Seebenstein, Türkensturz

Text: Simon Hadler

In Gleissenfeld, südlich von Seebenstein, befindet sich eine steile Felswand, die den Namen Türkensturz trägt. Der Legende nach sollen an dieser Stelle osmanische Reitersoldaten in den Abgrund gestürzt sein. Zwischen 1824 und 1826 ließ Johann Joseph Fürst von Liechtenstein über der Wand eine künstliche Ruine errichten, die ebenfalls Türkensturz genannt wird.

» Sagen

Es gibt zwei unterschiedliche Varianten der Erzählung, woher der Türkenstürz seinen Namen hat. Beide werden üblicherweise mit dem Jahr 1532 in Zusammenhang gebracht. Die eine Sage erzählt davon, dass umherstreifende osmanische Reiter, die Akindschi, von den Bauern des Pittentals vertrieben wurden. Eine kleine Truppe der Fliehenden fand sich dabei im Wald nahe Seebenstein wieder. Nachdem sie auf eine Anhöhe gestiegen waren, erschien ihnen eine Frau – in manchen Versionen handelte es sich dabei um die hl. Maria (Bauer 1982: 140). Die Soldaten verfolgten sie, bis sie am Rand der Felswand waren. Dort sprang die Frau zur Seite, während ihre Verfolger in den Abgrund stürzten (Gemeinde Seebenstein). In der schon genannten anderen Version überlebte einer der Reiter, um von diesem Vorfall berichten zu können. (Bauer 1982: 140)

Der zweiten Variante der Legende geht der militärische Erfolg der Reichstruppen gegen die Akindschi im Raum Leobersdorf voraus. Auch diesmal konnte eine Gruppe der Reiter entkommen. Auf ihrer Flucht, auf der sie weiter raubten und brandschatzten, kamen sie bis in die Nähe von Seebenstein. Ein Bauernbursche aus Pitten legte nun zu dieser Zeit Schlingen im Wald. Er konnte sich erst verstecken, bevor er bei erster Gelegenheit versuchte, die Einwohner der Umgebung zu warnen. Doch im Falle des nächstgelegenen Hofes war es bereits zu spät. Als die Leute von dort zu fliehen versuchten, waren sie von den Akindschi bereits umzingelt. Sie starben im brennenden Gebäude. Doch der Bursche hatte in der Zwischenzeit weitere Bauern warnen könne, die nun die osmanischen Reiter angriffen und immer weiter zurückdrängten. Im Morgennebel sahen die Akindschi den steilen Abhang zu spät und stürzten ohne Ausnahme in den Tod. (vgl. Gemeinde Seebenstein; Bauer 1982: 138f; Landesmuseum Niederösterreich)

Für keine der beiden Geschichten gibt es im Übrigen einen historischen Nachweis. Es kann jedoch zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass es einzelne Gruppen osmanischer Reiter auch in die Umgebung von Seebenstein verschlagen hat.

» Die künstliche Ruine

Im Jahr 1824 kaufte Johann Fürst von Liechtenstein die nahe gelegene Burg Seebenstein, die zuvor seit 1665 im Besitz der Familie der Grafen von Pergen und seit 1788 an Anton David Steiger verpachtet war. Dessen 1890 gegründete und 1823 behördlich aufgelöste „Wildensteiner Ritterschaft zur blauen Erde“ erweckte ein herbeifantasiertes Mittelalter zum Leben (Vgl. Schimmer 1851). Unter dem Eindruck der Romantik stand auch der neue Besitzer der Herrschaft. Johann Fürst von Liechtenstein ließ nicht nur die Burg Seebenstein solcherart umbauen, dass sie ein in seinen Augen pittoreskeres Aussehen hatte, sondern errichtete auch eine künstliche Ruine am Rand des Türkensturzes. Der Zusammenhang mit der Legende wurde nicht zuletzt durch zwei auf den Mauern angebrachte vergoldete Halbmonde hergestellt (Schimmer 1851: 119f), wobei jedoch heute nur mehr einer davon existiert. Eine solche Scheinruine war zu dieser Zeit durchaus nicht ungewöhnlich. Ausgehend vom im 18. Jahrhundert sich entwickelnden englischen Landschaftsgarten wurde in der Romantik damit begonnen, mittels der Gestaltung von Aussichtspunkten oder eben auch künstlich geschaffenen Ruinen, eine Landschaft aktiv derart zu gestalten, dass sie den Vorstellungen der „Natur“-begeisterten Besuchern entsprach. (vgl. Wikipedia: Künstliche Ruine)

» Gegenwärtige Bedeutung

„Türkensturz“ hat sich als topographische Bezeichnung für Felswand und Ruine etabliert. Auch die legendären Erzählungen werden bis heute tradiert. Schon seit dem 19. Jahrhundert galt der Türkensturz aber vor allem als Aussichtspunkt für Erholungssuchende und gegenwärtig ist er Teil des Naturparks Seebenstein/Türkensturz (Naturpark Seebenstein/Türkensturz). Bis vor kurzem schienen die sagenhaften Ereignisse keine große Bedeutung mehr zu haben. Doch zwei Artikel auf den Online-Plattformen der Zeitungen „Die Zeit“ und „Kurier“ (8.10.2011, nicht mehr online) aus dem Jahr 2011 deuten darauf hin, dass sich dies ändern könnte. Die Autorinnen beider Texte interessieren sich etwa für den Halbmond auf der Ruine – dessen erstmalige Montage sie fälschlicherweise im 20. Jahrhundert ansiedeln – und erinnern an die Ängste österreichischer Rechtspopulisten vor „Halbmonden statt Gipfelkreuzen“ (DiePresse.com 21.2.2008). Des Weiteren weisen sie darauf hin, dass es vor allem türkische Familien sind, die den Ort gerne als Ausflugsziel nutzen. Dabei kommt es auch zu Neuinterpretationen der Legende, wie sie etwa ein Herr Gül der „Zeit“ gegenüber erzählt: „Er dichtet nicht viel dazu, vertauscht nur geflissentlich die Akteure. Bei ihm waren es die hiesigen Kämpfer, die von den Osmanen in den Abgrund geschubst wurden. Die kleine Picknickfläche mit dem verdorrten Gras ist Güls persönlicher Heldenplatz.“

» Literatur

Bauer, Josef (1982): Die Türken in Österreich. Geschichte. Sagen. Legenden. St. Pölten.

diepresse.com (21.2.2008): Halbmond statt Gipfelkreuz: BZÖ verliert Rechtsstreit. 16.7.2012.

Gemeinde Seebenstein: Sehenswürdigkeiten. 16.7.2012.

kurier.at (8.10.2011): Schrenk, Julia: Halbmond statt Gipfelkreuz. 16.7.2012 (nicht mehr online).

Landesmuseum Niederösterreich: Türkensturz. 16.7.2012.

Naturpark Seebenstein/Türkensturz: Die stillen Perlen des Pittentals. 16.7.2012.

Schimmer, Karl August (1851): Geschichte der Wildensteiner Ritterschaft zur blauen Erde auf Burg Sebenstein. Aus Original-Urkunden und Documenten. Mit dem vollständigen Ritter-Verzeichnisse und einer Ansicht der alten Burg Sebenstein. Wien.

Wikipedia: Künstliche Ruine. 16.7.2012.

zeit.de (18.8.2011): Sterkl, Maria: Der Türkensturz. 16.7.2012.