Am Hof, Türkenkugel

Text: Marion Gollner

Das Haus „Zur goldenen Kugel“ am Hof 11 in der Wiener Innenstadt verdankt seinen Namen einer türkischen Kanonenkugel, die 1683 an dieser Stelle eingeschlagen haben soll. Später wurde sie vergoldet und an der Fassade des Hauses angebracht.

» Die Geschichte des Gebäudes

Zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens standen an der Stelle des heutigen Hauses am Hof 11 „eine Gruppe von 5 malerischen kleinen Häusern, die den Platz organisch gegen Norden abschlossen“ (Mazakarini 1996: 35). Eines davon wurde der Erzählung nach im Jahr 1683 von einer steinernen türkischen Kanonenkugel getroffen. Der damalige Besitzer, der Äußere Rat und städtische Rumormeister Michael Motz, ließ die Kugel daraufhin vergolden und 1686 als Hauszeichen über dem Tor anbringen. Das Haus erhielt dadurch den Namen „Zur goldenen Kugel“ und war schon um 1700 eine beliebte Gastwirtschaft bei Marktleuten und Handwerkern.

Am Hof hatte der Babenbergerherzog Heinrich II. Jasomirgott, der Stifter des nahe gelegenen Schottenklosters, seine erste Wiener Residenz aufgeschlagen.

Zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung diente der Platz Am Hof als Marktplatz und für Volksbelustigungen. Hier endete auch der nach 1683 üblich gewordene Bäckerumzug (Czeike 1992: 86f).

Ab den 1870er Jahren war in diesem Haus das Marktkaffee Nikola untergebracht (vgl. ebd.: 37; Czeike 1994: 630).

1882 wurde das alte Gebäude demoliert und im Jahr darauf ein fünfstöckiges Mietspalais, der Neubau des so genannten „Ledererhofs“ (Czeike 1995: 5) nach den Plänen Ludwig Tischlers (1840–1906) errichtet. Mit rund 250 Bauwerken allein im Raum Wien zählt der in Triest geborene Architekt zu den meistbeschäftigten Baumeistern Wiens. Er wird auch gerne als „letzter Wiener Barockarchitekt“ bezeichnet (vgl. Architektenlexikon Wien 1880 – 1945).

Auch die Türkenkugel bekam nach Fertigstellung des heutigen Gebäudes 1883 – „im Jahr der großen Gedächtnisausstellung und der 200-Jahr-Feiern zur Zweiten Türkenbelagerung“ (Witzmann 1982: 294) – wieder einen Platz. Sie wurde – so wie am Vorgängerbau – oberhalb des Portals angebracht und mit der Inschrift „6. August 1683“ versehen.

1933/34 wurde die Fassade des Hauses von Otto Schönthal (1878–1961) und Emil Hoppe (1876–1957) umgestaltet. Doch die Freude darüber sollte nicht lange andauern. Durch ein Bombardement im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde der Ledererhof 1948 von Emil Hoppe mit vereinfachter Fassade restauriert. Anfang der 1990er Jahre wurde sie wieder in ihrer ursprünglichen Form hergestellt (vgl. Czeike 1995: 5).

» Vergoldete Türkenkugel

Heute ist in dem Gebäude am Hof 11 eine Versicherungsgesellschaft untergebracht. Diese stiftete auch die Gedenktafel, die unter der vergoldeten Kugel angebracht ist. Die Inschrift lautet folgendermaßen:

TÜRKENKUGEL
AUS DEM JAHR 1683 –
SPÄTER EINGEMAUERT UND
VERGOLDET – GAB DER EINST HIER
BEFINDLICHEN GASTWIRTSCHAFT
UND DEM HAUS DEN NAMEN
EA•GENERALI

In unmittelbarer Nähe befinden sich das ehemalige bürgerliche Zeughaus (Am Hof 10) und das Wohnhaus des Wiener Bürgermeisters Johann Andreas von Liebenberg, der drei Tage vor der siegreichen Entsatzschlacht verstarb (siehe „Liebenberg-Gedenktafel“ am Hof 7).

» Literatur

Architektenlexikon Wien 1880 – 1945: Ludwig Tischler, 17.07.2012.

Csendes, Peter (1983): Erinnerungen an Wiens Türkenjahre. Wien/München.

Czeike, Felix (1992): Historisches Lexikon Wien. Band 1. Wien.

Czeike, Felix (1994): Historisches Lexikon Wien. Band 3. Wien.

Czeike, Felix (1995): Historisches Lexikon Wien. Band 5. Wien.

Mazakarini, Leopold (1996): Führungen durch Wien. Teil 3. Wien.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.