Sonntagberg

Text: Simon Hadler

Nahe der Wallfahrtskirche am Sonntagberg im Mostviertel soll sich der Legende nach im Jahr 1529 das so genannte „Rosswunder“ ereignet haben. Die Pferde der osmanischen Reiter seien an der später als Türkenbrunnen bezeichneten Stelle auf die Knie gefallen und hätten so eine Eroberung der Kirche verhindert. Auch 1683 blieb der Wallfahrtsort verschont. Zum Dank für die Errettung vor den osmanischen Truppen opferten Gemeinden und Privatpersonen mehrere Votivbilder, die teilweise noch heute erhalten sind und Ereignisse aus dem Umfeld der Zweiten Wiener Türkenbelagerung zeigen.

» Die Wallfahrtskirche am Sonntagberg

An der Stelle einer angeblich heidnischen Kultstätte wurde 1440 erstmals eine Kapelle errichtet. Die Anziehungskraft dieses Ortes ist mit einer Legende um den so genannten Zeichenstein verbunden. Neben diesem soll einem entkräfteten Hirten im Traum der Platz erschienen sein, an dem sich seine verlorenen Schafe befanden. (Hirsch, Ruzicka 2002: 168f) Der Sonntagberg dürfte rasch an Bekanntheit gewonnen haben, denn bereits 1490 wurde eine spätgotische, der Heiligen Dreifaltigkeit geweihte Kirche errichtet. (Überlacker 1968: 20)

Die Legende vom Rosswunder, aber auch die Verschonung durch die Osmanen im Jahr 1683 brachten der Wallfahrt auf den Sonntagberg weitere Aufschwünge. (Niederösterreich im Türkenjahr 1683. 1983: 6) Zwischen 1706 und 1732 wurde die heutige barocke Basilika von Jakob Prandtauer (1660–1726) und dessen Neffen Joseph Munggenast (1680–1741) erbaut, die Fresken stammen von Daniel Gran (1694–1757). Weit verbreitet hat sich die hier verehrte Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit, der Sonntagberger Gnadenstuhl. Man findet ihn in einer Vielzahl von Marterln oder Kapellen.

» Das Rosswunder

Die Legende vom Rosswunder geht auf das Jahr 1529 zurück, als im Zuge der Ersten Wiener Türkenbelagerung osmanische Reitertruppen auch in weite Teile Niederösterreichs eindrangen. Viele Bewohner waren in die nur schlecht verteidigte Kirche geflüchtet, als sich feindliche Einheiten auch diesem Ort näherten. Der protestantische Geschichtsschreiber Valentin Preuenhueber schreibt die Erzählung in den 1620er Jahren nieder:

Ein Hauffen der Türcken seyn auf den Sontagberg […] zugeeilet, in Meinung die Kirchen allda zur Heil. Dreyfaltigkeit (dahin vor Zeiten, wie noch, jährlich eine grosse Wallfahrt ist) auch auszuplündern, und das darein geflüchtete Gut zu rauben; Alleine, (wie man sagt) als sie zum Brunnen im Wald dabey kommen, seyen ihre Pferde vor Schrecken an solchen Heil. Ort gantz zitterend auf die Knie niedergefallen; Daher die Türcken unverrichter Sachen zurückkehren müssen; (Preuenhueber 1740: 250)

» Der Türkenbrunnen

Schon recht bald dürften bei dem Brunnen zur Erinnerung an das Rosswunder ein Bildstock und eine Säule errichtet worden sein, 1638 folgte ein steinernes Kreuz, welches wenig später durch ein „Gatterl“ ergänzt wurde. (Überlacker 1968: 113) Seit 1677 stand an dem Ort eine Kapelle, die jedoch 1745 durch einen durch Spenden finanzierten Barockbau ersetzt wurde. Dieses Gebäude besteht noch heute. Das Innere der Kapelle erweckt durch seine Dekoration aus Steinen und Muscheln den Eindruck einer Grotte. Mehrere Fresken wurden 1748 von Franz Josef Wiedon (1703–1782) gestaltet und stellen neben dem Türkenbrunnen und der Wallfahrtskirche – so wie sie früher aussahen – auch das Rosswunder dar. Statuen des hl. Michael und der Immaculata stammen von Peter Widerin (1684–1760) aus St. Pölten. Das Wasser, dem man heilende Kräfte nachsagte und welches auch in Trockenzeiten niemals versiegt sein soll, fließt aus den Wundmalen Christi, der sich als Teil einer Dreifaltigkeitsstatue über einem Marmorbecken befindet. (Überlacker 1968: 113f)

» Votivbilder als Dank für die Errettung vor den Osmanen

Auch im Zuge der Zweiten Wiener Türkenbelagerung im Jahr 1683 zogen osmanische Streifscharen durch Teile Niederösterreichs, doch auch diesmal blieb der Sonntagberg unbeschadet. Nachdem die Gefahr vorüber war, veranstaltete man drei Dankprozessionen. (Überlacker 1983: 297) Abordnungen verschiedener Gemeinden, aber auch Privatpersonen, pilgerten zum Dank für die Errettung auf den Sonntagberg und einige von ihnen opferten Votivbilder, welche zum Teil noch heute erhalten sind. So gelobte beispielsweise St. Pölten eine Prozession und ein Opferbild. Während letzteres jedoch nicht mehr existiert, hängt ein zweites, 1757 nach dem Sieg bei der Schlacht von Kolin gespendetes Gemälde noch heute in der Sonntagberger Basilika. In der Inschrift wird dabei auch auf das Jahr 1683 Bezug genommen und damit die Gefahr durch die „Türcken“ und der „Preyssen“ in Beziehung gesetzt. (Überlacker 1968: 101)

Auch die Gemeinde Purgstall (an der Erlauf) spendete ein Gemälde. Es entstand um 1685 von einem unbekannten Künstler und zeigt das unversehrte Purgstall, während im Hintergrund Flammen aus der Landschaft lodern. Über allem thront die Sonntagberger Dreifaltigkeit, umgeben von Josef und Maria, dem niederösterreichischen Landespatron Leopold und dem Patron der Purgstaller Pfarrkirche Petrus. Es befindet sich heute neben dem Benediktus-Altar der Sonntagberger Kirche. (Überlacker 1983: 300f) Ein weiteres Gemälde stammt aus Türnitz. Es wurde 1684 übergeben und zeigt eine Prozession, die aus dem Ort auszieht. (Überlacker 1983: 300–302)

Das bedeutendste Votivbild stammt von Matthäus Andreas Khobaldt und entstand 1687. Es wurde von Mitgliedern der Erzbruderschaft zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit der St. Peterskirche gestiftet und zeigt die entscheidende Phase der Schlacht um Wien, erneut gekrönt von der hl. Dreifaltigkeit. Es befindet sich gegenwärtig in den Stiftlichen Sammlungen von Seitenstetten. (Überlacker 1983: 303f)

Zwei Gemälde stellen auch den Sonntagberg selbst dar. Beide wurden von Wolf Nikolaus Turmann (1648–1720) geschaffen. Das eine entstand 1683 und zeigt die Wallfahrtskirche und umliegende Orte und Höfe. Jene im Osten stehen in Flammen, während der Sonntagberg, aber beispielsweise auch Waidhofen und das Stift Seitenstetten verschont bleiben. (Überlacker 1983: 299f) Das zweite Bild trägt den Titel „Kurtze Summarische Antiquitet“. Während die unteren beiden Drittel einem Text Raum geben, der die Geschichte des Sonntagbergs und der osmanischen Bedrohung im Jahr 1529 behandelt, zeigt das eigentliche Gemälde die Kirche auf dem Berg. Links davon sieht man sich nähernde Reitertruppen, was auf die legendären Ereignisse des Rosswunders verweist. Rechts von der Kirche, die noch in ihrer früheren gotischen Gestalt dargestellt ist, erkennt man eine Gruppe von Pilgern. Das Bild befindet sich neben dem Franziskus-Altar. (Überlacker 1983: 303)

» Die Öhlermüllerin

Auch Einzelpersonen zeigten ihre Dankbarkeit am Sonntagberg, sei es, indem sie Wallfahrten gelobten oder, indem sie Opfergaben mitbrachten. Der bekannteste Fall ist jener der Müllerin Susanna Pilsinger aus Öhling. Als die „Öhlermüllerin“ fand sie Eingang in den regionalen Legendenfundus. (Bauer 1982: 178f) Nach älteren Darstellungen soll sie im Jahr 1529 gemeinsam mit zwei anderen Frauen nach Konstantinopel entführt worden sein, wo sie einige Jahre als Sklavin lebte. Als sie nach langer Flucht nach Öhling zurückgekehrt war, soll ihr Mann bereits wieder geheiratet gehabt haben. Sie jedoch, die gesundheitlich in schlechter Verfassung war, verzichtete auf ihr Recht und starb wenig später. An diese Geschichte erinnern ein Marterl bei Ludwigsdorf und die Öhlermüllerkapelle in Öhling. Mehrmals wurde die Legende auch in Form eines Theaterstücks verarbeitet, 1926 vom Winklarner Pfarrer Josef Brückler (1875–1954) und später von Josef Schadenhofer aus Zeillern. Am 29. Mai 2013 hatte das Singspiel „Die Öhlermüllerin“ des Chors „ensemble vocapella“ seine Uraufführung. Der Historiker Franz Steinkellner brachte die Legende mit einem Eintrag in dem so genannten Sonntagberger Gnadenbüchl in Zusammenhang und stellte die Identität der Öhlermüllerin fest, die 1690 gemeinsam mit ihrem Mann ihr Gelöbnis zu einer Wallfahrt und einer Opfer-Tafel einlöste. (Steinkellner 1983: 33)

» Ein Sammelpunkt an Geschichten

Die Kirche auf dem Sonntagberg profitierte von den Ereignissen rund um die beiden Wiener Türkenbelagerungen der Jahre 1529 und 1683. In beiden Fällen blieb sie von Zerstörungen verschont, was sie unter einem besonderen Schutz stehend erscheinen ließ. Dies wird besonders deutlich in der Legende vom Rosswunder, welches auch 1683 als Motiv eines Sonntagberger Votivbildes wiederkehrt. Das erhöhte die Bedeutung der Kirche als Wallfahrtsort. Besonders nach 1683 finden sich viele Pilger hier ein, die ihre persönlichen Geschichten von der osmanischen Bedrohung mitbrachten und den Ort zu einem Sammelpunkt individueller und kollektiver Erinnerungen machten. Manches davon findet sich heute noch bruchstückhaft im Sonntagberger Gnadenbüchl oder in Legenden, während einiges durch die gestifteten Votivbilder erhalten ist.

» Weitere Erinnerungsstücke an die Osmanen

Am Westtor der Sonntagberger Kirche befinden sich zwei Türringe mit den stilisierten Figuren einer Türkin und eines Türken. (Überlacker 1968: 36) Die kirchliche Schatzkammer ist außerdem in Besitz eines türkischen Rossschweifs und eines Speers. (Überlacker 1968: 106) Ein zumindest noch im Jahr 1982 existierendes Gasthaus am Fuße des Sonntagberges mit dem Namen „Türkenwirtshaus“ hat jedoch keinen Bezug zu den Osmanen, es wurde ganz einfach von einer türkischen Familie geführt. (Bauer 1982: 176)

» Literatur

Bauer, Josef (1982): Die Türken in Österreich. Geschichte Sagen Legenden. St. Pölten.

Hirsch, Siegrid; Ruzicka, Wolf (2002): Heilige Quellen. Niederösterreich & Burgenland. Linz.

Überlacker, Franz (1983): Das Türkenjahr 1683 in Sonntagberger Votivbildern. In: Unsere Heimat. Zeitschrift des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich. Heft 4, Jg. 54. 296–304.

Überlacker, Franz (1968): Sonntagberg. Vom Zeichenstein zur Basilika. Sonntagberg.

Gutkas, Karl (Hrsg.) (1983): Niederösterreich im Türkenjahr 1683. Veranstaltet vom Museumsverein Pottenbrunn in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum St. Pölten. 26. März bis 30. Oktober 1983 im Österreichischen Zinnfigurenmuseum Schloß Pottenbrunn/St. Pölten. St. Pölten.

Preuenhueber, Valentin (1740): Valentin Preuenhuebers Annales Styrenses, samt dessen übrigen Historisch- und Genealogischen Schriften. Zur nöthigen Erläuterung der Oesterreichischen, Steyermärckischen und Steyerischen Geschichten; Aus der Stadt Steyer uralten Archiv und andern glaubwürdigen Urkunden, Actis Publicis und bewährten Fontibus, mit besondern Fleiß verfasset. Nürnberg.

Steinkellner, Franz (1983): Die Öhlermüllerin – Volkserzählung und geschichtliche Realität. In: Waidhofner Heimatblätter. Jg. 9. 33–40.