 1983 – Heroenkult oder Strukturanalyse? Wien, 111–120.

Kraxner, Alois/ Ploier, Eduard/ Schaffelhofer, Walter (Hg.) (1984): Österreichischer Katholikentag 1983. „Hoffnung leben – Hoffnung geben“. Besuch von Papst Johannes Paul II. in Österreich. Eine Dokumentation. Graz/Wien/Köln.

Österreichische Mediathek: Papstbesuch Katholikentag 1983, 16.02.2011.

Webpage des Vatikan: Päpstliche Reisen. Österreich 1983, 16.02.2011.