Krieglach, Plagentafel

Text: Marion Gollner

In Krieglach, der Heimatgemeinde des berühmten steirischen Schriftstellers Peter Rosegger (1843–1918), befindet sich in der Pfarrkirche eine so genannte Plagentafel, die an drei große „Heimsuchungen“ des 16. Jahrhunderts erinnert: den Einfall der Osmanen 1529, die Pestepidemie von 1541 und die Heuschreckenplage von 1544. Laut dieser Tafel sollen 1529 mehr als 800 Personen von den ‚Türken‘ verschleppt worden sein.

» Die Osmanen dringen 1529 bis ins Mürztal vor…

Betritt man die Pfarrkirche zum Heiligen Jakob durch den Haupteingang, so befindet sich die besagte Tafel an der linken Rückwand. Das erste Ereignis, von dem das schwarz gerahmte Schriftstück berichtet, ist der Einfall osmanischer Reiter ins steirische Mürztal, der sich noch im Zuge der ersten Belagerung Wiens ereignet haben soll. Im Oktober 1529 drangen an die 3000 bis 4000 so genannte „Renner und Brenner“ über den Semmering in die Obersteiermark ein. Dort sollen sie zuerst Spital am Semmering verwüstet haben, bevor sie angeblich versuchten, den befestigten Ort Mürzzuschlag einzunehmen, was ihnen jedoch nicht gelang. Am heutigen Hauptplatz, vor dem „undern Purgthor“, soll es der Legende nach lediglich zu einem „Scharmützel mit den Türken“ gekommen sein. Eine andere Sage berichtet von 300 osmanischen Reitern, die bis zum Kloster Neuberg vordrangen, wo deren Anführer von einem „glücklichen Schützen“ – manches Mal ist es auch die Gestalt eines Engels – vom Pferd geschossen wurde. Die übrigen ‚Türken‘ hätten daraufhin die Flucht ergriffen und aus Rache die umliegenden Dörfer und Höfe verwüstet. Besonders schlimm – so die einhellige Meinung der Dorfchronisten – hätte es jedoch die Gemeinde Krieglach getroffen. Als Beleg dafür wird meist die Plagentafel in der dortigen Pfarrkirche angeführt, die folgende Inschrift trägt:

In dem 1529. Jahr ist
der Türgkh hie gewösen,
und hat 800 und etlich Per-
schannen wegkh gefiehrt.

» … und verschleppen 800 Personen

Der Historiker Othmar Pickl (1927–2008), Herausgeber der zehnbändigen Reihe „Geschichte der Steiermark“ und Autor zahlreicher Publikationen über die ‚Türkenzeit‘ in der Steiermark, der nicht nur geschäftsführender Sekretär der Historischen Landeskommission für Steiermark, sondern auch Mitglied der Komturei Graz des Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem war, stellte in seiner 1993 erschienenen „Geschichte der Marktgemeinde Krieglach“ die Anzahl der 800 Verschleppten zwar nicht infrage, kam anhand von Bevölkerungsstatistiken vor und nach dem ‚Türkeneinfall‘ von 1529 jedoch zu dem Schluss, dass es sich bei dieser Anzahl um Gefangene aus dem gesamten oberen Mürztal gehandelt haben muss:

Die Einwohnerzahl der Pfarre Krieglach betrug ja nach der Kommunikantenzahl des Jahres 1528 rund 1.700 Seelen; nach der Kommunikantenzahl des Jahres 1544 dürften wir hier mit 1.600 Seelen rechnen, das waren also nur um 100 Personen weniger. Die 800 im Jahr 1529 von den Türken in die Gefangenschaft geschleppten Personen hätten der Hälfte der Krieglacher Bevölkerung entsprochen; dieser Menschenverlust wäre bis 1544 niemals aufzuholen gewesen. (Pickl 1993: 70)

Daraus schließt Pickl, dass sich in Krieglach ein Sammelpunkt der Osmanen befunden hat, wo Gefangene aus dem gesamten Umland zusammengetrieben wurden. Von dort aus hätten die Osmanen dann vier erfolglose Versuche unternommen, über die Fischbacher Alpen (Höhenpässe Alpl und Schanzsattel) in die Oststeiermark vorzudringen, was ihnen aufgrund von Verhackungen (notdürftig errichtete Wegsperren aus gefällten Bäumen etc.) jedoch nicht gelungen ist, wie Pickl mit Bezugnahme auf Aufzeichnungen des Propstes von Pöllerau weiter ausführt. Das sei seiner Meinung nach auch die Erklärung dafür, warum die ‚Türken‘ in Krieglach „so besonders grausam wüteten“ (Pickl 1993: 70). Auf der Passhöhe „Schanz“ – ein Name, der sich von eben diesen Verschanzungen ableitet, die ab dem Jahr 1480 gegen Ungarn und ‚Türken‘ errichtet wurden – erinnert noch heute das sogenannte „Friedenskreuz“ an die „Türkeneinfälle und an die opferreichen letzten Kriegswochen des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945“, wie es in der Inschrift heißt.

» Ähnliche Zahlen in Mürzzuschlag – ein Zufall?

Vergleicht man die Inschrift der Plagentafel in Krieglach mit Angaben des „Historisch-topographischen Lexicons von Steyermark“ von Karl Schmutz zu Mürzzuschlag, so macht man die interessante Entdeckung, dass hier ganz Ähnliches in fast identischer Formulierung behauptet wird – ein Umstand, der dem Stadtchronisten Theodor Hüttenegger (1982: 58) zufolge allein schon „verdächtig“ ist.

1529 schleppten die Türken 800 Personen aus dieser Pfarre, 1541 wüthete die Pest hier, es starben von Jakobi [25. Juli] bis Martini [11. November] 1600 Menschen aus dieser Pfarre. (Schmutz 1822: 600)

Wie Othmar Pickl für Krieglach, so stellte auch Theodor Hüttenegger Berechnungen für Mürzzuschlag an, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überprüfen. Dabei orientierte er sich u.a. an einem Bericht der Visitationskommission aus dem Jahr 1528, die die Zahl der zur Beichte gehenden Gläubigen in den Pfarren Mürzzuschlag, Spital, Neuberg und Langenwang dokumentierte. Dabei kam Hüttenegger auf eine geschätzte Bevölkerungszahl von 1200 Einwohnern vor dem ‚Türkeneinfall‘ von 1529. Eine Zahl, die seiner Meinung nach „unmöglich stimmen“ konnte:

Wenn nicht ein Irrtum vorliegt, hatten die Pfarrer die Kommission falsch unterrichtet. Denn selbst wenn die drei anderen Gemeinden nur je 200 Seelen gezählt hätten, was ausgeschlossen ist, wären für Mürzzuschlag 600 geblieben. Von diesen hätten, lt. Schmutz, die Türken 800 verschleppt, also um ein Viertel mehr, als da waren, und 12 Jahre später hätte die Pest 1600 gemordet. (Hüttenegger 1982: 58)

Vergleicht man darüber hinaus die Anzahl der Wohnhäuser, die es 1542, also 13 Jahre nach dem osmanischen Einfall, in der Gegend um Mürzzuschlag gab, kommt man Hüttenegger zufolge auf eine geschätzte Bevölkerungszahl von 780 Personen, d.h. auch dieser Berechnung nach erscheinen die 800 Verschleppten mehr als unrealistisch. Und auch die Zahl der 1730 Gläubigen, die im Visitationsprotokoll von 1544 für die Pfarren Spital, Neuberg, Mürzzuschlag und Langenwang verzeichnet wurden, lässt den Historiker zu folgendem Schluss kommen:

Wenn alle von den Türken und der Pest entvölkert worden wären, hätten sie sich erstaunlich rasch aus dem Nichts erholt. Zudem soll in Langenwang 1541 die Pest noch 600 Opfer gefordert haben und in Neuberg 1000, darunter den Abt und 6 Mönche.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Angaben über die Zahl der in die Sklaverei entführten Personen während des osmanischen Einfalls 1529 in das Mürztal kritisch hinterfragt werden müssen – obwohl diese Daten, wie Hüttenegger hinzufügt, in viele Ortsbeschreibungen Eingang fanden. Auch wenn der Umstand, dass viele Menschen tatsächlich verschleppt wurden, nicht infrage gestellt werden soll, so sind doch die Zahlenangaben mit großer Wahrscheinlichkeit nach unten zu revidieren. Das dürfte auch auf jene Brandschäden zutreffen, die den Osmanen zugeschrieben wurden. Zwar wurde die Pfarrkirche Krieglach, die im 12. Jahrhundert entstanden sein dürfte (erste urkundliche Erwähnung 1343) und im 15. Jahrhundert in eine Wehrkirche umfunktioniert wurde, aller Wahrscheinlichkeit nach beim Einfall der Osmanen 1529 tatsächlich schwer beschädigt, wie Aufzeichnungen des Krieglacher Pfarrers Georg Remer aus dem Jahr 1575 belegen. Dennoch meint Hüttenegger (1982: 59), dass sich die Osmanen „keineswegs als Feuerteufel benommen hatten“, wie er anhand von Kaufverträgen im Raum Mürzzuschlag aufzeigt, die nur ein Jahr nach dem ‚Türkeneinfall‘ geschlossen wurden. Wären die meisten dieser Häuser tatsächlich niedergebrannt worden, so wäre wohl kaum eine so hohe Summe dafür bezahlt worden. Sieht man sich zudem die dokumentierten Brandstätten auf der Landkarte an, so liege die Vermutung nahe, dass „eine einzige Bande am Werk war“, so Hüttenegger. Warum die Zahlen höher angegeben wurden, als sie vermutlich waren, könnte daran liegen, dass Klöster, Stifte bzw. Grundherren als Entschädigung für die Verwüstungen Steuervergünstigungen erhielten. So führte auch der Abt von Neuberg ein Schadensverzeichnis über alle Bauernhöfe, die „verhört, verprenndt und verödet“ wurden, wodurch er einige Jahre hindurch keine Abgaben leisten musste (vgl. Pickl 1993: 70).

» Was wird erinnert, was nicht?

Neben dem ‚Türkeneinfall‘ des Jahres 1529 sind auf der Krieglacher Plagentafel noch andere einschneidende Ereignisse aufgelistet, die für die Geschichte des Ortes als relevant erachtet wurden. So berichtet die zweite Inschrift unter den Angaben zu den Verschleppten im Jahr 1529 davon, dass in der Zeit vom 25. Juli (St. Jacobi) bis zum 11. November (Martini) an die 1600 Menschen der Pest im Jahr 1541 zum Opfer fielen. Doch auch diese Zahl, die Schmutz ebenso für Mürzzuschlag anführt, ist kritisch zu hinterfragen. Die dritte Inschrift besagt, dass im Jahr 1544 „am Pfingstag vor Bärtholomei [24. August¸ „Pfinstag“ bezeichnet in diversen Dialekten den 5. Wochentag] die Heuschrökhen mit hauffen hie gewöst [seintt] daß sie die Sonnen haben verdökht.“

Üblicherweise werden diese drei Ereignisse, die wie so oft als Strafe Gottes interpretiert wurden, hauptsächlich mit dem Jahr 1480 in Verbindung gebracht, als Pest, Heuschrecken und Osmanen beinahe zeitgleich in der Steiermark wüteten. Die bekannteste Darstellung dieser Art ist das Gottes- bzw. Landplagenbild an der Außenseite des Grazer Domes, das von den Bürgern der Stadt 1485 gestiftet wurde.

Dass auch auf der Inschriftentafel von Krieglach nur die drei vermeintlichen „Gottesplagen“ Pest, Heuschrecken und Türken vorkommen, nicht aber andere, teils ebenso folgenschwere Ereignisse dieser Zeit wie die Baumkircherfehde (1468-1470), Bauernaufstände (u.a. 1525), Glaubenskonflikte, Einfälle der Ungarn etc., entspricht jener selektiven Geschichtsschreibung, die die ‚Türken‘ aufgrund ihrer „Ungläubigkeit“ als besonders grausam und das Böse schlechthin darstellt. Dabei sollen selbst kaiserliche Truppen, die 1469 versuchten, den Aufstand steirischer Adeliger gegen Friedrich III., angeführt vom Söldnerführer Andreas Baumkircher, niederzuschlagen und den besetzten Markt Mürzzuschlag einzunehmen, ein regelrechtes Blutbad angerichtet haben, das ein Wiener Zeitzeuge namens Ulrich Perman folgendermaßen schilderte:

Des Kaisers vier tawsent mann … haben die 1500 im marckht überfallen und der veyndt ab (= gegen) 500 erslagen und gar vil verprennt, daz man maint, verprennt und erslagen ab tawsent mann und die andereren all gefangen und gen Grecz geführt. All gassen zu Murczueslag sind voll tod lewt gelegen und gancz pech (=Bäche) plut sind von in (= ihnen) gerunnen, also habens die pawern zerhackt. (zit. nach Pickl/Kanzler 1996: 86)

18 Jahre später sollen kaiserliche Truppen unter dem Herzog von Sachsen den Ort, der zu diesem Zeitpunkt von den Ungarn besetzt war, erneut bis auf die Grundmauern zerstört haben, sodass er „gleichsam unbewohnbar“ war (ebd.: 90).

Und auch spanische und italienische Hilfstruppen, die 1532 auf ihrem Rückweg in die Heimat Krieglach passierten, waren bei der Bevölkerung ebenso gefürchtet, da sie teilweise „ärger hausten als der Feind“ (Albert 1928: 17). Auch Franz Martin Mayer, Autor des 1898 erschienenen Werks „Geschichte der Steiermark“, schreibt:

Die Verwüstungen, welche diese befreundeten Truppen auf diesem Wege anrichteten, kamen denen der Osmanen gleich. Mürzzuschlag, Unzmarkt und Scheifling und andere Orte gingen in Flammen auf. Zwar versprachen die Führer der zuerst durchziehenden Truppen Bezahlung der Lebensmittel, aber das Versprechen gieng nicht in Erfüllung; vielmehr plünderten die Soldaten die Ortschaften aus, nahmen sogar Kleider und Schuhe weg, vernichteten, was sie nicht mitnehmen konnten und schonten selbst die Kirchen und Kapellen nicht, so dass die Bauern meinten, die Durchziehenden wären Türken oder ‚tausend Teufel‘. (Mayer 1898: 182)

» Die Osmanen kehren 1532 ein letztes Mal zurück

Während für weite Teile der Obersteiermark hauptsächlich das Jahr 1480 mit der Erinnerung an die sogenannten ‚Türkeneinfälle verbunden ist, blieb die Gemeinde Krieglach in diesem Jahr noch weitgehend verschont. Irreguläre osmanische Reiter, die im August 1480 über den Neumarkter Sattel in die Steiermark eindrangen und ihr Lager bei Bruck an der Mur aufstellten, richteten im unteren Mürztal schwerwiegenden Schäden an.

Die beiden einzigen Male, bei denen die Osmanen bis nach Krieglach kamen, ereigneten sich im Zuge großangelegter Eroberungsfeldzüge des osmanischen Hauptheeres innerhalb weniger Jahre: 1529, als Wien unter Sultan Suleiman I. erfolglos belagert wurde, und 1532, als die Osmanen nach erfolgloser Belagerung der Festung Kőszeg/Güns über die Steiermark abzogen. Kleinere Abordnungen dieses Hauptheeres, die so genannten „Akindschi“ (leichte Reiterei) drangen bei ihren Streif- und Plünderungszügen über Mariazell und das Aflenztal bis nach Krieglach vor (vgl. z.B. Fraydenegg-Monzello 1998: 13ff.). Eine der wenigen Aufzeichnungen zu den Ereignissen des Jahres 1532 sind bei den Zisterziensermönchen des Klosters Neuberg zu finden, die 1533 berichten, sie hätten von dem

gefangen Volkgkh von männern, frauen und kindtern, so in der Feits [Veitsch] durch den straifenden Hauffen zerhaut, zerschlaipfft oder zerschlagen worden, an die 300 oder 400 personen auf ain Monat oder länger […] notdurftig gespeist und hailen lassen (zit. nach Pickl 1993: 73).

Der Historiker Othmar Pickl schließt daraus, dass es sich dabei um Überlebende eines „Gemetzels“ handelte, das die Osmanen unter ihren Gefangenen in der Veitsch angerichtet haben sollen. Andere Quellen, die diese Annahme bestätigen würden, gibt es jedoch nicht. Als gesichert gilt jedoch, dass die Osmanen nach 1532 nicht mehr in die Gegend um Krieglach zurückkehrten. 1683, anlässlich der zweiten Belagerung Wiens, war die Lage zwar erneut kritisch, dank der Verteidigungsmaßnahmen unter Johann Thomas Freiherr Cassinedi gelang es den Osmanen jedoch nicht, über den Semmering in das Mürztal einzufallen (vgl. ebd.: 91ff.).

» Datierung der Plagentafel

Wann die Tafel in der Pfarrkirche Krieglach angefertigt bzw. angebracht wurde, ist ungewiss. Da sich eine zweite Tafel aus dem gleichen Holz mit gleicher Inschrift und Farbe an der rechten Rückwand der Kirche befindet, die von einem tödlichen Blitzschlag und einer erneuten Heuschreckenplage im Jahr 1693 berichtet (Details dazu siehe Fraydenegg-Monzello 1998: 28), vermutet Hüttenegger, dass die Plagentafel frühestens um 1700 entstanden sein dürfte und fügt hinzu, dass „in diesen 150 Jahren […] Grauen und Phantasie mit der Vergrößerungslinse gearbeitet“ hätten (Hüttenegger 1982: 59).

Im 19. Jahrhundert wurde der Plagentafel eine weitere handschriftliche Notiz hinzugefügt, die am unteren Ende angeklebt wurde. Diese weist auf einen Stallbrand am 20. November 1832 hin, bei dem mehrere Gebäude verbrannten und die Nebengebäude nur durch die „Fürbitte des heiligen Florian“ gerettet werden konnten.

» Festzug mit „Christensklaven“ 1929

Ausgerechnet im Jahr 1929, als sich der erste Einfall osmanischer Heerscharen ins Mürztal zum 400. Mal jährte, wurde Krieglach zur Marktgemeinde erhoben. Zu diesem Anlass wurde nicht nur eine „Denkschrift über die Markterhebungsfeier am 12. und 13. Oktober 1929“ herausgegeben, sondern auch ein feierlicher Umzug veranstaltet, bei dem auch die Gruppe „Türken mit gefangenen Christen“ teilnahm. Wie auf einer Fotografie in der Ortschronik von Othmar Pickl zu sehen ist, waren einige Männer mit Turbanen und orientalischer Tracht als ‚Türken‘ verkleidet, die eine Bauernfamilie als Gefangene mit sich führten (vgl. Pickl 1993: 73 bzw. krieglach.at).

» Peter Rosegger und die ‚Türken‘

Der aus Krieglach stammende bekannte steirische Schriftsteller Peter Rosegger veröffentlichte im Jahr 1875 einen dreiteiligen Aufsatz mit dem Titel „Die Türken im Mürztal. Ein Bild aus der Schreckenszeit unserer Vorfahren“ in der Grazer Wochenzeitung „Dorfbote“, der „Zeitschrift für Wahrheit, Bildung und Aufklärung“. Gleich im ersten Satz dieses Artikels erzählt Rosegger von der Plagentafel in der Krieglacher Pfarrkirche und zitiert die Stelle mit den 800 Personen, die 1529 von den Osmanen verschleppt worden sein sollen. „Diese wenigen trockenen Worte“, so Rosegger, „sie fassen eine Welt von Jammer und Noth! Sie lassen uns einen grellen, tiefen Blick thun in die Schreckenszeit unserer Vorfahren.“ (Rosegger 14.10.1875: 2–3). Dass dieser Blick nicht immer den historischen Fakten entsprach, sondern wenn nötig, mit dichterischen Mitteln ausgeschmückt wurde, räumt Rosegger an späterer Stelle selbst ein:

Nun habe ich mich an die Geschichte gewendet; sie hat uns nur spärliche Kunde, wenn auch blutig genug, übermittelt. Ich habe die Tradition des Volkes belauscht; sie hat uns zwar einen weiten Dornenkranz von bösen Sagen bewahrt, aber bei Weitem nicht genugsam treu jene Zeit uns wieder gespiegelt. So habe ich in meiner Forschung und Darstellung einen eigenen Weg betreten, und dort, wo mich der Geschichtsschreiber im Stiche ließ und wo der sagenreiche Mund des Volkes verstummte, dort hat mir des Dichters Griffel das Bild zur Rüste gezeichnet. (ebd.: 3)

Bevor Rosegger in Folge auf den ‚Türkeneinfall‘ des Jahres 1529 näher eingeht, zieht er zunächst eine interessante Parallele zwischen den Kreuzzügen der (damals) barbarischen Europäer und den Eroberungszügen der Osmanen, die er gleichermaßen als „Barbaren“ bezeichnet:

Einst strömten die Völker des Abendlandes in fünf riesigen Heereszügen nach Asien, um dort, unter dem Vorwande, das heilige Grab aus den Händen der Heiden zu reißen, Länder und Königreiche zu erobern. Die Geschichte der Kreuzzüge weist uns grausame, blutige Episoden, und die Asiaten haben wohl Ursache gehabt, zu zittern vor den Barbaren aus dem Abendlande. – Aber das Blatt hat sich gewendet, und kaum hundertfünfzig Jahre später zittern wir Europäer vor den Barbaren aus dem Morgenlande. (ebd.)

Hier spricht ein Europäer, der seiner Überzeugung Ausdruck verleiht, dass Europa sein einstiges Barbarentum längst hinter sich gelassen hat, während andere noch immer auf dieser Stufe verharren und unfähig sind, sich wie Europa weiter zu entwickeln. Woran Rosegger vor allem das Barbarentum festmacht, ist die Grausamkeit.

» Das Motiv der Grausamkeit

Obwohl Rosegger die ‚Türkeneinfälle‘ als „fürchterliche[n] Wiedervergeltung der Kreuzzüge“ (Rosegger 14.10.1875: 2) charakterisiert, verfällt er wieder in das klassische Feindbild-Schema, das er – wie er in aller Deutlichkeit selbst unterstreicht – religiös begründet sieht. Dabei spricht er den Osmanen das Menschsein ab und meint, dass ihnen selbst ein Vergleich mit wilden Tieren „zu viel Ehre angetan“ hätte. Sie seien wie

wilde raubgierige, blutdürstige, brandlechzende Horden der Hölle entstiegen; nicht kühn, wie der Tiger, nicht zornsprühend, wie der gereizte Löwe; nein feig, wie die Hyäne, hinterlistig, wie die Schlange, sind sie gewesen (ebd.: 4).

Gleichzeitig räumt Rosegger ein, dass diese „anfangs auch gereizt“ worden wären. Jedoch „nicht so sehr, weil sie Feinde des Vaterlands; denn als solche hätte unser Volk auch die feindlichen Ungarn derart brandschatzen können; – sondern weil sie Heiden waren, hat man sie vergiftet und durch grausame Martern auf verschiedene Weise umgebracht. Das hat denn die von Natur aus wilden Völker zu jenen schrecklichen Rachethaten entflammt, mit denen sie ihren Namen unauslöschlich eingegraben haben in die Geschichte unseres Vaterlandes.“ (ebd.)

In einer Mischung aus Fiktion und Fakten schildert Rosegger detailreich, wenn auch „mit Widerstreben“ wie er schreibt, die Gräueltaten, die die Osmanen im Mürztal begangen haben sollen. Von brutalen Zerstückelungen bei lebendigem Leibe, aufgespießten Kindern und von Frauen, die mit ihren Haaren an den Schweif eines Pferdes gebunden und so zu Tode geschleift wurden, ist zu lesen. An zwei Bauerstöchter, die letzteres Schicksal erlitten haben sollen, erinnert in Krieglach noch heute das „Feiglbauernkreuz“, das auch unter der Bezeichnung „Türkenkreuz“ bekannt ist (vgl. Fraydenegg-Monzello 1998: 18).

Sengen und Brennen, das thut jeder Feind, wenn es in seine Feldzugspläne paßt, aber Ohren abschneiden, Finger und Zehen abzwicken, Augen ausstechen, schinden bei lebendigem Leibe, das hat nur der Barbar aus dem Morgenlande gethan. (Rosegger 21.10.1875: 5)

Auch das Schicksal jener 800 Personen, die ins „Lande der Barbaren“ verschleppt worden sein sollen, führt Rosegger näher aus:

Die Männer und Knaben sind für den Kriegsdienst abgerichtet und den Janitscharen zugetheilt; die Weiber und Mädchen sind von einem Sklavenmarkt auf den anderen, von einem Tyrannen zum anderen, von einem Elend in’s andere geschleppt worden, bis sie – Gott weiß es! – der freundliche Tod erlöst hat. (Rosegger 28.10.1875: 6)

Dass es auf Seiten der Osmanen ebenfalls Tode und Versklavte gab, ist nur aus kleinen Randnotizen herauszulesen. So wird in derselben Publikation behauptet, dass einfallende Osmanen im Jahr 1492 bei Villach besiegt und 10.000 von ihnen erschlagen, 7000 gefangen genommen wurden (vgl. Rosegger 14.10.1875: 3) – also mehr als achtmal so viele, wie in Krieglach angeblich verschleppt wurden. Selbst wenn beide Angaben historisch nicht belegt werden können, ist doch die moralische Wertung eine ganz andere. Während die Osmanen als „von Natur aus“ gewalttätig und grausam beschrieben werden, sind die eigenen „Heldentaten“ verherrlicht bzw. verharmlost worden: „Das arme Landvolk war sich selbst überlassen, um auf Noth und Tod mit dem Ungeheuer zu ringen. Heldenthaten sind geschehen. Jeder Bauer erschlug der Türken drei, und sein Weib derer zwei!“ (Rosegger 28.10.1875: 5)

» Erinnerungsorte

Zum Abschluss kehrt Rosegger an den Ausgangspunkt seiner Erzählung, die Pfarrkirche in Krieglach, zurück, die – wie er schreibt – dazu auserkoren war, „eine Zwingburg der Christen“ zu sein. In dieser Kirche sollen die Osmanen vor ihrem Abzug die Gefangenen zusammengetrieben haben, um „noch eine ihrer würdige That zu verüben“ und „diese dem Flammentode zu weihen“, wie Rosegger (Rosegger 28.10.1875: 6) schreibt. Gerade noch rechtzeitig soll dann „ein Haufe halbwilder Waldmenschen aus den Wäldern des Teufelstein herabgekommen sein und die Ueberreste des Türkenheeres vernichtet haben“. Noch heute soll die „rothe Erde, auf welcher der letzte Rest des Barbarenheeres erschlagen worden war“ (ebd.), daran erinnern, so Rosegger. Aufgrund der Verbrechen, die den Osmanen zugeschreiben wurden und die der Autor – trotz mangelnder historischer Bestätigung – detailgetreu beschreibt, „dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir heute, nach mehr als drei Jahrhunderten, in unserem Vaterlande überall noch den Spuren jener unheilvollen Tage begegnen.“ (ebd.) Als Beispiele führt Rosegger die Ortsbezeichnungen „Türkenbühel“, „Türkengraben“, „Türkengrube“, „Türkenberg“ oder „Heidenkogel“ an.

Peter Rosegger, der seit 1876 die Monatszeitschrift „Heimgarten“ herausgab, wurde in den Jahren 1913 und 1918 als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Dass er schlussendlich leer ausging, wurde u.a. auf seine deutschnationalen Ambitionen zurückgeführt, die sich auch in seiner Förderung deutscher Schulen in gemischtsprachigen Gebieten Böhmens und Mährens und der Unterstützung des Deutschen Schulvereins niederschlug. Auch anti-semitische Beweggründe wurden Rosegger nachgesagt, als er den Wunsch des Mainzer Bürgermeisters 1893 ausschlug, einen Kommentar über ein geplantes Denkmal zu Ehren des jüdischen Schriftstellers Heinrich Heine zu verfassen. Während des Ersten Weltkriegs machte er u.a. mit kriegsfreundlichen Texten auf sich aufmerksam. Besonders seine Nähe zur so genannten „Heimatkunst-Bewegung“ führte dazu, dass der 1918 in Krieglach verstorbene Schriftsteller und Publizist später für nationalsozialistische Propaganda vereinnahmt wurde. Der ungebrochenen Popularität Roseggers, dem gleich mehrere Denkmäler und Gedenkstätten gewidmet sind, hat das jedoch keinen Abbruch getan. Besonders in Krieglach und Umgebung trifft man überall auf die Spuren des einstigen „Waldbauernbuben“. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Pfarrkirche mit der Plagentafel an der Roseggerstraße befindet.

» Literatur

Albert, Karl (1929): Denkschrift über die Markterhebungsfeier am 12. Und 13. Oktober 1929. Krieglach.

Albert, Karl (1928): Führer durch die Waldheimat und Umgebung. Gedenkausgabe zum 10. Todestage Peter Roseggers. Krieglach.

Anderle, Johann Gabriel (1948): 1148-1948. 800 Jahre Krieglach. Offizielle Festschrift zur 800-Jahrfeier. Krieglach.

Austria-Lexikon.at: Rosegger, Peter, 09.10.2012.

Fraydenegg-Monzello, Otto (1998): 850 Jahre Krieglach. Krieglach.

Gollner, Marion (2012): „Der Türk‘ bricht wieder ein“– Erinnerungen an die osmanischen Einfälle im steirischen Mur- und Mürztal. In: Feichtinger, Johannes/Heiss, Johann (Hg.): Geschichtspolitik und ,Türkenbelagerung‘. Wien.

Hüttenegger, Theodor (1982): Mürzzuschlag. Geschichte unserer Stadt. Mürzzuschlag.

Krieglach.at: Ortschronik. Krieglach – im Laufe der Jahrhunderte, 09.10.2012.

Mayer, Franz Martin (1898): Geschichte der Steiermark mit besonderer Rücksicht auf das Culturleben. Graz.

Pickl, Othmar/Kanzler, Walter (1996): Geschichte des Klosters und der Marktgemeinde Neuberg an der Mürz. Langenwang.

Pickl, Othmar (1993): Geschichte der Marktgemeinde Krieglach. Langenwang.

Pickl, Othmar (1979): Geschichte der Gemeinde Veitsch. Graz.

Rosegger, Peter (1875): Die Türken im Mürzthale. Ein Bild aus der Schreckenszeit unserer Vorfahren. In: Der Dorfbote. Wochenblatt, herausgegeben vom steiermärkischen Volksbildungsverein. (Teil 1: 14. Oktober 1875, 2–6; Teil 2: 21. Oktober 1875, 3–5; Teil 3: 28. Oktober 1875, 4–7). (Leicht abgeänderte Online-Version)

Schmutz, Karl (1822): Historisch-topographisches Lexicon von Steyermark: H – M. Band 2. Graz. (Online-Version)

Wikipedia: Othmar Pickl, 05.09.2012.