Onno Klopp greift die Wiener Politik an: Beide verteidigen sich

Text: Johanna Witzeling, Johannes Feichtinger

Der Historiker Onno Klopp erhob im Vorfeld der Säkularfeier gleich mehrerer Vorwürfe gegen die Wiener Bürger von 1683. Er unterstellte ihnen unter anderem Feigheit und Kapitulationsgedanken, was für teils heftige Debatten unter Politikern und Historikern sorgte (siehe “Streit der Historiker” und “Onno Klopp und die Medien”). Der Archiv- und Bibliotheksdirektor Karl Weiss wurde daraufhin mit der Erstellung einer “unbefangenen und wahrheitsgetreuen Darstellung“ (Weiss 1882: 1) beauftragt, welche die Ehre der Wiener Bürgerschaft wieder herstellen sollte. Was Onno Klopp dem entgegen zu setzen hatte, ist in zwei öffentlichen Sendschreiben des Jahres 1882 an den Wiener Bürgermeister nachzulesen (siehe “Erstes Sendschreiben” und “Abermaliges Sendschreiben”).

» Klopps Angriff auf die Wiener Politik

Der katholisch-konservative, habsburgtreue und preußenfeindliche Historiker Onno Klopp entlarvte im Jahr 1882 die Tradition von der Verteidigung Wiens durch seine tapferen Bürger in mehreren Publikationen als haltlosen Mythos. Zugleich bezichtigte er die Wiener Bürgerschaft des Jahres 1683 des Verrats. Stein des Anstoßes war die – seiner Ansicht nach – selektive Vergegenwärtigung der ruhmreichen Türkenabwehr durch die liberale Wiener Politik, welche die europäische Tragweite dieses Siegs verkannte sowie den Anteil der kaiserlichen Armee (insbesondere des Stadtkommandanten Ernst Rüdiger von Starhemberg) durch ihre Aktivitäten zu wenig würdigte. Unter Berufung auf den Historiker und Wiener Bürger Albert Camesina (1806–1881) argumentierte Klopp, dass der Wiener Bürgerschaft durch die Überlieferung zuviel des Ruhms zuerkannt worden wäre, hätte sie doch Anfang September 1683 – als der Burgravelin aufgegeben und die Stadtmauer unterminiert gewesen sei – „gewackelt“. Die Wiener Bürger hätten Kara Mustapha die Kapitulation angetragen und an die „Uebergabe der Stadt“ gedacht, während sie der Soldat Starhemberg hartnäckig „bis zum letzten Blutstropfen“ verteidigt habe (Klopp 1882a: 8, 13).

Camesina hatte mehr als anderthalb Jahrzehnte davor geschrieben: „So scheint es, dass damals wirklich schon eine Parthei in Wien bestand, die auf die Uebergabe der Stadt dachte.“ (Camesina 1865: 64) In der Hoffnung, Wien mit „Akkord“, d.h. unbeschädigt, einnehmen zu können, hätte der Großwesir aber – trotz begründeter Aussicht auf Erfolg – mit dem Sturmangriff zugewartet. Kara Mustapha habe Wien vor der Beutegier der osmanischen Soldateska schonen und die künftige Hauptstadt seines „unabhängigen Sultanats des Westens“ unversehrt übernehmen wollen (vgl. Feichtinger 2010: 112).

» Misstraute Starhemberg dem Stadtrat?

Die erste Anschuldigung Onno Klopps hatte sich auf das Misstrauen bezogen, das Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg dem „Stadtrathe und der Bürgerschaft“ angeblich entgegenbrachte.

Klopp behauptete, dass der Wiener Stadtrat und Stadtkommandant Starhemberg „nicht gut gestellt waren“. Den Beleg dafür erbrachte seiner Meinung nach ein Brief Jan III. Sobieskis an seine Frau vom 13. September 1683, in dem Sobieski behauptete, dass Graf Starhemberg ihm „beim Einzuge auch nicht Ein Mitglied der städtischen Verwaltung vorgestellt“ habe (Klopp 1882a: 9).

Archivdirektor Weiss versuchte dies in seinem Gutachten zu widerlegen und kam zu dem Schluss, dass sich Sobieski gegebenenfalls schwer geirrt habe, sei ihm doch laut des „verlässlichen Stadtschreibers Dr. Hocke“ der gesamte Stadtrat vorgestellt worden (Weiss 1882: 30).

Daraufhin meldete sich Klopp in seinem ersten offenen Sendschreiben erneut zu Wort. Auf die Anklage des Gemeinderates, Klopp habe das Zusammentreffen zwischen Sobieski und den Mitgliedern des Gemeinderates bewusst verschwiegen, antwortete Klopp mit einem Zitat aus einem Bericht Sobieskis an Königin Marie Casimire: „Ich sehe, dass Starhemberg mit dem Gemeinderathe im schlechtem Einvernehmen steht. Er hat mir beim Einzuge auch nicht Ein Mitglied der städtischen Verwaltung vorgestellt“ (Klopp 1882a: 9). Albert Ritter von Camesina habe zwar behauptet, dass die Vorstellung stattgefunden habe, jedoch habe er dafür keinen Beweis geliefert. Klopp zweifelte daher nicht an den Worten Sobieskis.

» Dachten die Bürger von 1683 ans Aufgeben?

Die zweite Anschuldigung, die Klopp gegen die Wiener Bürger von 1683 erhoben hatte, nimmt „Zum Verhalten der Bürgerschaft während der Belagerung“ Bezug. Klopp hatte der Bürgerschaft Kapitulationsgedanken und Feigheit unterstellt, woraufhin der Gemeinderat ankündigte, diese Anschuldigungen überprüfen zu lassen.

Das von Karl Weiss in Reaktion auf Klopps Kritik erstellte Gutachten besagte, dass „alle Mitglieder des Stadtrathes bis zur letzten Stunde auf ihren Posten“ geblieben wären. Als Beleg dafür nannte Weiss die Auszeichnung mehrerer Mitglieder des Stadtrates durch den Kaiser sowie die kaiserliche Entschließung vom 5. Juli 1684, die ebenso Zeugnis von der „Anerkennung des tadellosen Verhaltens der Bürger“ abgeben sollte. Auch das Burgfrieden-Privilegium vom 6. Juli 1698 des Kaisers habe dem „opferwilligem Geist“ der Bürger Anerkennung gezollt, so Weiss.

Klopp blieb dennoch bei seinem Standpunkt, wie er in seinem ersten Sendschreiben betonte. Die „Flut der freudigen Erregung“ über die Rettung der Stadt am 12. September 1683 habe „all solche weniger angenehme[n] Erinnerungen“ (wie den Kapitulationsgedanken) weggeschwemmt.

Weiters wäre Kaiser Leopolds Charakter das Gegenteil von Rache und Zorn gewesen. Indem er jene Belobigungen ausgesprochen habe, habe er die „ganze Zeit der Belagerung im Auge [behalten] und nicht bloß die letzten Tage“. Für Klopp lag jedoch kein Anlass vor, „dieser lobenden Anerkennung zu gedenken“. Er bezweifelte nicht nur den Einsatz der Bürger Wiens, aus einer europäischen Perspektive gewichtete er auch die Situation anders: Klopp habe nicht die Geschichte der Stadt Wien schreiben wollen, sondern „eine Geschichte des europäischen Jahres 1683, für welche jene späteren Gnadenacte verhältnismäßig nicht schwer ins Gewicht“ gefallen wären (Klopp 1882a: 10).

» Wie soll der Verteidigung Wiens gedacht werden?

Die dritte und letzte Anschuldigung Klopps ist ebenfalls im Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 20. Oktober 1882 dokumentiert. In der Neuen Freien Presse meldete sich der Wiener Bürgermeister Eduard Uhl einen Tag später folgendermaßen zu Wort:

Auf die unwahre Angabe des Herrn Onno Klopp, dass der gegenwärtige Gemeinderath kein Denkmal den heldenmüthigen Vertheidigern der Burgbastei errichtet habe, ja, dass man nicht mehr die Stätte als solche erkenne, verweise ich auf eine Gedenktafel, welcher der Gemeinderath im Jahre 1869 an dem Hause Nr. 8 der Löwelbastei anbringen ließ. Diese Gedenktafel musste zwar bei dem Abbruche der Löwelbastei entfernt werden, es ist aber längst Sorge getragen, dass sie nach der Vollendung des neuen Burgtheaters in würdiger Form wieder erneuert wird. (Uhl, in: Neue Freie Presse 21.10.1882: 6)

Uhl war der Meinung, dass „die vorerwähnten kaiserlichen Anerkennungen, welche Herr Onno Klopp in seinem Werke nicht erwähnt, […] das Andenken unserer Vorfahren vor tendenziösen Verdächtigungen [hinreichend schützten]!“ (ebd).

In seinem Sendschreiben antwortete Klopp auch auf die dritte Anklage des Gemeinderats: Er habe den gegenwärtigen Gemeinderat gar nicht erwähnt. Ein Zitat auf Seite 245 in seinem Werk zu 1683 besage lediglich:

Das Burg-Ravelin von 1683 war das Thermopylä der Christenheit. Aber die Spartaner setzten dem König Leonidas und seinen Getreuen ein Denkmal zur Erinnerung an die Hingabe für das Vaterland. Kein Stein und keine Inschrift mahnt die Nachwelt an den schuldigen Dank für die einstigen Vertheidiger des Burg-Ravelins und setzen wir mit Nachdruck hinzu – der Christenheit. Und selbst die Stätte als solche kennt man nicht mehr. (Klopp 1882b: 245)

Er betonte nochmals, dass nicht von der Löwelbastei, sondern vom Burg-Ravelin die Rede gewesen sei. Denn: Die „ruhmreiche Verteidigung des Burg-Ravelin“ hätte

nicht bloß die Stadt Wien [betroffen] […], nicht bloß die Monarchie des Hauses Habsburg, sondern auch Deutschland, ja das gesamte Abendland, die ganze Christenheit von 1683, sosehr, dass diese ganze Christenheit des Abendlandes den Vertheidigern des Burg-Ravelins von 1683 zu Dank verpflichtet ist. (1882a: 10)

» Klopps ‚Steine’ des Anstoßes

Die ungerechtfertigte Vereinnahmung des Siegs von 1683 für standes- und lokalpolitische Zwecke zeigte sich für Onno Klopp darin, dass den Wiener Stadtvätern der zentrale Schauplatz der Verteidigung der Stadt kein Erinnerungszeichen wert war. In der Tat hatten sie ihre Denkmalsetzungsaktivitäten auf das bürgerlich konnotierte Gebiet um Rathaus- und Universität beschränkt. Mit der Errichtung neuer Monumente vor und im Rathaus, in der Löwelstraße und auf der Mölkerbastei wertete das liberale Wien somit das ab, was Klopp, der Erzieher des Thronfolgers Franz-Ferdinand, aufgewertet wissen wollte, nämlich die Anerkennung der kaiserlichen Armee als den wahren Verteidiger Wiens. In logischer Konsequenz verdiente Klopp zufolge aber der zentrale Schauplatz des Verteidigungskampfes, der Burgbezirk, eine symbolische Auszeichnung: „Der Ort des einstigen Burg-Ravelins“ sei demnach

die geeignete Stätte zur Errichtung eines Monuments für die Vertheidigung der Stadt Wien im Jahre 1683, insbesondere für die brave kaiserliche Infanterie von damals, welche die langen Wochen vom 14. Juli bis zum 4. September diese Stelle gehalten, durch diese ihre Ausdauer dem Entsatzheere die Zeit des Anmarsches erkämpft und die damit nicht bloß um die Monarchie, sondern um die ganze Christenheit sich wohl verdient gemacht hat. (1882a: 11)

» Literatur

Camesina, Albert (1865): Wien’s Bedrängniß im Jahre 1683. Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien. Band 8, Wien.

Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie (26.10.1882): Offenes Sendschreiben an Herrn Bürgermeister Uhl, 1–3, 26.08.2009.

Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie (07.11.1882): Abermaliges Sendschreiben an den Herrn Bürgermeister Uhl, 1–3, 26.08.2009.

Deutsche Zeitung (18.10.1882): Eine Verleumdung der Bürger Wiens, 1–3.

Deutsche Zeitung (19.10.1882): Die Verleumdung der Bürger Wiens. 2. Teil, 1–3.

Feichtinger, Johannes (2010): „Auf dem Zauberhaufen“. Der Burgravelin und die Funktionalisierung des Gedächtnisses an den Entsatz Wiens von den Türken 1683. In: ÖZKD. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, Jg. 64, Heft 1–2 (Sonderheft: Wiener Stadt- und Burgbefestigung, konzipiert und koordiniert von Markus Jeitler, Richard Kurdiovsky, Anna Mader-Kratky), 108–115.

Klopp, Onno (1882a): Zur Zweiten Säcular-Feier des 12. September 1683. Wiederabdruck der Anfrage des Herrn Bürgermeisters Uhl und der zwei offenen Sendschreiben von Onno Klopp an denselben, mit einem Votum für die Säcularfeier. Graz.

Klopp, Onno (1882b): Das Jahr 1683 und der folgende große Türkenkrieg bis zum Frieden von Carlowitz 1699. Graz.

Neue Freie Presse (21.10.1882): Communal-Zeitung. Wiener Gemeinderath, 6, 26.08.2009.

Weiss, Karl (1882): Herr Onno Klopp und das Verhalten der Bürger Wiens im Jahre 1683. Wien.