Perchtoldsdorf, Altes Rathaus

Text: Simon Hadler

Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Perchtoldsdorfer Rathaus beherbergt gleich mehrere Objekte, die sich auf die Ereignisse im Juli 1683 beziehen, als die Marktgemeinde von osmanischen Streifscharen belagert und größtenteils zerstört wurde. So befindet sich im so genannten Bürgermeisterzimmer ein um 1700 entstandenes Wandgemälde und eine dazugehörige schriftliche Legende, welche die damaligen Geschehnisse wiedergeben. Im benachbarten Sitzungssaal ist wiederum der 1683 getötete Marktrichter Adam Strenninger in der Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger abgebildet. Außerdem befindet sich seit 1973 die Dauerausstellung „Die Osmanen in Niederösterreich“ im Gebäude.

» Wandgemälde und Legende

Nachdem die größten in den Julitagen 1683 entstandenen Schäden beseitigt waren, begann man in den 1690er Jahren mit der Neugestaltung des Perchtoldsdorfer Rathauses. Zu den damals vergebenen Aufträgen gehörte auch die Anfertigung eines Wandgemäldes, welches sich bis heute an der Südwand des so genannten Bürgermeisterzimmers (früher: Parteienzimmer) befindet. Eine Rechnung vom Februar 1700 gibt den Mödlinger Maler Jakob Dietzinger als Künstler an, die Arbeit dürfte zu diesem Zeitpunkt bereits beendet gewesen sein. Auftraggeber waren der Marktrichter Jakob Trinksgeld und der Marktkämmerer Josef Deyl. (vgl. Petrin 1974)

Das 5,50 x 1,20 m große Gemälde ist die älteste bildliche, wenn auch nicht sehr exakte Darstellung des Marktes Perchtoldsdorf. Es zeigt eine Reihe von Ereignissen, die vom Juli 1683 überliefert wurden, angefangen mit dem Hissen der weißen Fahne vom Wehrturm über die Zahlung des Lösegeldes, das Einsammeln der Waffen bis hin zur Ermordung der Einwohner auf dem blutroten Marktplatz vor der Kulisse der brennenden Perchtoldsdorfer Gebäude. Das Original ist heute stark nachgedunkelt, eine Kopie in besserer Qualität befindet sich im Museum „Die Osmanen in Niederösterreich“ im selben Gebäude. Die einzelnen abgebildeten Szenen sind mit Buchstaben versehen, die auf die Legende links vom Gemälde verweisen. Doch wurde diese unter dem Titel „Eigentlicher Entwurf“ bekannte Schrift offenbar mehrmals verändert, sodass heute Text und Bild nicht mehr genau übereinstimmen.

» Ein bürgerlicher Erinnerungsort

Die Historikerin Gertrude Langer-Ostrawsky sah in dem Bild auch einen Teil einer „kollektiven Bewältigungsstrategie“ und den Versuch, „mit diesem Ereignis fertig zu werden. Die einen haben es niedergeschrieben, wie Wenzel Frey, die anderen gemalt, und man konnte dieses Trauma, das den ganzen Ort in Mitleidenschaft gezogen hat, auf diese Weise vielleicht ein bisschen abarbeiten.“ (Langer-Ostrawsky 2006: 66)

Man könnte das Bild aber auch als eine Manifestation bürgerlichen Selbstbewusstseins ansehen, wodurch man sich einen eigenen Erinnerungsort abseits kirchlicher Interpretationen und Rituale schaffen konnte (wofür auch die ursprüngliche Widmung des Raumes, in dem sich das Bild befindet, als Parteienzimmer spricht). Denn schließlich gedachte man bereits seit 1692 mit alljährlichen Trauerfeiern in der Pfarrkirche. Bezieht man nun auch den Sitzungssaal mit den Porträts der Marktrichter mit ein, so mag dem Historiker Gregor Gatscher-Riedl zugestimmt werden, wenn er von einem lieu de mémoire im Sinne Pierre Noras spricht. (Gatscher-Riedl 2007: 223)

Früher soll es im Bürgermeisterzimmer außerdem noch ein Porträt des angeblichen Anführers der osmanischen Truppeneinheit, dem Pascha Hassan von Damaskus, gegeben haben. Doch 1962, als Anton Schachinger davon berichtete, war das Bild bereits verschwunden. (Schachinger 1962: 275) Auch über die Geschichte dieser Abbildung ist nichts bekannt.

» Porträt des Marktrichters Adam Strenninger

Neben dem Bürgermeisterzimmer wurde auch der Sitzungssaal (große Ratsstube) nach den Zerstörungen durch den osmanischen Angriff neu eingerichtet. Auch dafür bekam der Maler des Wandgemäldes, Jakob Dietzinger, einen Auftrag. So zeichnete er unter anderem für die Gestaltung von 32 – von später insgesamt 36 – Bildmedaillons, welche die Marktrichter von Wolfgang Binder (1530) bis zum damals amtierenden Jakob Trinksgeld zeigen, verantwortlich. (Petrin 1974: 96) Darunter befindet sich auch das Porträt des 1683 getöteten Adam Strenninger mit folgendem Hinweis:

Anno 1683 / Neben in und äusern Rath sambt der ganzen Bürgerschaft durch den erbfeindlichen Einfall der Türken und Tataren wieder alles Völkerrecht / nach geschehener Huldigung und getroffenen Accord nidergehaut / und ermordet worden (Schachinger 1962: 276)

Der Sitzungssaal wird übrigens bis in die Gegenwart genutzt. Er wurde 1976 vom Wiener Architekten Hans Hollein neu gestaltet, wobei die Porträts ihren Platz behielten.

» Museum „Die Osmanen in Niederösterreich“

Seit dem 30. September 1973 befindet sich im Gebäude des alten Rathauses auch ein Museum, das sich unter dem Titel „Die Osmanen in Niederösterreich“ besonders mit den Jahren 1529 und 1683 beschäftigt und naturgemäß einen Schwerpunkt auf Perchtoldsdorf verlegt. Für eine eigene Ausstellung, die sich nur den lokalen Ereignissen im Juli 1683 zugewendet hätte, fehlte es an Exponaten. (Petrin 1973: 216f) Darum bot sich eine Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich an, welches nicht nur einen Teil der Kosten übernahm, sondern auch durch das Kulturreferat der Landesregierung wesentlich an der Planung und Gestaltung des Museums beteiligt war. Zur Konzeption der Ausstellung schreibt die Historikerin Silvia Petrin:

Ganz allgemein wäre zu der Perchtoldsdorfer Türkendokumentation zu sagen, daß zwar auch hier die kriegerische Komponente im Vordergrund steht, daß man aber ein wenig vom traditionellen Klischee, das eine jahrhundertelange Greuelpropaganda schuf, abrückte. Karl Teply ist seit längerem bemüht, Gegenakzente zu setzen und auf die Bereicherungen hinzuweisen, die die Berührungen mit der Welt der Osmanen gebracht haben. (Petrin 1973: 217)

Das bedeutet, dass neben Zeittafeln mit den wichtigsten militärischen Auseinandersetzungen, der Darstellung wichtiger Heeresführer oder Schlachtskizzen – laut August Bangert, einem der frühen Förderer des Museums – besonderer Wert

auch auf die kulturellen Auswirkungen der Begegnung mit den Osmanen für das gesamte Abendland gelegt [wurde; Anm. S.H.] (Niederschlag der Ereignisse in der zeitgenössischen Kunst, Kennenlernen des türkischen Lebens in Kultur und Alltag durch die oftmaligen Gesandtschaften von Österreich nach Konstantinopel, die Anfänge des Wiener Kaffeehauses u.s.w.). (Bangert 1973: 7)

Diese inhaltliche Ausrichtung wurde zehn Jahre später weitergeführt, als im Rahmen des Gedenkjahres (300 Jahre Zweite Wiener Türkenbelagerung) im Rathaus die Sonderausstellung „Was von den Türken blieb“ ausgerichtet wurde. Diesmal sollten explizit die positiven Aspekte nach der kriegerischen Auseinandersetzung betont werden, wie es auch Bürgermeister Paul Katzberger im Geleitwort des Ausstellungskataloges formulierte:

Denn diese große kriegerische Konfrontation brachte auch kulturelle Kontakte zustande, welche das Leben von beiden Seiten belebten und befruchteten. (Katzberger 1983: 4)

» Literatur

Bangert, August (1973): Die neuen Museen in Perchtoldsdorf. In: Perchtoldsdorfer Kulturnachrichten. Offizielles Mitteilungsblatt des Bildungswerkes, der Volkshochschule und anderer kultureller Vereinigungen in Perchtoldsdorf. November. Nr. 125. 4–8.

Gatscher-Riedl, Gregor (2007): Perchtoldsdorf 1683. Wahrheit, Mythen und kollektive Erinnerung. In: Rosner, Willibald; Motz-Linhart, Reinelde (Hg.): Kriege – Seuchen – Katastrophen. Die Vorträge des 26. Symposions des Niederösterreichischen Instituts für Landeskunde. Waidhofen an der Ybbs, 3. bis 6. Juli 2007. St. Pölten. 209–228.

Katzberger Paul (1983): Zum Geleit. In: Marktgemeinde Perchtoldsdorf (Hg.): Was von den Türken blieb. 1. Teil. Sonderausstellung. Veranstaltet von der Marktgemeinde Perchtoldsdorf im Rathaus Perchtoldsdorf. 16. April bis 30. Oktober 1983. Perchtoldsdorf. 4.

Langer-Ostrawsky, Gertrude (2006): Das Fremde und das Eigene. Wer waren „die Perchtoldsdorfer.innen“? Selbstbilder und Fremdbilder in der Geschichte Perchtoldsdorfs. In: Gatscher-Riedl, Gregor (Bearb.): Perchtoldsdorfer Geschichte.n. Die historische Vortragsreihe anlässlich 50 Jahre wiedererrichtete Marktgemeinde Perchtoldsdorf 1954–2004. Perchtoldsdorf. 53–73.

Latschka, Adam (1884): Geschichte des niederösterreichischen Marktes Perchtoldsdorf. Wien.

Petrin, Silvia (1973): Ausstellungen ´73 – Ein kritischer Rückblick. In: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Jg. 44, Heft 4. 215–217.

Petrin, Silvia (1974): Stukkateur und Maler der Perchtoldsdorfer Rathausstuben. In: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich und Wien. Jg. 45, Heft 2. 93–104.

Schachinger Anton (1962): Türkennot 1683 und ihre Überwindung im Markte Perchtoldsdorf. Wien.