Löwelstraße, Gedenktafel für Handwerksmeister

Text: Marion Gollner

An der Stelle, wo 1683 die heftig umkämpfte Löwelbastei stand, ließ ‚Österreichs Gewerbe Jugend’ im Jahr 1933 anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Befreiung Wiens eine Gedenktafel am Haus seitlich gegenüber dem Burgtheater anbringen. Sie würdigt den Einsatz der „heldenmütigen Handwerksmeister und ihrer Söhne“ bei der Verteidigung der Stadt.

» Eine Ehrentafel für die Handwerker

Die Gedenktafel am Haus Löwelstraße 20 (Ecke Teilfaltstaße) im ersten Wiener Gemeindebezirk besteht aus einem Relief mit Kampfszenen aus dem Jahr 1683 und einer darunter angebrachten Inschrift, die vom Einsatz der Handwerksmeister im Kampf gegen die Türken berichtet. Der Text lautet wie folgt:

Dem ehrenden Gedenken der Heldenmütigen Handwerksmeister und ihrer Söhne die 1683 beim Ansturm der Türken für ihre Vaterstadt Wien und für das ehrsame Handwerk ihr Leben opferten. Österreichs Gewerbe Jugend 1933

Die kleine Grünfläche unter der Gedenktafel wird von einem abgerundeten Metallgitter begrenzt.

Das Relief zeigt die Handwerksmeister im Kampf gegen die osmanischen Angreifer, die gerade versuchen, die Verteidigungsmauer zu stürmen. Die Türken sind dabei mit stereotypen äußeren Erkennungszeichen wie Turban, Pluderhose, Spitzschuhe und Krummsäbel dargestellt.

Die Handwerker setzen sich aus deutlich erhöhter Position mit Gewehren und Lanzen zur Wehr. Einer davon trägt die Fahne des Kaisers, symbolisiert durch die Sonne. Der Halbmond auf dem Rossschweif (Tūgh) rechts nimmt als Symbol der Türken in der Bildkomposition einen niedrigeren Platz ein, was als Überlegenheitsgeste der Verteidiger interpretiert werden könnte. Ähnlich verhält es sich mit der Anordnung der Kämpfer. Auch hier sind die Osmanen den Handwerkern unterlegen, weil bildlich untergeordnet (vgl. Böhm 2001: 76):

Einer wird gerade aufgespießt, ein anderer versucht sich mit dem Säbel zu verteidigen, obwohl er bereits in die Knie gezwungen wurde und ein anderer liegt bereits tot am Boden.

» Der Kampf um die Löwelbastei

Die Löwelbastei, erbaut in den Jahren 1544 bis 1547, wurde nach dem Oberst der Stadtguardia Hans Christoph Freiherr von Löbl (1578–1638) benannt, der die Wehranlage „auf Lebenszeit zu Nutz und Gebrauch erhielt“ (Gall 1970: 46). Zuvor hieß sie „Römisch königlicher Majestät Bastei“ bzw. „Landschaftsbastei“.

Während der zweiten Türkenbelagerung 1683 bildete die Löwelbastei an der Stelle des heutigen Burgtheaters den Hauptangriffspunkt der Türken:

Am 6. September verlegten sie ihre Sturmangriffe auch auf die Löwelbastion. Um die Mittagsstunde sprang eine gewaltige Mine auf, die die linke Face der Bastion in einer Länge von etwa zwölf Metern in den Graben warf. Wieder versuchten die Janitscharen, durch die Bresche zu stürmen und in die Verteidigungsstellungen einzubrechen. Nach zähem, zweistündigem Kampf konnte der erbittert geführte Angriff abgeschlagen werden. Zwei Tage später, am 8. September, erschütterten zwei Sprengungen neuerlich die Einbruchsstelle. Die Bresche klaffte noch größer als beim ersten Mal, und der Angriff wurde noch heftiger geführt als zwei Tage zuvor. (Düriegl 1981: 99)

Dem Stadtkommandanten Starhemberg standen bei der Verteidigung Wiens neben den kaiserlichen Soldaten rund 5000 Mann zusätzlich zur Verfügung, die sich aus Bürgerwehr und Freiwilligen zusammensetzten. Insgesamt waren acht Bürgerkompanien, vier Kompanien der Zünfte und ledigen Männer, das Regiment der Studenten, die Kompanie der Kauf- und Handelsleute, das Regiment der Hofbediensteten und Hofbefreiten, die Freikompanie, das Jägerkorps und eine Artilleriekompanie im Einsatz (vgl. Tomenendal 2001: 120). Auch wenn die Zahlenangaben über die Stärke der einzelnen Kompanien variieren, so gibt doch diese Auflistung von Karl August Schimmer aus dem Jahr 1845 einen groben Überblick:

Endlich traten auch viele Zünfte und Innungen in eigene Kompagnien zusammen, so z.B. die Fleischer und Bierbrauer, 294 Mann stark unter dem Hauptmanne Schmidt von Ehrenhaus; die Bäcker, 155 Mann unter Adam Loth und nach dessen Tode Rudolph von Kirch; die Schuster, 288 Mann, unter Wilhelm von Rudolph. Die übrigen ledigen Handwerksbursche , über 300 an der Zahl, waren in zwei Kompagnien unter den Hauptleuten Johann Kaufmann und Christoph von Uhl abgetheilt, andere wurden im Zeughause verwendet. Die Zünfte stellten in Allem 1293 Mann; die Anzahl der gesammten Vertheidiger aber belief sich auf ungefähr 29,000 Mann. Außerdem befanden sich noch über 9,000 Menschen in der belagerten Stadt. (Schimmer 1845: 213)

Welchen Anteil die Handwerker an der Verteidigung Wiens 1683 tatsächlich hatten, ist umstritten. Im Wiener Bezirksführer „Erinnerungen an Wiens Türkenjahre“ von Peter Csendes, erschienen anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums 1983, ist davon die Rede, dass die Wiener an den Kampfhandlungen selbst nur einen geringen Anteil hatten. Darin heißt es:

So sind nachweislich nur 10 (!) Bürger der Stadt gefallen, von Gesellen, Bediensteten und Studenten 33. Von den militärischen Verteidigern fielen über 5000 Mann. (Csendes 1983: 11)

Nach dem Abzug des besiegten osmanischen Heeres glich die Löwelbastei einem Trümmerhaufen. Ihr endgültiger Abriss erfolgte in den Jahren 1863/64 und 1874/75 (Historisches Museum der Stadt Wien 2000: 92) Ein Stein der Bastei wurde zur Erinnerung beim Bau des Burgtheaters eingemauert. (im rechten Durchgang, vgl. Gall 1970:46)

» Die Handwerker und der Ständestaat

Dass die Gedenktafel in der Löwelstraße 20 ausgerechnet im Jahr 1933, also zum 250-jährigen Jubiläum der Befreiung Wiens, angebracht wurde, ist wohl ebenso wenig ein Zufall wie der Ort ihrer Anbringung. Auch wenn heute nur noch wenig an die damalige Befestigungsanlage erinnert, so eignete sich der authentische Schauplatz der heftigsten Kampfhandlungen von 1683 vermutlich am besten, um die (angebliche) Heldenhaftigkeit und Tapferkeit der Handwerker zu unterstreichen.

Bis zum Jahr 1933 und der Stiftung dieser Gedenktafel kam diese Berufsgruppe im Gedenken an das Jahr 1683 in der Literatur oder in Form von Denkmälern so gut wie gar nicht vor. Anders bei den Bäckern: Hier gibt es gleich mehrere Sagen und Legenden. Von den Handwerkern ist aber nur sehr wenig überliefert. Warum entschloss man sich von Seiten der Gewerbe Jugend Österreichs also ausgerechnet im Jahr 1933 dazu, sich dieser vergessenen ‚Helden‘ zu erinnern? Eine Erklärung könnte darin liegen, dass die Bedeutung der Handwerker zur Zeit des Austrofaschismus hervorgehoben werden sollte, um den geplanten ‚Ständestaat‘ unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß historisch zu legitimieren:

Die eigentliche Denkrichtung war antiliberal und als Protest gegen den Kapitalismus gemeint, die traditionellen Berufsgruppen wie die Bauern oder die Handwerker sollten wieder in den Vordergrund treten, vor dem sozialen Abstieg bewahrt werden und die Klassenkämpfe ausgeschaltet werden. (Deutsch/Roth)

» Literatur

Böhm, Jasmine (2001): „Türken-Images“ im öffentlichen Raum. Eine ethnologische Spurensuche in Wien. Diplomarbeit der Universität Wien.

Csendes, Peter (1983): Erinnerungen an Wiens Türkenjahre. Wien/München.

Historisches Museum der Stadt Wien (2000): Das ungebaute Wien. Projekte für die Metropole. 1800–2000 (2000): 256. Sonderausstellung des Wien. 10.Dezember 1999 bis 20. Februar 2000, Wien.

Deutsch, Elisabeth/Roth, Carina: Der österreichische Ständestaat 1934 – 1938, 08.02.2010 (nicht mehr online).

Düriegl, Günter (1981): Wien 1683 – Die zweite Türkenbelagerung. Wien/Köln/Graz.

Gall, Franz (1970): Vom Schottentor zum Drachengaßl. Was Straßennamen der Wiener Innenstadt erzählen. Wien.

Schimmer, Karl August (1845): Wien’s Belagerungen durch die Türken und ihre Einfälle in Ungarn und Oesterreich. Wien. (Online-Version bei Google-Books)

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.