Perchtoldsdorf, Pfarrkirche

Text: Simon Hadler

Die Pfarrkirche von Perchtoldsdorf war ein zentraler Schauplatz der Ereignisse vom Juli 1683, als osmanische Truppen den Markt belagerten, in Brand setzten und einen Teil der Bevölkerung ermordeten. Sie ist jedoch nicht nur ein wichtiger Ort der historischen Erzählung, darüber hinaus befinden sich in der Kirche noch weitere Details, die auf das Jahr 1683 Bezug nehmen. So sollen seit 1833 drei Kreuze auf dem Boden der so genannten Unterkirche die Begräbnisstätte der damaligen Opfer markieren. Ein weiteres Detail ist das „Türkenfenster“, welches 1897 eingebaut wurde.

» Ein erfolgloser Rückzug

Die Geschichte der Pfarrkirche reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück, wobei sich schon zuvor an derselben Stelle eine Kapelle befunden hatte. Der ursprünglich romanische, seit Mitte des 14. Jahrhunderts gotische Bau erfuhr mehrere Ausbauten. 1520 wurde der benachbarte Wehrturm errichtet, welcher als Glockenturm fungiert. Während der ersten Türkenbelagerung 1529 flüchtete die Bevölkerung in die Kirchenfestung und konnte so den gegnerischen Streifscharen entkommen. 1683 hatte man jedoch kein Glück. Erneut zog man sich in die Festung zurück, doch als die Lage immer aussichtsloser wurde, entschied man sich für Verhandlungen. Es folgte die Übergabe eines Lösegeldes, danach traten die Männer einzeln aus dem Tor und wurden entwaffnet. Dabei scheint es zu Fluchtversuchen und Auseinandersetzungen gekommen zu sein, woraufhin auf Befehl des gegnerischen Anführers ein Teil der Bevölkerung ermordet oder gefangen genommen wurde.

Am 1. November 1683 kam der Priester und Präfekt der Sängerknabenschule des Stifts Heiligenkreuz Balthasar Kleinschroth nach Perchtoldsdorf und schrieb seine Eindrücke später im Bericht über seine Flucht nieder. Dabei schildert er auch den Anblick der schwer beschädigten Kirche:

Die bruggen über den graben in die kirchen war abgebrennt, derowegen seint wir in den graben gestigen und auf der andern seiten hinauf in den kirchhoff, in welchen sehr vill totte leuth abermahl zusehen waren. Und undter andern lage vor der kirchenthier ein kleines mägdlein, noch in ihren kleidern. Jn der kirchen ware eß ein greuel zusehen, wie vill leiber ganz verbrennet hinundher lagen, eß war ein solcher gestanckhen, das ich khein weiß waiß denselbigen zubeschreiben oder etwaß zuvergleichen. (Watzl 1956: 205)

» Gedenkmessen

Bereits wenige Jahre später, nämlich seit 1692, erinnerte man sich in Perchtoldsdorf alljährlich am 16. Juli mit einer Gedenkmesse an die Ereignisse des Jahres 1683. (Schachinger 1962: 30) Diese Tradition wurde bis 1784 aufrecht erhalten. Adam Latschka beschreibt in seiner Ortsgeschichte aus dem Jahr 1884 das Zeremoniell: Zuerst gab es um 6:00 Uhr früh eine gewöhnliche Messe, ihr folgte meist um 9:00 Uhr eine Trauerpredigt und -messe. Die anschließende Prozession führte aus der Pfarrkirche hinaus über den Marktplatz und auf den Friedhof, an dessen Eingang einst eine Gedenktafel an die Opfer von 1683 erinnert haben soll. (Latschka 1884: 245f)

» Renovierung 1833

Im Zuge von Renovierungsarbeiten unter Pfarrer Franz Geltner wurde das bis dahin unzugängliche Untergeschoß zur so genannten Unterkirche umgebaut. Der in Königsberg geborene Maler Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld (1788–1853) zeichnete dabei für die künstlerische Gestaltung verantwortlich. Vor allem seine Darstellung der Enthauptung des Johannes nimmt Bezug auf die Erzählung von den Ereignissen im Juli 1683. Denn ein Teil des an den Gegner zu zahlenden Lösegeldes versprachen die Perchtoldsdorfer am Tag Johanni Enthauptung (29. August) zu übergeben. (Katzberger 1987: 65f)

Außerdem wurden auf dem Boden vor dem neu errichteten Altar der Unterkirche drei Kreuze eingelassen. Sie sollen jene Stelle bezeichnen, an welcher die Überreste der Opfer begraben wurden. (Katzberger 1987: 83, 272)

» Türkenfenster

Als im Jahr 1897 der damalige Perchtoldsdorfer Pfarrer Ignaz Zeiner sein 50jähriges Priesterjubiläum feierte, stiftete er der Pfarrkirche ein neues Kirchenfenster, welches als „Türkenfenster“ bezeichnet wird. Es wurde vom ortsansässigen Maler Georg Teibler (1854–1911) in Anlehnung an ein um 1700 entstandenes und sich im alten Rathaus befindendes Wandgemälde gefertigt. Das untere Bild zeigt im Hintergrund die brennende Kirchenfestung und den Wehrturm, im Vordergrund werden die Bürger bereits von osmanischen Soldaten – nicht zuletzt erkennbar durch die grüne Fahne des Propheten – getötet oder scheinen noch um ihr Leben zu flehen. Das obere Bild zeigt eine Personengruppe, in welcher sich auch Pfarrer Zeiner befindet. An der linken Seite sieht man außerdem einen Weinbauer, die traditionelle ökonomische Basis des Marktes symbolisierend. Im Hintergrund erkennt man noch mit der Pfarrkirche und dem Wehrturm die ikonographische Silhouette des Ortes, über welchem die von zwei Engeln umgebene hl. Maria schwebt. (Marktgemeinde Perchtoldsdorf 1958: 224)

1945 wurden die Fenster der Pfarrkirche zerstört. Im Keller des alten Rathauses fand man jedoch die alten Kartons mit den originalen Entwürfen, so war das Türkenfenster, zu Kosten von 7000 Schilling, das erste wiederhergestellte Kirchenfenster. (Marktgemeinde Perchtoldsdorf 1958: 227f; Perchtoldsdorfer Pfarrchronik)

» Der Wehrturm mit Türkenglocke und Türkenkopf

Ein eigenständiges Bauwerk stellt der um 1520 fertiggestellte Wehrturm dar. Da er von Beginn an auch mit einer, später mit mehreren Glocken ausgestattet war, besaß er auch eine religiöse Funktion, indem er gewissermaßen als Kirchturm diente. Als 1683 Perchtoldsdorf schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde, brannte auch der Wehrturm aus und seine Glocken wurden zerstört. Drei Jahre später waren zumindest zwei davon bereits wieder ersetzt worden. Beide erinnerten in ihrer Inschrift an das noch nahe zurückliegende Ereignis, wobei eine auch noch heute im Turm hängt.

Der Text auf dieser so genannten Mess- oder Türkenglocke lautet:

Mit meinem Tohn und Resonantz
rueffe ich die Christen alle zusam
zu loben Gott in hoegsten Thron
der uns erloest aus der Tyrgkennoth.
Durch Feur und Hitz bin ich zerflossen,
Joachim Grohs hat mich gegossen. Anno 1686.
(Katzberger 1986: 37f.)

Die Spuren der zweiten Glocke verlaufen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Inschrift ist jedoch bekannt:

Als der Turck den Marckt verbrenndt,
wurd ich in Feur furzerent mit grohsen
Fleiß und durch Gottes Gnad
Joachim Grohs mich gohsen hat: Anno 1686 (ebd.: 38)

Bis zum Jahr 1938 erinnerten die Glocken im Wehrturm nicht nur schriftlich, sondern auch akustisch an die Geschehnisse im Juli 1683. Bis dahin läuteten sie nämlich an jedem Wochentag jeweils um 10:00 und um 15:00 Uhr. Zu diesen Zeiten sollen die osmanischen Truppen zuerst in den Ort hereingelassen worden und dann, nach der Ermordung Perchtoldsdorfer Einwohner, wieder abgezogen sein (Ostbahn-Bote 12.2.1933: 13).

In den Jahren 1971–1973 wurden Renovierungsarbeiten durchgeführt, im Zuge derer auch das Geländer der Stufen zum Eingang des Turmes erneuert worden sein dürfte. Dieses Geländer ziert an der rechten Seite ein wenige Zentimeter großer schmiedeiserner Türkenkopf mit Turban, dessen schmale Augen ihm wohl ein asiatisches und damit umso exotischeres Aussehen geben sollen.

» Literatur

Haja, M. (1994): Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Bd. 10. Wien. 416. 23.11.2011.

Katzberger, Paul (1986): Der Wehrturm von Perchtoldsdorf. Perchtoldsdorf.

Katzberger, Paul (1987): Die Pfarrkirche von Perchtoldsdorf. Perchtoldsdorf.

Latschka, Adam (1884): Geschichte des niederösterreichischen Marktes Perchtoldsdorf. Wien.

Marktgemeinde Perchtoldsdorf (Hg.) (1958): Perchtoldsdorfer Heimatbuch. Wien, Melk.

Ostbahn-Bote (12.2.1933). Illustriertes Wochenblatt für das christliche Volk der Bezirke Schwechat, Bruck a. d. Leitha, Hainburg und Umgebung: Fortsetzung – Fremdenverkehrsverband – Türkenfeier. 13.

Perchtoldsdorfer Pfarrchronik

Schachinger Anton (1962): Türkennot 1683 und ihre Überwindung im Markte Perchtoldsdorf. Wien.

Watzl, Hermann P. (1956): Flucht und Zuflucht. Das Tagebuch des Priesters Balthasar Kleinschroth aus dem Türkenjahr 1683. Graz.