„Abermaliges offenes Sendschreiben an den Herrn Bürgermeister Uhl“ von Onno Klopp

Text: Johanna Witzeling

Am 7. November 1882 erschien in der Zeitung ‚Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie‘ ein „abermaliges offenes Sendschreiben“ des Historikers Onno Klopp an den Wiener Bürgermeister Eduard Uhl. Die ersten der insgesamt nur vier Seiten umfassenden Ausgabe waren diesem Thema gewidmet. Zusätzlich zur Veröffentlichung dieses zweiten Sendschreibens ließ Klopp einen „Wiederabdruck“ seiner beiden früheren Sendschreiben mit einem „Votum für die Säcularfeier“ in Form einer Broschüre publizieren. Onno Klopp hatte in seinem 1882 erschienenem Geschichtswerk, den Anteil der Wiener Bürger an der Verteidigung Wiens in Frage gestellt (siehe “Onno Klopp greift an”) und damit heftige Diskussionen ausgelöst (siehe “Streit der Historiker” und “Onno Klopp und die Medien”).

» Klopp übt Kritik am Bericht von Karl Weiss

Im Wiederabdruck seiner ersten beiden offenen Sendschreiben an Bürgermeister Uhl kritisierte Klopp den Bericht des Archiv- und Bibliotheksdirektors Karl Weiss, der vom Wiener Gemeinderat in Reaktion auf Klopps Anschuldigungen in Auftrag gegeben worden war. Laut Klopp sei darin keine Bezugnahme auf sein erstes offenes Sendschreiben an Bürgermeister Uhl zu finden, sondern lediglich alte und neue Anschuldigungen gegen ihn. Ein solches Verfahren „sei ungewöhnlich“, noch dazu wurde das Erscheinen dieser Schrift mit „dem vollen Tam-Tam derjenigen Wiener Zeitungen, die ein früherer kaiserlicher Minister einmal öffentlich als Scandalpresse bezeichnet hat“ (Klopp, in: Das Vaterland, 07.11.1882: 1) begrüßt. Der Grund für die Veröffentlichung des Berichts ohne Bezugnahme auf sein offenes Sendschreiben war für Klopp naheliegend: „der große Haufe von Wien soll in dieser Sache das Urtheil fällen“ (ebd).

» Die Vorgeschichte der Auseinandersetzung

Neben inhaltlichen Kritikpunkten hatte Karl Weiss in seinem Gutachten auch Klopps Qualitäten als Historiker infrage gestellt: Er sei zwar detailgenau, habe aber nicht immer Primärquellen verwendet und sich zu stark auf das Geschichtswerk von Albert Camesina gestützt, das im Jahre 1865/1868 unter dem Titel „Wiens Bedrängniß im Jahr 1683“ erschienen war.

Klopp schrieb in diesem Zusammenhang:

Zunächst habe ich noch mal die principielle Verschiedenheit des Standpunktes der Betrachtung klarzustellen. Es ist einerseits derjenige der Tradition, andererseits derjenige der geschichtlichen Forschung. Der erstere, der Wiener Bürgerschaft von 1683 überaus günstig, ist nicht mehr haltbar seit dem Erscheinen des auf Forschungen beruhenden Werkes von Camesina im Jahre 1868. Nicht ich zuerst, sondern ein Wiener Bürger hat jener Illusion den Grund genommen. (ebd.)

Klopp kritisierte, dass Camesinas Werk als „eine der bedeutendsten Leistungen der localen Geschichtsschreibung von Wien“ anerkannt und bisher nie angezweifelt worden sei. Erst durch seine Bezugnahmen auf Camesina sollten dessen Quellen überprüft werden. Hier stellt sich die Frage, warum Camesinas Werk nicht ebenso Stein des Anstoßes geworden ist. Denn bereits Camesina hatte an einigen Stellen seines Geschichtswerkes sehr deutlich auf die Schwächen der Bürger während der Belagerung von 1683 verwiesen.

Da bei der Bürgerschaft die Zahl der Officiere in Folge der Krankheiten abzunehmen begann, zeigte sich auch die Mannschaft lässig, nicht sonderlich geneigt, auf den ihr zugewiesenen Punkten zu verbleiben und fing überhaupt an, etwas schwierig zu werden*, weshalb der Stadtrath über von Seite Starhemberg’s erhobene Beschwerde ein scharfes Decret erliess, durch welches der Bürgermannschaft Gehorsam im Dienste bei Leibesstrafe aufgetragen wurde (* Die Fußnote bezieht sich auf einen Brief Sobieskis, in dem er schreibt: „Ich sehe, dass Starhemberg mit dem Stadtmagistrat nicht in gutem Einvernehmen ist“.) (Camesina 1865: 67)

» Wer darf wann Kritik üben?

Ein Grund dafür, warum Camesinas Werk im Gegensatz zu Onno Klopps nicht kritisiert worden war, könnte darin liegen, dass Camesina selbst der Wiener Bürgerschaft angehörte. Vielleicht wurden seine kritischen Passagen deshalb weniger beachtet. Zum anderen, und dies ist noch viel ausschlaggebender, spielten die Wiener Liberalen zum Veröffentlichungszeitpunkt von „Wien’s Bedrängniß im Jahre 1683“ zwar eine zentrale, aber auch sehr unterschiedliche politische Rolle: Als Camesinas Werk 1865/68 publiziert wurde, stellte die Kritik an der Wiener Bürgerschaft keine Gefahr für die ohnehin starke liberale Stadtregierung dar. 1883 hatten sich die Rahmenbedingungen jedoch verändert. Im Vorfeld der Säkularfeier, die die Rolle der Stadt Wien, des Gemeinderates und somit auch der Bürgerschaft stärken sollte, kamen die Vorwürfe von Seiten eines dynastisch-loyalen, konservativen Historikers mehr als ungelegen.

Weitere Hintergründe für die vehemente Auseinandersetzung um die Rolle der Wiener Bürger am Entsatz von 1683 stellten 1883 die nationalen Spannungen sowie die Art und Weise dar, wie die deutsche Frage in Österreich gelöst worden war.

» Die „Willigkeit“ der Bürger

Klopp vertrat in seiner Schrift „Zur Zweiten Säcular-Feier des 12. September 1683“ die Meinung, dass die Bereitschaft der Bürger, die Leiden der Belagerung zu ertragen, „völlig da“ gewesen sei. „Diese Willigkeit, im Allgemeinen, hielt jedenfalls acht lange, schwere und kummervolle Wochen an“. In einem einzelnen Satz bezog er sich auf den Gemeinderat von 1866: „Aehnlich war es nicht mit dem Wiener Gemeinderathe von 1866“. (Klopp 1882a: 16) Dieser Ausspruch bezieht sich auf die den Liberalen vorgeworfene „Charakterlosigkeit“ bei der Schlacht von Königgrätz 1866, als die Würfel zugunsten des deutschen ‚Sonderwegs’ unter Ausschluss Österreichs endgültig gefallen waren. Königgrätz bewirkte den „vollständigen Umschwung im liberalen Lager zugunsten Preußens“.

Ja, man erklärte diese Charakterlosigkeit für schlaue Berechnung: Hätte Österreich gesiegt, so hätten die Regierung und die Liberalen das Prestige des Siegers geteilt, siegte aber Preußen, was die Liberalen insgeheim immer gehofft hätten – so sei die innere Verwandtschaft der in Preußen und Baden herrschenden Systeme der sicherste Garant ihrer Stellung. (Gall 1996: 170)

Dieses Verhalten warf Klopp als Antipreuße und damit als Vertreter der großdeutschen Lösung dem liberalen Gemeinderat vor.

» Literatur

Camesina, Albert (1868): Wien’s Bedrängniß im Jahre 1683. Band 1. Wien und seine Bewohner während der zweiten Türkenbelagerung 1683. Band 2. Begebenheiten ausserhalb Wien während der zweiten Türkenbelagerung 1683. Wien.

Camesina, Albert (1865): Wien’s Bedrängniß im Jahre 1683. Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien. Band 8, Wien.

Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie (07.11.1882): Abermaliges Sendschreiben an den Herrn Bürgermeister Uhl, 1–3, 26.08.2009.

Gall, Lothar, herausgegeben von Hein, Dieter/ Schultz, Andreas/ Treichel, Eckhardt (1996): Bürgertum, liberale Bewegung und Nation. Ausgewählte Aufsätze. München (Online-Version bei Google-Books).

Klopp, Onno (1882a): Zur Zweiten Säcular-Feier des 12. September 1683. Wiederabdruck der Anfrage des Herrn Bürgermeisters Uhl und der zwei offenen Sendschreiben von Onno Klopp an denselben, mit einem Votum für die Säcularfeier. Graz.

Klopp, Onno (1882b): Das Jahr 1683 und der folgende große Türkenkrieg bis zum Frieden von Carlowitz 1699. Graz.