Österreichischer Katholikentag 1983

Text: Silvia Dallinger

Der ‚Österreichische Katholikentag‘ 1983 wurde zwischen dem 9. und 11. September gefeiert. Er stand unter dem Motto „Hoffnung leben – Hoffnung geben“. Das eigens zu diesem Anlass kreierte Symbol bestand aus einem Anker und einem Kreuz als Zeichen der Hoffnung. Der Besuch von Papst Johannes Paul II. vom 10. bis 13. September war der Höhepunkt der zahlreichen religiösen Veranstaltungen.

Dass die katholische Kirche – wie schon in den früheren Jubiläumsjahren 1883 und 1933 – eine zentrale Erinnerungsfunktion an 1683 übernahm, hatte bereits im Vorfeld des Katholikentages für Diskussionen gesorgt. Man befürchtete, dass die glorifizierte Niederschlagung der ‚Bedrohung aus dem Osten‘ von 1683 alte Feindbilder wiederbeleben und für den Kampf gegen die sozialistischen, offiziell als atheistisch eingestuften Regime der ‚Ostblock-Staaten‘ instrumentalisiert werden könnte. Wie sich aber zeigte, wurden historisch- politische Probleme auf den Katholikentagsveranstaltungen nur am Rande berührt. Im Vordergrund standen vielmehr Themen wie Völkerverständigung, Versöhnung und Friede durch eine Neubesinnung auf die gemeinsame christliche Vergangenheit und Zukunft Europas.

» Verfestigung von Feindbildern oder Versöhnung?

Wie schon 1933 wurde auch der Katholikentag 1983 rund um den 12. September angesetzt und damit bewusst mit der Erinnerung an die zweite Wiener Türkenbelagerung in Verbindung gebracht. Die katholische Kirche nahm so erneut die geschichtliche und politische Dimension des Türkengedenkens in ihr Katholikentagsprogramm auf. Dies sorgte angesichts der Erinnerung an die politische Instrumentalisierung des Katholikentags im Jahr 1933 bereits im Vorfeld für Kritik. Auch damals hatte das 250-jährige Türkenjubiläum eine zentrale Stellung bei den Feierlichkeiten rund um den Katholikentag eingenommen und war seitens des autoritären Ständestaats unter Engelbert Dollfuß massiv für die historische Legitimierung der zunehmend diktatorischen Entwicklungen und für die Stärkung des Bündnisses zwischen Staat und Kirche genutzt worden (siehe auch „Aviano-Dollfuß-Kult“).

HistorikerInnen, KulturpolitkerInnen und kritische KatholikInnen befürchteten, dass sich 1983 die politische Instrumentalisierung des Türkengedenkens wiederholen könnte, und zwar in Form eines neuen politischen Katholizismus, einer Wiederbelebung und Verfestigung alter Feindbilder sowie einer neuerlichen Warnung vor der ‚Gefahr aus dem Osten‘ mit Österreich als ‚Bollwerk‘.

» Eine Distanzierung von 1683

Der mit dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien verbundene ‚Verein für Geschichte und Sozialkunde‘ widmete im Herbst 1982 eine Ausgabe seiner vierteljährlich erscheinenden „Beiträge zur historischen Sozialkunde“ dem Thema „Türkenjubiläum 1983. Heroenkult oder Strukturanalyse?“. Besonders der Artikel „Politischer Katholizismus, Österreichbewußtsein und Türkenfeindbild. Zur Aktualisierung von Geschichte bei Jubiläen“ des Wiener Sozialhistorikers Michael Mitterauer setzte sich mit folgender Fragestellung auseinander: Auf welche Art und Weise waren frühere Türkengedenkfeiern als unreflektierte Identitätsstifter in Abgrenzung zum jeweiligen ‚Anderen‘, meistens dem jeweils aktuellen politischen Gegner, eingesetzt worden (vgl. Rauscher 2010: 27ff)?

Wahrscheinlich kommt es auch bei den Jubiläumsfeiern von 1983 dazu, daß man sich auf die historische Sendung Österreichs beruft, Bollwerk gegen den Osten zu sein. Wer solche geschichtlichen Parallelen zieht, soll klar sagen, was er meint. Antikommunismus muß sich von der Gegenwart her legitimieren… [...] Insgesamt steht mit dem Türkenjubiläum von 1983 die Identifikation mit einem kriegerischen Ereignis zur Debatte. In einer Zeit, in der Abrüstung und Friedenssicherung für viele Menschen das zentrale Anliegen darstellen, ist es von hoher Relevanz, in welcher Weise bei den Jubiläumsfeierlichkeiten der Problemkreis Krieg und Frieden thematisiert wird. Bei einem Katholikentag, der unter dem Motto ‚Hoffnung geben – Hoffnung leben‘ steht, wird die Friedensthematik sicher behandelt werden müssen. Mit der historischen Dimension der Jubiläumsfeier ist sie nur dann vereinbar, wenn man sich nicht mit dem geschichtlichen Anlaß identifiziert, sondern sich von ihm distanziert. (Mitterauer 1982: 118ff.)

Mitterauer kritisierte in seinem Artikel, dass man den sich im Rahmen des Katholikentags abzeichnenden „Antikommunismus“ mit der historischen Bezugnahme auf die Türkenabwehr zu begründen versuchte. So bestehe die Gefahr, dass die militärische wie religiöse ‚Bedrohung aus dem Osten‘ von 1683 und der Sieg darüber zum Vorbild für die Situation des ‚Kalten Krieges‘ von 1983 hochstilisiert werden könnte. Der Historiker forderte somit eine Distanzierung von der damaligen Zeit.

» „Kein triumphalistisches Schlachtgedenken“

Teile des Artikels wurden im Februar 1983 in einer von Mitterauer nicht autorisierten gekürzten Fassung in der katholischen Wochenzeitung ‚Die Furche‘ unter dem Titel „1683: Nicht wie bisher! Warnung vor neuem politischem Katholizismus“ veröffentlicht. Im Text darunter kommentierte Furche-Chefredakteur Hubert Feichtlbauer Mitterauers Aussagen mit der Überschrift „Schweigen wäre lächerlich!“. Feichtlbauer stimmte Mitterauer zwar teilweise zu, warf ihm aber gleichzeitig vor, sich durch Schweigen von der historischen Tat des Jahres 1683 distanzieren zu wollen. Stattdessen sollte die Erinnerung an 1683 für den Friedensprozess zwischen den christlichen europäischen Ländern sowie für einen ökumenischen Dialog zwischen den verschiedenen Religionsgruppen genutzt werden, so Feichtlbauer.

Hat Professor Mitterauer recht? In der Grundtendenz ja: 1983 darf kein triumphalistisches Schlachtgedenken, keine Türken- und Islamverteufelung werden. Der Katholikentag muß ein Fest des Friedens und der Versöhnung sein, vor allem auch eine Besinnung auf unsere mitmenschlichen Verpflichtungen gegenüber muslimischen Mitbürgern in Österreich. Aber Distanzierung vom geschichtsträchtigen Jahr 1683? Dreimal nein! Ein Volk ohne Geschichte verkümmert. Ein Volk, das vergessen machen möchte, daß seine Geschichte in vergangenen Jahrhunderten mit Kanonen gemacht wurde, macht sich lächerlich! Um eine – auch historisch fernere – Vergangenheit zu bewältigen, muß man über sie reden, richtig reden, unter Einschluß auch notwendiger Schuldbekenntnisse. Sich aber für die ganze Geschichte entschuldigen zu wollen, ist absurd. (Feichtlbauer, in: Die Furche 09.02.1983: 13)

Feichtlbauer zufolge bekenne sich der Katholikentag trotz oder gerade wegen des gleichzeitig gefeierten Türkengedenkjahrs dazu, zu Frieden und nicht zu einem neuerlichen Kreuzzug aufzurufen: „Woran 1683 gemahnt, ist vielmehr die Erkenntnis, daß mit Kriegsheeren auch gutgemeinte Ziele auf Dauer nicht realisierbar sind. Was sich für den Katholikentag 1983 im Herzen Europas mit besonderer Schärfe aufdrängt, ist daher das Thema Frieden“ (Feichtlbauer, in: Die Furche 05.01.1983: 1).

Dennoch sollte man sich im Klaren darüber sein, dass es nach wie vor Gegner der österreichischen Demokratie und der katholischen Kirche gebe, die identifiziert werden müssten, so Feichtlbauer.

» Gegner im Hier und Heute

Werner Welzig, Literaturwissenschafter an der Universität Wien sowie Generalsekretär und späterer Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, zitierte in einer Eigenbeilage der ‚Furche‘ zum Katholikentag Abraham a Sancta Claras Ausspruch „Auf, auf ihr Christen“ in seinem gleichnamigen Beitrag (siehe auch „Abraham a Sancta Clara-Denkmal“).

‚Segen‘ und ‚Degen‘ reimt sich für uns tatsächlich nicht mehr. Doch ist es wirklich ein Gewinn, wenn alle Lust zum Streiten abhanden kommt? Sind die Gegner weniger gefährlich, wenn wir sie nicht mehr als Gegner ernst nehmen? Oder glauben wir ernstlich, daß es keine Gegner mehr gäbe? [...] Wäre Abrahams ‚Anmahnung‘ nicht aufzunehmen als ein Appell, darüber nachzudenken, wo hier und heute die Gegner sind? Nicht, um neue Feindbilder zu schaffen, good guys von bad guys zu sondern, aber um die Lüge zu zerreißen, daß es in uns und um uns keine Gegner gäbe. (Welzig, in: Die Furche 01.06.1983: 12)

Feichtlbauer unterstützte Welzig in dessen Äußerungen. Der von vielen Seiten geforderte ‚Feindbildabbau‘ sei zwar eine gutgemeinte Parole, könne aber auch missverstanden werden. Feichtlbauer befürwortete zwar „Achtung vor fremder Überzeugung, fairen Wettstreit, Absage an Verteufelung“, allerdings trat er auch vehement gegen totalitäre Herrschaftssysteme als Gegner der Menschenwürde auf: „Wir erleben es wieder einmal in spektakulärer Dramatik in Polen: Hunderttausende umjubelten den Papst, wo das KP-Regime vergleichsweise kleine Häuflein mobilisieren kann“ (Feichtlbauer, in: Die Furche 22.06.1983: 1).

Auch Alois Kraxner sprach sich als Vorstandsmitglied des ‚Österreichischen Katholikentags‘ zwar für Versöhnung, Erkenntnis der eigenen Schuld und Vergebung aus, das schloss für ihn aber nicht aus, „sondern ein, daß man für seine Wertordnung und seinen Glauben auch kämpfen muß und nicht in einem billigen Pazifismus denen das Feld räumt, die die Freiheit und Menschenwürde mißachten“ (Kraxner et al. 1984: 194f).

» Der Katholikentag als Gradmesser

Diese Diskussionen verdeutlichen, dass der Katholikentag des Jahres 1983 so wie die früheren Katholikentage nicht nur religiös, sondern auch politisch bedeutsam war. Dies bestätigte auch Prof. Richard Barta, der Herausgeber der katholischen Nachrichtenagentur ‚Kathpress‘:

Die Katholikentage waren immer Gradmesser der geistigen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Wirksamkeit der österreichischen Katholiken, und gerade deshalb waren sie sehr zeitbedingt. Besonders zeitgemäß und in die Zukunft weisend wollte der Katholikentag von 1933 sein. Aber gerade er führte in keine Zukunft, sondern in eine Sackgasse. (Barta, in: Burger 1983: 9)

Die Auseinandersetzung zwischen Mitterauer und der ‚Furche‘ bzw. Feichtlbauer war damit aber nicht beendet. In der Replik „1983 – Erbe und Auftrag?“ äußerte sich Mitterauer zu den von Feichtlbauer geäußerten Vorwürfen. In seinem Artikel sei es ihm darum gegangen, die „Art der Zugangsweise“ zu problematisieren,

nicht [um] die Beschäftigung mit dem Ereignis überhaupt. [...] Von Distanzierung war in meinem Aufsatz nicht im Sinne von Verschweigen, sondern als Gegensatz von Identifikation die Rede. Konkret ging es dabei um die Friedensproblematik. Solange Jubiläenfeiern Identifikation mit einem historischen Ereignis bedeuten und das gefeierte Ereignis eine Schlacht darstellt, ist doch kaum ein Anlaß gegeben, über Frieden zu sprechen. (Mitterauer, in: Die Furche 02.03.1983: 6)

Dass eine der geplanten Großveranstaltungen des Katholikentags auf dem Heldenplatz unter dem bereits 1933 verwendeten Motto „Europa – Erbe und Auftrag der Christen“ stattfinden sollte (siehe „Europavesper am Heldenplatz“) war für Mitterauer ein weiteres Alarmzeichen für eine Kontinuität zwischen dem Katholikentag 1983 und früheren Türkenjubiläen.

Meine Sorge ist, daß dabei Geschichte als Legitimationsideologie für Gegenwartsforderungen benützt werden könnte. Daß das in der Geschichte der Türkenjubiläen sehr häufig und in sehr bedenklicher Weise geschehen ist, habe ich ausreichend belegt. Feichtlbauer meint dazu: ‚Weil 1933 von ‚Erbe und Auftrag’ in für heutige Begriffe unerträglicher Weise geredet wurde, soll man diese beiden Wörter heute nicht mehr verwenden dürfen? Europa hat ein Erbe, das es sehr wohl zu wahren gilt: Von diesem Kontinent ging die Proklamation fundamentaler Menschenrechte aus, hier wurden die Prinzipien der Demokratie formuliert. Das soll man aus lauter Betulichkeit nicht sagen dürfen?‘ Auch hier scheinen Missverständnisse vorzuliegen. Nirgends wurde gesagt, man solle von Menschenrechten und Demokratie nicht reden. Nur – was hat das alles mit 1683 zu tun? Um die Verteidigung von Menschenrechten und Demokratie ging es bei der Türkenabwehr sicher nicht. [...] Das autoritäre Regime des Ständestaates war wesentlich vom politischen Katholizismus geprägt. Das ist ‚Erbe‘, aber doch wohl kaum ‚Auftrag‘! Man wird mit diesen beiden Begriffen insgesamt vorsichtig umzugehen haben, vor allem mit ihrer Verbindung. Historisches ‚Erbe‘ kann nicht schlechthin als ‚Auftrag‘ interpretiert werden. Was von der Tradition erhaltenswert ist, bestimmt sich ausschließlich aus der Gegenwart. Überkommenes um seiner selbst willen generell bewahren zu wollen, ist unkritischer Konservatismus. (ebd.)

Feichtlbauer blieb in einer erneuten Replik in derselben Ausgabe der ‚Furche‘ bei seinen früheren Äußerungen. Es sei klar, dass der aus einem Erbe kommende Auftrag zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich interpretiert werden müsse: „Und was Demokratie mit 1683 zu tun hat? Daß wir sie wohl kaum hätten, wären die Dinge damals anders gelaufen…“ (Feichtlbauer, in: Die Furche 02.03.1983: 6). Außer Acht ließ er aber, dass es um die demokratischen Verhältnisse in Staaten wie z.B. Polen trotz der Befreiung von der ‚türkischen Bedrohung‘ 1683 alles andere als gut bestellt war.

» Die Kritik zeigt Wirkung

Alles in allem musste Feichtlbauer Mitterauer jedoch zugestehen, dass dessen kritische Äußerungen zum Katholikentag Wirkung gezeigt hatten: Nach Erscheinen seines Artikels war der Untertitel „Erbe und Auftrag“ der geplanten Europavesper am Heldenplatz von den Organisatoren fallen gelassen worden. Auch, dass spätere Reden und Predigten anlässlich des Katholikentags wie jene von Papst Johannes Paul II. weitgehend frei von historischen Bezügen zu 1683 blieben, sah Mitterauer als Konsequenz der vorangegangenen Diskussionen (vgl. Mitterauer 1999).

Dabei hatte es bereits 1979 erste Überlegungen dazu gegeben, den historischen Bezügen zu 1683 verhältnismäßig großen Raum zu gewähren. Nicht nur der Untertitel einer Großveranstaltung, sondern der Katholikentag an sich sollte sich dem Thema „Das christliche Erbe Europas“ widmen. Diese Programmatik war im Rahmen einer Konferenz vom 6. bis 8. November 1979 gewählt worden. Gleichzeitig wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die erste Überlegungen zum Katholikentag anstellen sollte. Die erste konstituierende Sitzung des Katholikentagskomitees fand schließlich am 28. Februar 1981 statt. Im Buch zum ‚Österreichischen Katholikentag‘, das 1984 von den Vorstandsmitgliedern des Katholikentags Alois Kraxner, Eduard Ploier und Walter Schaffelhofer herausgegeben wurde, hält Kraxner fest, dass sich bald zeigte, „daß diese Thematik nicht das Gesamtthema des Katholikentags sein konnte. Trotzdem erwies sich die Frage nach dem christlichen Erbe Europas als ein fruchtbarer Ansatz für das Gespräch“ (Kraxner et al. 1984: 56).

Anzunehmen ist, dass die Kritik an der geplanten starken historischen Anbindung an das Türkengedenkjahr schon damals zu einem Umdenken geführt hat. In einer Zusammenfassung der bisherigen Gesprächsergebnisse wurde in einem Bericht vom 25. Oktober 1980 das unverfänglichere Thema „Hoffnung“ für das Programm des Katholikentags festgelegt und im September 1981 beschlossen.

» „Hoffnung für alle Lebensbereiche“

Die Eröffnungsfeier des Katholikentages fand am 9. September um 19 Uhr auf dem Stephansplatz statt. Kardinal König feierte die Messe und hielt eine Festansprache. Auch der Präsident des ‚Österreichischen Katholikentags‘ Eduard Ploier hielt eine Eröffnungsrede vor 30 000 Menschen, darunter Bundespräsident Kirchschläger, die Landeshauptleute und Mitglieder der Bundesregierung sowie Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe aus den Diözesen. Papst Johannes Paul II. traf schließlich am 10. September in Wien ein und hielt während seines dreitägigen Aufenthalts an die 20 Predigten, Reden und Ansprachen – darunter die nicht unumstrittene Heldenplatzrede (vollständige Liste der Veranstaltungen siehe „Besuch von Papst Johannes Paul II. in Wien“).

Im Rahmen des ‚Österreichischen Katholikentags‘ wurde das Thema „Hoffnung“ in all seinen Facetten behandelt. Besonders bei den vier Großveranstaltungen des Katholikentages (Eröffnungsfeier auf dem Stephansplatz am 9. September, Europavesper am Heldenplatz am 10. September, Jugendbewegung im Praterstadion am 10. September, Festgottesdienst im Donaupark am 11. September) ging es um die Bedeutung von „Hoffnung für die verschiedenen Lebensbereiche“. Daneben gab es jedoch auch eine Fülle von kleineren Veranstaltungen, die sich ebenfalls diesem Thema widmeten: 25 Studien- und Arbeitstage zur Vorbereitung des Katholikentags, zahlreiche Bibelgespräche und Einzelveranstaltungen in Kirchen sowie auf öffentlichen Plätzen Wiens (allein am 10. September wurden in der Wiener Innenstadt 120 Veranstaltungen des Katholikentags abgehalten). Folgende Unterfragestellungen wurden dabei aufgegriffen (Kraxner et al. 1984: 69ff):

  • Hoffnung auf Befreiung von Entfremdungen
  • Hoffnung für die Armen, Verfolgten und Unterdrückten
  • Hoffnung auf Frieden
  • Hoffnung auf eine menschen- und umweltfreundliche Gestaltung des Lebensraumes
  • Hoffnung in den einzelnen Lebensaltern
  • Hoffnung in der Erziehung
  • Familie als Ort der Hoffnung
  • Hoffnung und Hoffnungslosigkeit in der Welt der Arbeit
  • Hoffnung in Sexualität, Eros, Liebe; Besitz, Wohlstand, Geld; Macht, Geltung, Prestige
  • Hoffnung in Schuld – Hoffnung auf Vergebung
  • Hoffnung im Leid, im Tod und für die Toten
  • Sakramente als Zeichen der Hoffnung
  • Hoffnung auf die Zukunft der Menschheit

Neben diesen zahlreichen Aspekten, unter denen das Motto „Hoffnung leben – Hoffnung geben“ betrachtet wurde, sollte in Bezug auf die zweite Wiener Türkenbelagerung nunmehr die „geschichtliche und politische Dimension der Hoffnung“ unterstrichen werden (Kraxner et al. 1984: 67f.). Allerdings stellte 1683 nur ein Randthema des ‚Österreichischen Katholikentags‘ dar. Im Vordergrund standen Versöhnung, Völkerverständigung und christliche Solidarität.

» Ökumene – Frieden und Dialog

‚Versöhnung statt kriegerische Reminiszenz‘ lautete die Devise, die auf die Förderung des religiösen Friedens und des interkonfessionellen Dialogs abzielte. In Anbetracht der Vielzahl türkischer ‚Gastarbeiter’ und ‚Gastarbeiterinnen‘, die sich aufgrund des Anwerbeabkommens von 1964 zwischen Österreich und der Türkei in Österreich aufhielten, sprach sich der Papst vor allem für das friedliche Zusammenleben zwischen ChristInnen und Moslems aus: „Die Jünger Mohammeds, die damals als Feinde vor den Toren Eurer Hauptstadt lagerten, sie leben jetzt mitten unter Euch und sind uns in ihrer gläubigen Verehrung des einen Gottes nicht selten Vorbild“ (Papst Johannes Paul II., Europavesper, 10.09.1983 ).

Bei einer Begegnung Johannes Pauls II. mit Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen ‚Am Hof‘ im 1. Bezirk am 12. September 1983 sprach er nicht nur die österreichischen Arbeiter und Arbeiterinnen, sondern auch dezidiert die Anliegen und Bedürfnisse der ‚Gastarbeiter‘ und ‚Gastarbeiterinnen‘ an (siehe auch „Papst Johannes Paul II. in Wien“). Bedienstete öffentlicher Einrichtungen und österreichische Bürgerinnen und Bürger rief er dazu auf, die Integration der ‚Gastarbeiter‘ und ‚Gastarbeiterinnen‘ zu begünstigen und zum Abbau von Diskriminierung, Vorurteil und Intoleranz beizutragen.

Für das Gastland und seine Bevölkerung ergibt sich dabei die Aufgabe, die Arbeiter aus der Fremde zuerst als Menschen aufzunehmen und ihnen brüderlich zu begegnen. Sie dürfen nicht als bloße Arbeitskraft oder Mittel für die Produktion betrachtet werden, die man möglichst billig zu erwerben und auszunutzen sucht, vielleicht sogar unter Umgehung der geltenden Sozialgesetze. […] Besonders die Christen in diesem Land rufe ich auf, dem Gastarbeiter echte Gastfreundschaft zu gewähren, seinem persönlichen Leben und Wirken ehrliches Interesse entgegenzubringen und sich mit seinen Problemen vertraut zu machen. (Papst Johannes Paul II., Begegnung mit österreichischen ArbeitnehmerInnen und ‚GastarbeiterInnen‘, ‚Am Hof‘, 12.09.1983)

» Österreich – ‚Brücke‘ zwischen Ost und West

In den Reden des Katholikentags wurde mehrmals deutlich, dass das neutrale Österreich nicht mehr als ‚Randstück‘ des westlichen Europa verstanden werden sollte, sondern als ‚Herzstück‘ und „Modell Europas“, als Brücke zwischen dem willkürlich getrennten Osten und Westen. Damit übernehme Österreich, so Papst Johannes Paul II., in der Vergangenheit wie in der Zukunft die Verantwortung, „seinen Beitrag zur Friedenssicherung und zur Verständigung zwischen den Nationen und Machtblöcken zu leisten“ (Papst Johannes Paul II., Empfang beim Bundespräsidenten in der Hofburg, 11.09.1983).

Euer Land spielt – seiner besonderen Lage und seinem geschichtlichen Erbe entsprechend – vor allem eine wichtige Rolle für die Schaffung eines stabileren und humaneren Europas und für den Abbau internationaler Spannungen. (Papst Johannes Paul II., Europavesper, 10.09.1983)

» Komitee des ‚Österreichischen Katholikentags‘

Das Katholikentagskomitee bestand aus rund 200 Personen. Der Vorstand setzte sich folgendermaßen zusammen:

  • Vorsitzender: Direktor Eduard Ploier
  • Stellvertreter/in: Prof. Eva Petrik, Dr. Hans Walther Kaluza
  • Vertreter der Bischofskonferenz: Weihbischof Dr. Helmut Krätzl, Weihbischof Dr. Alois Wagner, Diözesanbischof Dr. Franz Zak
  • Geistlicher Assistent: P. Dr. Alois Kraxner
  • Generalsekretär: Dr. Walter Schaffelhofer
  • Geistige Planung: Univ.-Prof. Dr. Hans Tuppy

» Resümee des Katholikentages

Der konservative deutsche Journalist Carl Gustav Ströhm zog sein Resümee in der (deutschen bürgerlich-konservativen) Tageszeitung ‚Die Welt‘ (s. auch in: Kraxner et al. 1984: 270):

Der polnische Papst hat in Wien, wenn man von der religiösen und pastoralen Botschaft absieht, zwei Meilensteine gesetzt. Er hat einmal an die Entscheidungsschlacht von 1683 erinnert, als Polen und Deutsche im Verein mit anderen Europäern die Stadt Wien vor dem Türkensturm retteten und damit die Herrschaft des militanten Islam über Mitteleuropa verhinderten. Der Papst hat zum anderen eine Art Renaissance Mitteleuropas proklamiert – Österreich mit Wien nicht mehr als Randgebiet, sondern als Herz des Kontinents. Daraus ergibt sich folgerichtig eine weitere Formulierung, die der polnische Papst gebrauchte und die ein wenig an De Gaulle erinnert: Europa vom Atlantik bis zum Ural. (ebd.)

Die Wiener Zeithistorikerin Erika Weinzierl reflektiert den Papstbesuch in einem Artikel in der ‚Furche‘ folgendermaßen:

Ich war zunächst über den Zufall zweier Jubiläen äußerst besorgt. Da war dieses Jubiläum 50 Jahre nach dem ‚Allgemeinen deutschen Katholikentag 1933‘, bei dem noch sehr viel an katholischer Reichsideologie von österreichischer Seite vertreten worden ist. Und das zweite Bedenken hatte ich anlässlich des Türkenjubiläums angesichts der Neigung der Österreicher und besonders der Wiener zu Vorurteilen gegenüber Ausländern, den ‚Gastarbeitern‘. Dies zu einem Zeitpunkt, wo gerade viele Polen aus politischen Gründen ihr Land verlassen haben und die Bundesregierung am Höhepunkt dieser Entwicklung die Visapflicht wieder eingeführt hat.

Ich habe – nachdem ich weiß (nicht nur vermute), wie lange historische Traditionen nachwirken – gefürchtet, daß bei Massenveranstaltungen zu solchen Jubiläen Emotionen zum Ausbruch kommen könnten, die wir als Katholiken nicht wünschen. Diese Bedenken wurden offenbar vom vorbereitenden Komitee sehr wohl auch gesehen.

Es war dann für mich die Europavesper am Heldenplatz ein wirklich großes Erlebnis. Vor allem das Auftreten von Kardinal Macharski hat mich sehr beeindruckt, der Asche aus Auschwitz mitbrachte und sie Kardinal König überreichte. Daß dies hier in dieser Form geschehen konnte, war für mich wirklich ein unerhörtes Erlebnis. In diesem Ereignis hat für mich alles zusammengepaßt, was ich bin: Ich bin Österreicherin, ich bin Katholikin, ich bin Historikerin, und ich bin sehr engagiert, was die Auseinandersetzung um die Vernichtung der Juden und die vorhergehende antijüdische Einstellung in unserem Land betrifft. Zweifellos hat die Persönlichkeit des Papstes dabei auch vieles ausgelöst. (Weinzierl, Erika 30.05.1984: 315f.)

Der ‚Österreichische Katholikentag‘ wurde nicht nur in den Printmedien rezipiert, sondern auch im ‚Österreichischen Rundfunk‘ (ORF) massenmedial inszeniert. Fast durchgehend wurde vom 9. bis zum 13. September live in Fernsehen und Radio vor allem über die Auftritte des Papstes berichtet. Bereits ab 1. Juni wurden auch Formate mit einem Bezug zu 1683 gesendet, wie z.B. „‚Auf, auf ihr Christen‘: Romuald Pekny liest Ausschnitte aus der Streitschrift Abraham a Sancta Claras“ am 2. Juni, in FS 2 um 19:50 Uhr oder „‚Die christlichen Wurzeln Europas‘: Wie christlich war das ‚christliche‘ Abendland? Was ist davon aus der Perspektive eines angeblich nach-christlichen Zeitalters geblieben?“, am 9. September, in FS 1 um 22:20 Uhr.

Schätzungen gehen davon aus, dass rund 500 Millionen Menschen in Europa und Übersee den ‚Österreichischen Katholikentag‘ medial mitverfolgten.

» Literatur

Burger, Hannes (1983): Der Papst in Österreich. Graz/Wien/Köln.

Brennpunkt Familie (Schriftenreihe des Katholischen Familienverbandes, Nr. 25) (1984): Hoffnung geben – Hoffnung leben. Österreichischer Katholikentag 1983. Handreichung für die Familienarbeit. Wien.

Cyrus, Inge (06.06.1983): Der Stephansdom im Türkensturm. In: Der Spiegel, Heft 23, 114–116.

Feichtlbauer, Hubert (05.01.1983): Signal aus Wien. Das Thema Frieden empfiehlt sich stark als eine Katholikentagsinitiative. In: Die Furche, Jg. 39, Heft 1, 1.

Feichtlbauer, Hubert (09.02.1983): Schweigen wäre lächerlich! In: Die Furche, Jg. 39, Heft 6, 13.

Feichtlbauer, Hubert (02.03.1983), in: Die Furche, Jg. 39, Heft 9, 6.

Feichtlbauer, Hubert (22.06.1983): Nur der Papst macht Konkurrenz. In: Die Furche, Jg. 39, Heft 25, 1.

Hamminger, Josef Dominicus/ Wiener Katholische Akademie (Hg.) (1986): Leopoldi Capelln am Kallenberg oder St. Josephskirche der PP Kamaldulenser auf dem Josephsberg (Sobieskikapelle in der St. Josephskirche)? Wo hat Pater Marco d’Aviano vor der Entscheidungsschlacht am 12. September 1683 die heilige Messe gefeiert? Wien.

Hummer, Franz/ Gebhart, Martin (1983): Johannes Paul II. in Österreich. Ein Buch zur Erinnerung. Wien/München.

Interview mit P. Alois Kraxner (16.03.1983): Zur Kritik am Katholikentag 1983. In: Die Furche, Jg. 39, Heft 11, 3.

Kraxner, Alois/ Ploier, Eduard/ Schaffelhofer, Walter (Hg.) (1984): Österreichischer Katholikentag 1983. „Hoffnung leben – Hoffnung geben“. Besuch von Papst Johannes Paul II. in Österreich. Eine Dokumentation. Graz/Wien/Köln.

L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache, Jg. 13 (1983): Die Botschaft des Papstes für Österreich. St. Pölten.

Mitterauer, Michael (1982): Politischer Katholizismus, Österreichbewusstsein und Türkenfeindbild. Zur Aktualisierung von Geschichte bei Jubiläen. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, Jg. 12, Heft 4: Türkenjubiläum 1983 – Heroenkult oder Strukturanalyse? Wien, 111–120.

Mitterauer, Michael (09.02.1983): 1683: Nicht wie bisher! Warnung vor neuem politischem Katholizismus. In: Die Furche, Jg. 39, Heft 6, 13.

Mitterauer, Michael (02.03.1983): 1983 – Erbe und Auftrag? Eine Replik auf einen Kommentar der FURCHE. In: Die Furche, Jg. 39, Heft 9, 6.

Mitterauer, Michael (1999): Millennien und andere Jubeljahre: Warum feiern wir Geschichte?, 25.02.2011.

Österreichische Mediathek: Papstbesuch Katholikentag 1983, 25.02.2011.

Rauscher, Peter (2010): Die Erinnerung an den Erbfeind. Die „Zweite Türkenbelagerung“ Wiens 1683 im öffentlichen Bewusstsein Österreichs im 19. und 20. Jahrhundert. In: Gabriele Haug-Moritz/Ludolf Pelizaeus (Hg.) Repräsentationen der Islamischen Welt im Europa der Frühen Neuzeit. Münster: 278–305 [siehe auch: Online-Version, 15.02.2011]

Religionsportal des ORF, 01.09.2003: Vor 20 Jahren stand Wien fünf Tage lang im Zeichen des Glaubens, 16.07.2009.

Stehle, Hansjacob (16.09.1983): Papst: Versöhnungsruf an Europa. In: Die Zeit Online, Nr. 38, 25.02.2011 (Artikel nicht mehr online verfügbar).

Ströhm, Carl Gustav (13.09.1983): Der Papst setzte in Wien Meilensteine. In: Die Welt. In: Kraxner, Alois/ Ploier, Eduard/ Schaffelhofer, Walter (Hg.) (1984): Österreichischer Katholikentag 1983. „Hoffnung leben – Hoffnung geben“. Besuch von Papst Johannes Paul II. in Österreich. Eine Dokumentation. Graz/Wien/Köln, 270.

Webpage des Vatikan: Päpstliche Reisen. Österreich 1983, 25.02.2011.

Weinzierl, Erika (30.05.1984): Resümee aus kritischer Distanz. In: Die Furche, Jg. 40, Heft 22, 315f.

Welzig, Werner (01.06.1983): Auf, auf ihr Christen! In: KathPress Sonderdienst zum Österreichischen Katholikentag 1983, Nr. 15, „Aviso. Katholikentag 1983“, Eigenbeilage der Furche, Jg. 39, Heft 22, 12.