Szentgotthárd, ehem. Stiftskirche

Text: Simon Hadler

In der einstigen Stiftskirche in Szentgotthárd (St. Gotthard) befindet sich ein Deckenfresko von István Dorffmeister (Stephan Dorfmeister), das den Sieg der alliierten Truppen gegen das osmanische Heer am 1. August 1664 abbildet. Die Kirche selbst wurde am 5. August 1764, hundert Jahre nach der Schlacht, die noch heute in den meisten Sprachen als Schlacht von St. Gotthard/Szentgotthárd bezeichnet wird, geweiht.

» Geschichte des Zisterzienserstifts Szentgotthárd

Die Zisterzienser wurden im Jahr 1183 vom ungarischen König Bela III. nach Szentgotthárd gerufen und errichteten dort ihr Kloster. Im 16. Jahrhundert gelang es jedoch der Familie der Széchys, die Mönche zu vertreiben und den Besitz unter ihre Kontrolle zu bekommen. Später, 1605, wurde das Kloster gesprengt. Erst 1734 gelang es dem Abt von Heiligenkreuz Robert Leeb erneut Zisterzienser in Szentgotthárd anzusiedeln. Er beauftragte Franz Anton Pilgram mit dem Bau von Kloster und Kirche und sein Nachfolger Alberik Fritz konnte am 5. August 1764 das Gotteshaus segnen.

Bis 1878 unterstand das Stift in Szentgotthárd dem Kloster in Heiligenkreuz, danach gehörte es zu den Zisterziensern in Zirc, bis es schließlich im Jahr 1950 durch die ungarischen Behörden aufgelöst wurde.

» Das Deckengemälde von István (Stephan) Dorffmeister

Schon der Zeitpunkt der Weihung der Stiftskirche, 100 Jahre nach der Schlacht von Mogersdorf/St. Gotthard, macht die Bedeutung dieses Ereignisses für das Geschichtsbild der Abtei deutlich. Bereits während der Arbeiten am neuen Gotteshaus hatte man sich dafür entschieden, dieser Bedeutung auch in seiner Ausgestaltung Rechnung zu tragen. Allerdings dauerte es noch zwanzig Jahre, bis die bis dahin freigelassene Fläche der letzten Kuppel des Kirchenschiffs im Jahr 1784 fertiggestellt werden konnte. Mit István (Stephan) Dorffmeister fand das Stift einen Künstler, der schon bisher vor allem für kirchliche Auftraggeber gearbeitet hatte, der nun aber erstmals ein weltliches Ereignis in einer Kirche darstellen sollte.

Zwar bildet die Muttergottes mit dem ungarischen Wappen – im Sinne der Patrona Hungariae – und der Dreifaltigkeit das Zentrum des Bildes, doch dominiert wird das Geschehen von der Schlachten-Szenerie entlang des ovalförmigen Randes. In kräftigen Farben sieht man die christlichen Fuß- und Reitertruppen und ihren Sieg gegen verwundete, tote und aus dem Bild fallende Gegner, während ein Engel dem kaiserlichen Feldherrn Raimondo Montecuccoli den Siegeskranz bringt (Galavics 1997: 112).

Zwei Chronosticha geben über Thema und Programm der Darstellung Auskunft, wobei letzteres den Bezug zur himmlischen Sphäre und Gegenwart wieder herstellt, indem der Ort dem Schutze Mariens anempfohlen wird:

LVNA LEOPOLDI REGIS PROSTERNITVR ARMIS
(Der [Halb]Mond wird durch die Waffen König Leopolds niedergestreckt – 1664)

VT PER TE FIDEI PROSTRATVS FVGERAT HOSTIS HIC PER TE MATER TVTVS ET ESTO LOCVS
(Wie von Dir zerstreut der Feind des Glaubens geflohen / so soll dieser Ort von Dir, o unsere Mutter, geschützt sein – 1784) (ebd.)

» Die Schlacht an der Raab als Teil des klösterlichen Geschichtsnarrativs

War das Deckengemälde Dorffmeisters erste Auseinandersetzung mit einem historischen Thema in kirchlichem Räumen, so sollte er einige Jahre später (1796) wieder nach Szentgotthárd zurückkehren, um sich ein letztes Mal dieser Konstellation zu widmen. Diesmal galt es, eine Serie von sechs großformatigen Ölbildern für den Empfangssaal des Abtes zu malen, welche die großen Wendepunkte der Klostergeschichte darstellen. Neben der Stiftung der Abtei, der Schlacht von Mohács 1526, der neuerlichen Stiftung im Jahr 1734 und zwei auf die gegenwärtigen Leistungen des Ordens verweisende Abbildungen ist auch die Schlacht des Jahres 1664 Thema eines eigenen Bildes. Vor einem dunkel gehaltenen Hintergrund spielt sich eine wirbelnde Schlacht ab, aus welcher der kaiserliche Heerführer Montecuccoli hervorsticht (ebd.: 121).

Die ganze Bildserie orientiert sich am 1764 gedruckten Werk Theophil Heims über die Geschichte von Szentgotthárd. Dieser Schrift sind auch 1526 und 1664 als Zeitpunkte des Verfalls und der Erneuerung des Ordenslebens entnommen, was auch der zu dieser Zeit vorherrschenden Auffassung von der Entwicklung der Geschichte Ungarns entsprach (ebd.).

Heute sind die Bilder nicht mehr in Szentgotthárd zu sehen, nach der Auflösung des Stifts im Jahr 1950 gingen sie in Museumsbesitz über.

» Der 100. und 200. Jahrestag 1864

Im August 1864 feierte man in Szentgotthárd gleich zwei runde Jahrestage: 100 Jahre Einweihung der Stiftskirche und 200 Jahre Schlacht gegen die Osmanen. Zu diesem Anlass wurde ein Gottesdienst abgehalten, zu dem laut Presse auch ein „halbes Schwadron Cürassiere ausrückte.“ (Die Presse 16.8.1864: 2) Die Predigt hielt der Heiligenkreuzer Zisterzienser Benedikt Gsell, der durch seine Tätigkeiten als Historiker für diese Aufgabe prädestiniert schien. Mit Blick auf den älteren der beiden Anlässe predigte er:

Ich schaue zurück in jene ferne Zeit, ich überblicke dieses jetzt so friedliche Thal an der Raab, und sehe nichts als dort blutgierige Feinde, die dem christlichen Namen Hohn sprechen, die das Zeichen des Halbmondes über ihren Zelten aufgepflanzt haben, und hier gottbegeisterte Kämpfer, über deren Häuptern, an deren Fahnen das Bild der Himmelskönigin schwebt, und die zum Theil aus entlegenen Ländern hierhergeeilt sind, um für Christi Ehre zu streiten. (Gsell 1864: 3)

Der Sieg war in Gsells Predigt ein vollkommener und sollte der Gegenwart als ein Lehrbeispiel für Vaterlandsliebe und Gottesfurcht dienen:

Bewundern wir auch, meine Christen, an jenen tapfern Streitern, die vor zwei Jahrhunderten mit Aufopferung selbst des Lebens ihr Vaterland aus der höchsten Gefahr erretteten, was es heißt, sein Vaterland lieben. Ja, Vaterlandsliebe, du begeisterndes Wort! [...] Diese Liebe muß sich vor Allem zeigen in der Liebe zum Monarchen, zum Könige. Doch zu dieser Liebe brauche ich die edlen Söhne dieses Landes nicht erst aufzumuntern; ich weiß es ja, und es ist weltbekannt, die Liebe zum Kaiser und Könige, der auf dem Throne des hl. Stephans sitzt, ist der Herzschlag eines jeden Ungars; (ebd.: 10f.)

[...] sehet, ihr könnet keinen höheren Beweis eurer Vaterlandsliebe geben, als wenn ihr auch die Religion eurer Väter liebt, wenn ihr christliche Sittlichkeit im Lande auf jede Weise befördert. Religion ist ja der Grundstein eines jeden Staates, die Grundfeste aller bürgerlichen Ordnung und Wohlfahrt. Man untergrabe diesen Grundstein, und das ganze Gebäude fällt in Trümmer, während unerschütterlich wie ein Fels der Staat dasteht, so lange Gottesfurcht und Sittenreinheit in den Herzen der Bürger ihren Platz behaupten. (ebd.: 15)

Diese Lehren zu befolgen ist, geht es nach dem Priester, auch deshalb notwendig, da die Feinde der Kirche und des Staates auch in der Gegenwart nicht ruhen:

Es sind wieder Tage gekommen, wo nicht die Verehrer des Halbmondes, sondern solche, die sich Christen, ja erstgeborne Söhne der Kirche nennen, sich erheben gegen den Herrn und seinen gesalbten Stellvertreter auf Erden; wo sie mit raubgieriger Hand den tausendjährigen Besitz der Kirche vollends an sich reißen möchten; (ebd.: 9)

Wenn der Unglaube das Haupt erhebt, wenn das bethörte Herz sich überredet, es gebe keinen heiligen, gerechten Gott, es gebe keine Welterlösung durch Jesus Christus am Kreuze vollbracht, es gebe keine künftige Welt, keine Vergeltung jenseits des Grabes: dann ist das mächtige Triebrad zum Guten gebrochen, dann verbreitet sich das Laster mit zerstörender Gewalt, dann treten die Leidenschaften wie reißende Ströme aus ihren Ufern, dann ist es geschehen um das Wohl der Staaten und Völker. (ebd.: 16)

Für die Gegenwart sind laut dem Zisterzienser zwei Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen: Zum einen gelte es, den Helden von 1664 in ihrer Liebe zum Vaterland nachzueifern. Darunter versteht er insbesondere die Liebe zum Herrscher. Seinem wohl mehrheitlich deutschsprachigen Publikum, das er als Einwohnerschaft des historischen Königreichs als Ungarn anspricht, dürfte das leichter gefallen sein, als seinen sich als Magyaren verstehenden Mitbürgern, die noch einige Jahre auf den so genannten Österreichisch-Ungarischen Ausgleich zu warten hatten. Zu warten hatte man auch noch auf den König, „der auf dem Throne des hl. Stephans sitzt“, denn erst 1867 ließ sich Kaiser Franz Joseph I. zum ungarischen König krönen.

Die zweite Lehre galt der Vorsicht vor den aktuellen Feinden, die Gsell jedoch nicht beim Namen nennt. Er spricht nur vom „Laster mit zerstörender Gewalt“ und von „Leidenschaften wie reißende Ströme“, welche „das Wohl der Staaten und Völker“ gefährden, wenn Unglaube sowie Kirchen- und Papstkritik sich verbreiten. Wenn „mit raubgieriger Hand“ der Kirche ihr Besitz entrissen wird, dann ist für ihn diese Bedrohung mit jener durch die „blutgierigen Feinde“ der Vergangenheit vergleichbar.

» Literatur

Die Presse (16.8.1864). Abendblatt: Kleine Provinznachrichten, 2.

Galavics, Géza (1997): Die Historienbilder von Stephan Dorffmaister. In: „Stephan Dorffmaister pinxit“. Dorffmaister István emlékkiállítása. Gedenkausstellung von Stephan Dorffmaister. Szombathelyi.

Gsell, Benedict (1864): Predigt bei Gelegenheit der zweiten Säcularfeier der Schlacht bei St. Gotthard und der ersten der Einweihung der Stiftskirche daselbst. Gehalten am 1. August 1864. Wien.