Breitenseer Pfarrkirche zum heiligen Laurentius

Text: Stefan Malfèr

Im nördlichen Querschiff der Breitenseer Pfarrkirche ist ein Fenster mit historistischer Glasmalerei dem ‚Türkenjahr’ 1683 gewidmet. Die obere Fensterhälfte zeigt Marco d’Aviano, wie er die Heerführer vor der Entscheidungsschlacht am Kahlenberg segnet. In der linken Hand hält er sein berühmtes Holzkreuz. Im untern Teil des Fensters betet Kaiser Leopold I. zu „Maria vom Siege“ für seine Residenzstadt Wien, die im Hintergrund abgebildet ist.

Die Breitenseer Pfarrkirche wurde 1896-1898 erbaut, das Marco d’Aviano-Fenster wurde im Jahr 1900 geliefert, also nur achtzehn Jahre nach Onno Klopps Buch über den großen ‚Türkenkrieg’, zwölf Jahre nach Klopps Edition des Briefwechsels zwischen Kaiser Leopold I. und Marco d’Aviano und elf Jahre nach der Einleitung des Seligsprechungsprozesses. Möglicherweise ist das Fenster die erste bildliche Darstellung des Themas in einem Bauwerk.

» Zum Bau der Breitenseer Pfarrkirche

Das noch nicht in Wien eingemeindete Dörfchen Breitensee im Westen Wiens oberhalb Penzings am nördlichen Hang des Wienflusses gehörte zur Pfarre Penzing und besaß nur eine kleine Kapelle. Die Expansion der Stadt Wien, die Ansiedlung von Gewerbebetrieben, der Bau von Zinskasernen und Schulen machten eine größere Kirche zur dringenden Notwendigkeit. 1886 gründete der in Breitensee wirkende Benefiziat Ferdinand Ordelt einen Kirchenbauverein. Zehn Jahre später, 1896, war Baubeginn, 1898 wurde die neugotische Kirche eingeweiht. Sie wurde durch Beiträge der Bevölkerung, der Familie des Baumeisters Ludwig Zatzka, die in Breitensee wohnte, der Gemeinde Wien (der Ort wurde 1892 eingemeindet) und des niederösterreichischen Religionsfonds finanziert. 1899 wurde die Pfarre Breitensee errichtet.

» Eine Kaiser-Jubiläumskirche

Im Jahr 1893 beschloss der Kirchenbauverein, dass die Kirche zum 50-jährigen Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs I. fertig gestellt und eine Kaiser-Jubiläumskirche sein sollte. Dieser Gedanke kommt an mehreren Stellen in der Kirche zum Ausdruck, am prominentesten im großen Breitenseer Glasmalereizyklus zur „Pietas Austriaca“ und zur Kreuzesfrömmigkeit des Hauses Habsburg.

» Der Breitenseer Glasmalereizyklus zur „Pietas Austriaca“

Der von Ferdinand Ordelt konzipierte Zyklus stellt in acht großen Glasfenstern auf rund 140 m2 dar, „wie die erhabenen Kaiser aus dem Hause Habsburg das Kreuz geehrt (Rudolf I.), bei demselben Trost und Hilfe gesucht (Ferdinand II.), für dasselbe gekämpft (Karl V.) und sich und ihr Reich unter den Schutz der Mutter Gottes gestellt haben (Leopold I.)“. Hinter dieser schlichten, aber konzentrierten Formulierung steckt nichts weniger als eine wohl einmalige Sammlung und Darstellung der Kreuzesfrömmigkeit des Hauses Habsburg im Rahmen der „Pietas Austriaca“. Ordelt war ein frommer, patriotischer und gebildeter Priester und Religionslehrer. Vor seiner Wirksamkeit in Breitensee war er Erzieher der Söhne des Grafen Hardegg. Er wählte aus den durch den so genannten Habsburgpatriotismus des 19. Jahrhunderts (u. a. in Schulbüchern und in der patriotischen Literatur, auch für die Jugend) intensiv vermittelten Geschichten der „Pietas Austriaca“ alle Erzählungen zum Thema Verehrung des Kreuzes aus und setzte sie in Beziehung zur Heilsgeschichte, um damit auszudrücken, dass die weltliche Herrschaft des Hauses Habsburg, einschließlich des Jubilars Kaiser Franz Joseph I., auf der Frömmigkeit des Hauses gründete und nichts anderes war als Herrschaft im Namen Christi.

» Verteidigung des Christentums gegen äußere Feinde

Innerhalb dieses Rahmens wird zweimal das ‚Türkengedächtnis’ thematisiert, und zwar in der Darstellung des kreuzzugartigen Unternehmens Kaiser Karls V. gegen Tunis 1535 und in der Darstellung der Segnung der christlichen Heerführer durch Marco d’Aviano 1683.

Dieses Gedächtnis ergibt sich aus den Stationen des Zyklus: Kreuzweg, Kreuzauffindung (Helena), christliches Kaisertum (Kaiser Konstantin, König Rudolf I., König Stefan von Ungarn), Verteidigung gegen innere Feinde (Erzherzog Ferdinand III. gegen die Protestanten, Petrus Canisius), Verteidigung gegen äußere Feinde (Kaiser Karl V. vor Tunis 1535, Marco d’Aviano und Kaiser Leopold I. 1683), jüngstes Gericht.

Die kreuzzugartige Unternehmung Kaiser Karls V. gegen Chaireddin Barbarossa und die Eroberung von Tunis mit der Befreiung christlicher Sklaven im Jahr 1535 ist im linken Fenster des nördlichen Querschiffs dargestellt, die Geschehnisse des Jahres 1683 im rechten Fenster dieses Querschiffes.

» Literatur

Malfèr, Stefan (2011): Kaiserjubiläum und Kreuzesfrömmigkeit. Habsburgische „Pietas Austriaca“ in den Glasfenstern der Pfarrkirche zum heiligen Laurentius in Wien-Breitensee. Mit Farbtafeln von Herbert Stöcher. Wien/Köln/Weimar.

Schinner, Hans (1976): Breitensee – Vom Dorf zur Großstadtpfarre. Veröffentlichungen des kirchenhistorischen Instituts der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien 18. Wien.

Festschrift 100 Jahre Pfarrgemeinde Breitensee 1898/99–1998/1999. Wien.

Fuchs, Martina/ Telesko, Werner (2006): Kaiser Karl V. im Historienbild – zur Wechselwirkung von bildender Kunst und Belletristik. In: Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 6 (2006) Heft 2, 49–68.