Steindlgasse, Gedenktafel

Text: Marion Gollner

Das Haus in der Steindlgasse 4 im ersten Wiener Gemeindebezirk soll der Legende nach 1683 dem Ratsmitglied Johann Georg Steindl für seinen tapferen Einsatz während der zweiten Wiener Türkenbelagerung zum Geschenk gemacht worden sein. Darauf verweist eine Gedenktafel. Steindl soll in dem Gebäude eine Gastwirtschaft eröffnet haben, die bis heute ununterbrochen weitergeführt wurde. Somit beherbergt das Haus eine der ältesten Gaststätten Wiens.

» Ein Gasthaus mit Geschichte

Das Haus wurde urkundlich erstmals im Jahr 1409 „under den pheilsniczern gegen der geistlichen Herren von Mauerbach über“ erwähnt (Gösser Bierklinik). Alten Aufzeichnungen zufolge soll es das Gebäude aber bereits zur Zeit des römischen Legionslagers Vindobona gegeben haben.

Unmittelbar nach der zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 soll die erste Gastwirtschaft im Haus eröffnet worden sein. Die Geschichte dazu wird auf der Homepage der heutigen Gösser Bierklinik folgendermaßen geschildert:

Johann Steindl, Innerer Stadtrat und Spitaldirektor, hatte sich bei der Verteidigung der Stadt Wien so tapfer geschlagen, daß ihm im Jahr 1683 das Haus als Belohnung zum Geschenk gemacht wurde. Seit dieser Zeit wird das Haus auch “Zum Steindl” genannt. Johann Steindl eröffnete im Haus ein Gasthaus, das seither ohne Unterbrechung weitergeführt wurde. Es ist also eines der ältesten Gasthäuser Wiens. (Gösser Bierklinik)

Der Name „Johann Steindel“ findet sich in abgeänderter Schreibweise auch an der Fassade des Hauses neben dem Eingang, wo eine Gedenktafel an den ersten Lokalgründer erinnert.

Auch wenn sich die Legende bis heute hartnäckig hält, dass Johann Steindl aufgrund seiner Tapferkeit im Kampf gegen die Türken ein Grundstück geschenkt bekommen und darauf später ein Wirtshaus gegründet hat, so entlarvt der Historiker Peter Csendes diese „Lokalsage“ doch als historisch unhaltbar. Denn Johann Georg Steindl, nach dem später auch die Steindlgasse benannt wurde, war im Jahr 1683 bereits tot (vgl. Csendes 1983: 16).

Offen bleibt jedoch die Frage, ob es sich um eine falsche Datumsangabe handelt oder jemand anders die erste Gastwirtschaft an dieser Stelle eröffnet hat. Zudem ist unklar, ob Steindl, wie die Inschrift und andere Quellen (z.B. Czeike 1993) besagen, ‚Innerer Stadt Rat‘ war, oder, wie beispielsweise vom Webservice der Stadt Wien behauptet, ein Mitglied des ‚Äußeren Rates‘. Laut dem Verzeichnis der „staedtischen Obrigkeiten in Wien waehrend des Jahres 1683“ war Steindl in diesem Jahr weder „Innerer Rath“ noch „Aeusserer Statt-Rath“. Auch in den Jahren davor scheint er in letzterer Funktion nicht auf. (Camesina 1864: Anhang LXI) Nichtsdestotrotz handelt es sich um eines der ältesten noch bestehenden Wirtshäuser der Stadt.

Seit 1924 befindet sich das Gebäude im Besitz der Bierbrauerei Gösser, die das Lokal seit 1988 an Hieronymus Kos verpachtet hat. Erst im Jahr 2000 wurde das Lokal „zugunsten der besonderen Atmosphäre des Hauses und ihrem frühere Aussehen“ renoviert (Gösser Bierkanzlei). Der heutige Name „Bierklinik“ könnte sich auf Johann Georg Steindl zurückführen lassen, der als Krankenhausdirektor tätig war.

» Der goldene Drache und die Türkenkugel

Der Hausname „Zum güldenen Drachen“ scheint in den Urkunden erstmals im Jahr 1566 auf. Damals war das Haus im Besitz des Schusters Hans Präntlin. Das Hauszeichen, ein vergoldeter Drache aus dem 17. Jahrhundert (Siegris 1924:83), befindet sich über dem Eingang zum Lokal. Um die Figur vor der Witterung zu schützen, befindet sie sich heute hinter Glas. Ebenfalls über der Tür ist der ursprüngliche Name des Hauses zu lesen: “Haus zum güldenen Drachen 1566″.

Links neben dem Eingang ist ein weiterer Schriftzug angebracht, der auf die Zeit der zweiten Türkenbelagerung und die Gründung der Wirtsstätte eingeht. Sie lautet folgendermaßen: “Benannt nach Johann Steindel der Inneren Stadt Rath 1683″.

Wann die Inschriften angebracht wurden, ist nicht bekannt. Im Lokal selbst wurde die „Gaststube von 1683“ Johann Georg Steindl zu Ehren „Steindlzimmer“ genannt.

Eine weitere Reminiszenz an die Türkenzeit befindet sich im großen Speisesaal der Gösser Bierklinik. Dort wurde eine Türkenkugel in die Wand eingelassen (vgl. Tomenendal 2000: 182 bzw. Bundesdenkmalamt 2003: 867).

» Literatur

Camesina, Albert (1865): Wien’s Bedrängniß im Jahre 1683. Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien. Band 8, Wien.

Csendes, Peter (1983): Erinnerungen an Wiens Türkenjahre. Wien/München.

Czeike, Felix (1983): Wiener Bezirkskulturführer Innere Stadt. Wien.

Czeike, Felix (1993): Historisches Lexikon Wien. Band 2. Wien.

Czeike, Felix (1997): Historisches Lexikon Wien. Band 5. Wien.

BDA–Bundesdenkmalamt (Hg.) (2003): Dehio-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Band 1. Bezirk; Innere Stadt. Horn.

Gösser Bierklinik: Die Geschichte der Wiener Bierklinik, 09.02.2010.

Siegris, Emmerich (1924): Alte Wiener Hauszeichen und Ladenschilder, Wien.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Webservice der Stadt Wien: Steindlgasse, 09.02.2010.