„Auf dem Zauberhaufen“ – Zur Funktionalisierung der „Vertheidigung und Befreiung Wiens” im Jahr 1683 von den Türken

Text: Johannes Feichtinger

„Die heldenmüthige Vertheidigung und Befreiung Wiens“ im Jahr 1683 (Wienerisches Ehrenkränzlein 1883: 38) wurde von verschiedenen Akteuren im Laufe der letzten 325 Jahre als ein historisches Versatzstück im „Bewußtsein der nachlebenden Generationen stets gegenwärtig und lebendig erhalten“ (Riegl 1903: 1). Das so genannte ‚Türkendedächtnis’ erfüllte mit seiner permanenten Aktualisierung eine zentrale Funktion, die im Wesentlichen in seiner Verwertbarkeit für politisch-propagandistische Zwecke bestand und noch weiter besteht. Diese Funktionalisierungsprozesse werden im Folgenden in Grundzügen nachgezeichnet.

» Auf dem Zauberhaufen

Die Zeichnung „Auf dem Zauberhaufen“ des Historienmalers Wenzel Ottokar Noltsch (1835–1908) zeigt und erinnert den Kampf um das so genannte Wiener Burgravelin im Jahr 1683. Auf diesem Blatt verteidigen Wiener Bürger, Studenten und Soldaten handgreiflich das von Janitscharen unterminierte Vorwerk zwischen Burg- und Löwelbastei. Das Ravelin, das sich an der Stelle des heutigen Volksgartens befand, glich zwar bald eher einem Maulwurfshügel als einem soliden Festungsbau, dennoch schien dieses Vorwerk uneinnehmbar. Die in den Laufgräben angreifenden osmanischen Kämpfer verzweifelten bald ob der verbissenen, heldenhaften Verteidigung. Die Türken nannten diese Verschanzung daher bald nur noch den „Zauberhaufen“: „Unter diesem Haufen“, so ein angeblicher Ausruf Kara Mustaphas, „müssen die Christenhunde ihre stärksten Zaubermittel vergraben haben!“ (Kreuz und Halbmond 1883: o.S.)

» Warum was wie erinnert werden soll

Der „Zauberhaufen“ berührt mehrere Aspekte unseres Themas: Das Blatt ist eines jener Medien, in dem sich die Gedächtnis stützende und vermittelnde Funktion beispielhaft zeigt. Mit dieser Zeichnung unterstreicht der Künstler die in der Bevölkerung des ausgehenden 19. Jahrhunderts lebendige Tradition der heldenhaften Verteidigung der Stadt Wien. Das Blatt erfüllt sonach nicht nur den Zweck, Individualgedächtnisse darauf festzulegen, wie etwas erinnert werden soll, sondern ist zugleich ein Aufruf, Angriffe durch andere zurückzuschlagen: um 1900, als das Bild entstand, musste man sich zwar längst nicht mehr vor dem ‚Türkensturm’ verteidigen, jedoch lieferte die siegreiche Schlacht am Kahlenberg (1683) der Politik nach wie vor die Schablone für Befreiungsschläge gegen neue Feinde.

Das Blatt „Auf dem Zauberhaufen“ wurde zunächst zum zweihundertjährigen Entsatzjubiläum (1883) in der offiziellen Edition der österreichischen Staatsdruckerei veröffentlicht. Die Zeichnung wurde auch im Jahr 1933 in Josef Prügers populärem Werk „Wien im Türkensturm 1683“ als Illustration abgedruckt, und noch heute wird das Bild als Mittel zur Veranschaulichung des siegreichen Abwehrkampfes im Schulunterricht gezeigt.

Die Metapher des ‚Zauberhaufens’ verweist auf die Funktion, die Medien im Laufe der letzten drei Jahrhunderte hinsichtlich der Aktualisierung des ‚Türkengedächtnisses’ erfüllten: Waren es zunächst noch Prozessionen, Messen, kirchliche Feiertage, Theateraufführungen, Umzüge, Bräuche und Spiele, so sind es später manifeste Objekte wie z.B. Hauszeichen, Medaillen und Monumente, mit deren Hilfe zu verschiedenen Zeiten Versatzstücke der Vergangenheit ‚hervorgezaubert’ wurden, um sie für politische Zwecke verwertbar zu machen. Ich werde mich hier im Wesentlichen auf ein Medium beschränken, nämlich auf die so genannten ‚Türkendenkmäler’, die in Wien seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in beträchtlicher Anzahl errichtet wurden (zur Denkmalübersicht).

» Wie das ‚Eigene’ durch Abgrenzung vom ‚Anderen’ erzeugt wird

Bald ist es der Islam (wie seit dem 11. September 2001), bald sind es die nicht näher definierten ‚Türken’, die idealtypisch das ‚Andere’ repräsentieren. Verstärkt wird dieses ‚Andere’ in Krisenzeiten konstruiert, um sich durch Abgrenzungsprozesse von ihm ein klareres Bild von sich selbst zu machen, kurz: kollektive Identität zu stiften.

Die Jubiläumsjahre der so genannten Zweiten Türkenbelagerung Wiens boten hierfür hinreichende Anlässe: Um 1683 standen die ‚Türken’ für die ‚Ungläubigen’ schlechthin; 1783 repräsentierten sie die angefeindeten ‚Aufklärer’ (Mitterauer 1997: 88). 1883 – je nach politischem Standpunkt – Konservativ-Klerikale und Slawen oder Deutsche, Liberale und Juden; 1933 Bolschewiken und Nationalsozialisten; 1983 standen die ‚Türken’ für das Schreckgespenst des real existierenden Sozialismus, seit 1989 und besonders seit 2001 – wie längst vor und nach 1683 – wieder für das Feindbild Islam.

Die Wirksamkeit des jüngsten an sich bedeutungsarmen Schlachtrufs „Abendland in Christenhand“ (2009) einer politischen Partei zeigt, dass das ‚Türkengedächtnis’ seine Funktion in Österreich heute keineswegs eingebüßt hat.

In der Bevölkerung sind nach wie vor unbewältigte Ängste vor dem ‚Anderen’ latent vorhanden, seien es Moslems oder Türken. Sie bleiben daher für den Aufbau neuer Bedrohungsszenarien nutzbar.

» Sieg oder doch Bedrohung?

Seit der Zeit der Osmanenkriege entwarfen die jeweiligen politisch-kirchlichen Instanzen drei verschiedene Szenarien, die das ‚Türkenfeindbild’ hinreichend erfüllen: nämlich Bedrohung durch, Hoffnung auf und/oder Sieg über den jeweiligen Feind: Zunächst hatte die Kirche im 17. und 18. Jahrhundert durch jährliche stattfindende Prozessionen den Sieg über die Türken in den Schlachten von Lepanto (1571) und Wien (1683) zelebriert. Mit der letzten kirchlichen Feierlichkeit im Jahr 1783, zum Zentenarium, rund um den 12. September, dem Jahrestag der Entsatzschlacht von Wien, veränderte sich dieses Szenario zusehends.

Im 19. Jahrhundert wurde das ursprüngliche Siegesszenario verstärkt von neuen Bedrohungsszenarien überlagert. Zudem erweiterte sich der Kreis der Gedächtnishüter: Vermehrt übernahmen staatliche, kommunale und private Institutionen (Ministerien, Gemeinden und Vereine) die frühere Rolle von Kirche und Hof. Die neuen Akteure verwickelten sich in eine Konkurrenz zueinander, die sich daraus ergab, dass die Türken durch jeweils aktuelle Feinde ausgewechselt wurden. Schließlich fanden auch zeitgemäße und dauerhaftere Medien – nämlich manifeste Monumente – Verwendung, um das Feindgedächtnis zu bewahren und einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln: In den Jubiläumsjahren 1883, 1933 und 1983 verdichteten sich die Denkmalaktivitäten. Als Aufstellungsorte wurden häufig authentische Schauplätze gewählt: die Strecke zwischen Burg- und Löwelbastei, auf der neuen Wiener Ringstrasse; weiters der Stephansdom, die so genannte ‚Türkenschanze’ und der Kahlenberg.

Im letzten halben Jahrhundert veränderte sich das Szenario erneut: Während der historische, mit Mariens Hilfe erfochtene Sieg über die Türken in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Hoffnung gab auf Überwindung der materiellen Sorgen und 1983 einen Sieg über den real existierenden Sozialismus erhoffen ließ, dient das Türkengedächtnis seit 1989 – und verstärkt seit ‚Nine-Eleven’– wieder dazu, neue Bedrohungsszenarien, die sich aber bald als die ältesten erwiesen, zu entwerfen.

» Wann Helden Helden werden

Die politische Funktionalisierbarkeit des ‚Türkengedächtnisses’ findet deutlich Ausdruck in der Auswahl der als denkmalwürdig erachteten und auf den Wiener ‚Türkendenkmälern’ dargestellten Helden von 1683: Zum 200-jährigen Jubiläum 1883 wurde der weitgehend vergessene Andreas Liebenberg, 1683 Bürgermeister von Wien, denkmalwürdig: Im neuen Wiener Rathaus, das am 12. September selben Jahres eröffnet wurde (siehe “Schlusssteinlegung” und “Baufest”), wurde sein Standbild neben dem von Starhemberg aufgestellt. In diesem Jubiläumsjahr wurde auch der Kapuzinerpater Marco d’Aviano, auf dessen wundertätige Hilfe der Sieg von 1683 zurückgeführt wurde, wieder entdeckt, jedoch erst 1933 voll aktiviert. Jan III. Sobieski, der Polenkönig, wurde 1883 in Wien nur halbherzig berücksichtigt, in Krakau jedoch als Hoffnungsträger einer künftigen polnischen Nation zentral gefeiert.

» Die Ausdifferenzierung des ‚Türkengedächtnisses' oder Neue Feinde

Bemerkenswert bleibt, dass sich das ‚Türkengedächtnis’ im ausgehenden 19. Jahrhundert zusehends ausdifferenzierte. In Wien stellte es bald nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine weltliche, d.h. städtisch-bürgerliche und staatlich-ministerielle Angelegenheit dar. Den Hintergrund dieser Ausdifferenzierung bildeten neue zeitgenössische Herausforderungen: So griff das politisch danieder liegende liberale städtische Wiener Bürgertum wieder auf das siegreiche Jahr 1683 zurück, um so wie damals durch heldenmütigen Einsatz die Überwindung einer unmittelbaren Bedrohung zu erhoffen. Die Angreifer waren nunmehr aber andere, und zwar staatstreue Konservative, Slawen und die Kirche.

Auf Staatsebene hatte das konservative Kabinett Eduard Taaffe, der ein Jugendfreund Kaiser Franz Josephs war, mit den Tschechen und Polen sowie mit der sich formierenden Arbeiterschaft die Versöhnung gesucht. Mit Taaffes ‚staatssozialistischer’ Politik (vgl. Hanisch, Urbanitsch 2006) und seiner Ausweitung des Wahlrechts erschienen allerdings die drei Fundamente des Altliberalismus – der deutsche Zentralismus, der Antiklerikalismus und eine unregulierte Wirtschaft – zu zerbröseln. Vor allem saß dem politisch zusehends ohnmächtigen deutschliberalen Wiener Bürgern die Angst vor der „Decentralisation“ im Nacken. Die Stadt Wien drohte „von ihrer im Laufe der Jahrhunderte erklommenen Höhe als Capitale eines großen Reiches herabgestürzt“ zu werden, und mit ihr der ‚Einheitsstaat’ sowie die Vormachtstellung des deutschen ‚Volksstamms’ in ihm (Neue Freie Presse 13.09.1883: 1).

» 1883 oder Der Feind in unserer Mitte

Unter diesem Vorzeichen wurde das Zweihundertjahrjubiläum der Verteidigung und der Befreiung Wiens von den Osmanen um den 12. September 1883 inszeniert. Die Feierlichkeiten waren von heftigen Auseinandersetzungen geprägt. Hierbei bildeten die Medien die Speerspitzen: Jede Streitpartei – das noch liberale Wien und der konservativ-klerikale Staat – verwendete das Symboljahr 1683 zur Inszenierung ständig neuer Bedrohungen und Siegesversprechen: „An Stelle des Feindes, der unser Land einst von Außen bedrohte“ (also die Türken), heißt es in den Zeitungen, „ist der Feind in unserer Mitte getreten“, der – je nach Standpunkt –: „den deutschen Volksstamm“ in Wien oder „die Freiheit, nach christlichem Rechte im Staate zu leben“ zurückdrängen wolle (Das Vaterland, 12.09.1883: 2; Neue Freie Presse 11.09.1883: 1).

Die Neue Freie Presse sah in der Verteidigung und im Sieg von 1683 „zuvörderst eine deutsche That“ und in diesem Vermächtnis den Auftrag, „abzuwehren alle Angriffe“ auf Wien als „Hort deutscher Kultur“ (Neue Freie Presse 11.09.1883: 1).

Das konservative Vaterland erblickte in der Befreiung von 1683 eine „staatsbildende und staatserhaltende“ Tat aller Völker der Monarchie und in ihr die Verheißung auf einen Sieg des Kreuzes über den gottlosen Liberalismus (Das Vaterland, 12.09.1883: 2f.).

» 200 Jahre Türkensieg: Vor- und Nachspiel zur Zweiten Säkularfeier

Diese politisch-mediale Auseinandersetzung um das Symboljahr hatte ein Vor- sowie ein Nachspiel. Das Vorspiel bestand in einem öffentlichen Angriff des konservativ-klerikalen Historikers Onno Klopp auf die Wiener Bürger und ihre ‚verlogene’ Tradition vom ruhmvollen Verhalten ihrer Vorfahren im Jahr 1683 (siehe “Onno Klopp greift an”). Das Nachspiel manifestierte sich in einem Denkmalstreit.

In zwei öffentlichen Sendschreiben (siehe “Erstes Sendschreiben” und “Abermaliges Sendschreiben”) hatte der Historiker Onno Klopp den Mythos von den tapferen bürgerlichen Helden während der Belagerung angegriffen und den Bürgern Verrat vorgeworfen: Die Wiener Bürger hätten Anfang September 1683 „gewackelt“. Als das Burgravelin verloren und die Stadtmauer unterminiert gewesen sei, hätten die Wiener Bürger an die „Uebergabe der Stadt“ gedacht; im Zerwürfnis mit dem kaiserlichen Stadtkommandanten Starhemberg (Klopp 1882: 8 und 13; vgl. Weiß 1882).

» Der Hof hält sich zurück

Die Dynastie hatte sich zweihundert Jahre lang weniger über 1683 als vielmehr über die Siege des Prinzen Eugen dargestellt. Prinz Eugens Siegeszug hatte zur Wiedervereinigung Siebenbürgens mit Ungarn und Ungarns mit dem habsburgischen Österreich geführt. 1865 ließ Kaiser Franz Joseph dem Savoyer ein Monumentalstandbild auf dem Äußeren Burgplatz (heute Heldenplatz) errichten (vgl. Stachel 2002; Telesko 2008: 148f). Als die liberale Stadtverwaltung das bevorstehende Zweihundertjahrjubiläum zum Anlass nahm, den ‚Türkensieg’ als bürgerliche Heldentat auszuflaggen und die Mitwirkung der tapferen Bürger in Stein zu meiseln, gab das Ministerium seine Zurückhaltung in Bezug auf das Symboljahr 1683 auf. Um 1883 entbrannte ein Streit, der sich schließlich in einer Denkmalkonkurrenz manifestierte.

» Der Denkmalstreit oder: Wer darf wem ein Denkmal setzen?

Im Jahr 1878 fasste der Wiener Gemeinderat auf Vorschlag der Säkularfeierkommission einstimmig den Beschluss, „zum Andenken an die heldenmüthige Vertheidigung und Befreiung Wiens ein öffentliches Denkmal zu errichten“ (Wienerisches Ehrenkränzlein 1883: 38).

Mit dieser städtischen Initiative setzte zwischen der Stadt Wien und dem Ministerium ein Wettlauf ein. Dabei war der Staat der Stadt – wie sich bald zeigen sollte – allerdings ständig einen Schritt voraus.

» Wie mit Türkendenkmälern Politik gemacht wird

Auf den Vorstoß der Stadt bzw. des Wiener Gemeinderats reagierte das Ministerium im Jahr 1882 mit dem Ansinnen, Starhemberg, dem kaiserlichen Verteidiger Wiens, ein Monument im Stephansdom zu setzen. Durch diesen Schachzug verringerte sich der Handlungsspielraum der städtischen Akteure beträchtlich: Da die Verteidigerposition dadurch vom Ministerium besetzt war, konnte die Stadtverwaltung nicht mehr den tapferen Verteidigern (allen voran Liebenberg), sondern nur noch den Befreiern, also dem Entsatzheer, ein Denkmal widmen.

Dieser Aspekt sollte auch in einem wahrhaft monumentalen Befreiungsdenkmal am Kahlenberg gewürdigt werden, was aber obsolet wurde, als das Ministerium – strategisch geschickt – statt des zunächst so genannten ‚Starhembergdenkmals’ – einem Denkmal zu Ehren des Verteidigers von Wien – ein ‚Türkenbefreiungsdenkmal’ für den Stephansdom ausschrieb. Der Denkmalentwurf zeugt vom (wohl gelungenen) Versuch des Ministeriums, die städtischen Akteure auflaufen zu lassen und der Dynastie sowohl Verteidigung als auch Befreiung zuzuschreiben.

Das Türkenbefreiungsdenkmal im Stephansdom

An der Spitze stand im Modellentwurf zunächst Kaiser Leopold , im Zentrum der von ihm ernannte Oberbefehlshaber Starhemberg, über ihn die Siegesgöttin Victoria schwebend; seitlich sollten aber auch die Befreier verewigt werden.

Unter den Figuren befand sich sogar der Verteidiger Liebenberg, der damit (im Stephansdom aufgestellt) der liberalen Stadtverwaltung als Held entwendet wurde.

Die Gedenktafel am Kahlenberg und das Liebenbergdenkmal

Unter Zugzwang stehend setzten die liberalen städtischen Akteure daraufhin einen zweifachen Akzent: Sie verwarfen jetzt auch die Idee eines eigenen Befreiungsdenkmals am Kahlenberg – einer ohnehin unfinanzierbaren, 40 Meter hohen Siegessäule mit Aussichts-Galerie – besetzten aber diesen „heiligen Ort“ und Ausgangspunkt der Entsatzschlacht – gleichsam als Retourkutsche – selbst symbolisch: Zum einen errichteten die Wiener Liberalen die schon erwähnte, noch vorhandene Gedenktafel an der Kahlenberger St. Josefskirche.

Zum anderen eroberten sie sich aber auch die Symbolfigur Liebenberg zurück: Bald nach der Auftragsvergabe für das Starhemberg- oder Türkenbefreiungsdenkmal im Stephansdom durch das Ministerium vergab die Stadt ohne Ausschreibung den Auftrag für ein Liebenberg-Denkmal. Dieser neun Meter hohe Obelisk, der eine verkleinerte Kopie der nicht verwirklichten Siegessäule am Kahlenberg darstellt, wurde schließlich am 12. September 1890 vor der Mölkerbastei (auf dem Ring, der bürgerlichem Prachtstraße) feierlich enthüllt, und zwar exakt vier Jahre vor dem Türkenbefreiungsdenkmal im Stephansdom. Im Jahr 1945 wurde das Türkenbefreiungsdenkmal im Stephansdom schließlich von der herabfallenden ‚Pummerin’, einer Glocke, die 1711 aus erbeuteten türkischen Kanonen gegossen worden war, zerstört.

Dollfuß mit D’Aviano

Auch im 20. Jahrhundert verloren die Türken ihre Identität stiftende Symbolfunktion für die Politik nicht: Im Ständestaat stand ihr Bild für Nationalsozialismus und Bolschewismus; und es fungierte als Zeichen der Verheißung auf Sieg über diese beiden Bedrohungen: Dollfuß selbst initiierte ein überlebensgroßes Marco d’Aviano-Denkmal vor der Kapuzinerkirche (siehe auch “Der ‘Aviano-Dollfuß-Kult’”). Am 11. September 1934 verknüpfte Kardinal Innitzer diese Verheißung auf Sieg mit dem Vermächtnis des im Juli selben Jahres ermordeten Bundeskanzlers:

War er [Dollfuss] da nicht auch wie ein Marco d’Aviano, der […] mit dem Kreuz in der Hand […] voran in den Kampf zog? Fürwahr, er war unser Führer, der Kreuz- und Fahnenträger des neuen Oesterreich! [...] Marco d’Aviano und Engelbert Dollfuß – Mögen beide unsere Fürsprecher sein […] für unser armes, bedrängtes Oesterreich. (Innitzer, Reichspost 12.9.1934: 5)

Ein neues Monument für Sobieski

Zum Dreihundertjahrjubiläum 1983 sahen polnische Akteure im Türkensieger Sobieski eine Verheißung für die Überwindung der kommunistischen Herrschaft.

In Wien errichteten sie mehrere neue Sobieskigedenkstätten, u.a. ein Relief an der Augustinerkirche.

» Was sind die stärksten Zaubermittel

Zum Abschluss sei nochmals gefragt: Was waren nun die stärksten Zaubermittel, dank derer 1683 nach wie vor so präsent ist und dieses Symbol propagandistisch verwendbar ist?

Diese Zaubermittel sind die Gedächtnis stützenden Werkzeuge: Prozessionen, Sagen, Bilder, Volkslieder, Jahrestage und die mit ihnen verbundenen Denkmäler, die zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen politischen Vorzeichen in den Köpfen Feindbilder hervorrufen und verfestigen können. Dafür, dass diese Bilder wirken können, bedarf es jeweils aktueller Bedrohungen, seien sie manifest oder konstruiert, in denen durch gezielten Rückgriff auf vergangene, aber überwundene Not Sieg verheißen wird. So erfüllen die ‚Türkendenkmäler’ im Wesentlichen drei Funktionen:

Sie sind erstens Bedrohungszeichen. Mit ihnen konnte die Belagerung zu verschiedenen Zeiten mit jeweils neuem Sinn gefüllt werden, seien die Belagerer Un- und Andersgläubige, Aufklärer, Slawen, gottlose Liberale, Bolschewisten, Juden oder Nazis.

Sie sind zweitens Siegeszeichen. Die an sich „vor Aufmerksamkeit imprägnierten Denkmäler“ (Musil 1978 [1927], 506f) werden durch Jubiläumsfeiern an Jahrestagen sichtbar gemacht, so dass mit ihnen der Sieg (Entsatz) über die Bedrohung (Belagerung) in das Gedächtnis zurückgerufen wird.

Schließlich sind sie drittens Hoffnungszeichen: Die Überreste des 1945 durch Brand zerstörten Türkenbefreiungsdenkmals im Stephansdom (die Madonna, Papst Innozenz XI. und Kaiser Leopold I.) wurden 1947 wieder aufgestellt und von der Staatsdichterin Paula von Preradović mit folgenden Versen versehen:

Jungfrau, Kaiser und Papst einzig verschonte der Brand.
[…]
Kniend mahnen sie euch: lasset zu hoffen nicht ab!
Nie wird in künftigem Sturm ihr betendes Wien sie verlassen
Österreichs Mutter, sie hilft, seid ihr nur stark und getreu.

Hier wird Zuversicht beschworen: So wie damals durften Wien und die WienerInnen auch im Jahr 1947 angesichts des jüngsten „nationalsozialistischen“ Türkensturms dank Maria als helfender Mutter wieder Hoffnung fassen.

» Ist das Erinnerungssymbol Denkmal mit hysterischen Symptomen vergleichbar?

Die Analyse der politischen Funktionalisierbarkeit von ‚Türkendenkmälern’ stellt für die Kulturwissenschaften eine besondere Herausforderung dar: In Monumenten dieser Art manifestieren sich Erinnerungs- und Gedächtnisspuren. Denkmäler seien, so Sigmund Freud in seiner ersten Vorlesung über Psychoanalyse (1909), „Erinnerungssymbole“: – so wie im Seelenleben des Einzelnen „die hysterischen Symptome.“ Denn, so Freud: „Unsere hysterisch Kranken leiden an Reminiszenzen“ (Freud 1909/1999: 8).

So liegt es in diesem Zusammenhang nahe, Freuds Vergleich wörtlich zu nehmen. Was den EU-Beitritt der Türkei betrifft, hat Österreich in der letzten Eurobarometerumfrage schlechtere Werte als Zypern: Es sprachen sich nämlich nur fünf Prozent dafür aus; der europäische Durchschnitt lag 2006 bei 28 Prozent (Zypern 19 Prozent) (Standard Eurobarometer Archives). Ziel muss es daher sein, durch Forschung kritisch über Selbstvergewisserungsprozesse zu reflektieren und dadurch Beiträge zu liefern für eine international geforderte „Theorie des erinnerungsgestützten oder Erinnerung erzeugenden und stützenden Handelns in der Gegenwart“ (Dolff-Bonekämper 2007: 70). Oder einfacher formuliert: durch Forschung den Haufen unreflektierter Erinnerungen zu entzaubern, um in der Gegenwart Orientierung zu geben für einen reflektierten Umgang mit der Erinnerung an den Entsatz Wiens von den Türken 1683.

» Literatur

Dolff-Bonekämper, Gabi (2007): Erinnerungstopographien und Gedächtniskollektive. In: Moritz Csáky/Elisabeth Grossegger (Hg.): Jenseits vom Grenzen. Transnationales, translokales Gedächtnis, Wien, 63–73.

Feichtinger, Johannes (2010): „Auf dem Zauberhaufen“. Der Burgravelin und die Funktionalisierung des Gedächtnisses an den Entsatz Wiens von den Türken 1683, in: ÖZKD. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, Jg. 64, Heft 1–2 (Sonderheft: Wiener Stadt- und Burgbefestigung, konzipiert und koordiniert von Markus Jeitler, Richard Kurdiovsky, Anna Mader-Kratky), 108–115. (Hierbei handelt es sich um die verbesserte und erweiterte Fassung dieses online-Artikels)

Freud, Sigmund (1909/1999): Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur Zwanzigjährigen Gründungsfeier der Clark University in Worchester, Mass., September 1909. In: Sigmund Freud, Gesammelte Werke. Band 8. Werke aus den Jahren 1909–1913, Frankfurt am Main.

Hanisch, Ernst, Peter Urbanitsch (2006): Die Prägung der politischen Öffentlichkeit durch die politischen Strömungen. In: Die Habsburgermonarchie 1848–1918, hg. von Helmut Rumpler, Peter Urbanitsch. Band VIII, 1: Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, Wien, 15–111.

Heiss, Johann; Feichtinger, Johannes (2009): Wiener “Türkengedächtnis” im Wandel. Historische und anthropologische Perspektiven. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP) 2, 249–263.

Klopp, Onno (1882): Zur Zweiten Säcular-Feier des 12. September 1683. Wiederabdruck der Anfrage des Herrn Bürgermeisters Uhl und der zwei offenen Sendschreiben von Onno Klopp an denselben, mit einem Votum für die Säcularfeier. Graz: Verlags-Buchhandlung Styria.

Kreuz und Halbmond. Gedänkblätter an die Belagerung Wien’s durch die Türken im Jahre 1683. Entworfen und gezeichnet von W.O. Noltsch. Mit der Feder gezeichnet von L. E. Petrovits. Erste Lieferung. Wien: Druck und Verlag der Kaiserlich-Koeniglichen Hof- und Staatsdruckerei 1883.

Mitterauer, Michael (1982): Politischer Katholizismus, Österreichbewusstsein und Türkenfeindbild. Zur Aktualisierung von Geschichte bei Jubiläen. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, Jg. 12, Heft 4: Türkenjubiläum 1983 – Heroenkult oder Strukturanalyse? Wien, 111–120.

Mitterauer, Michael (1997): Anniversarium und Jubiläum. Zur Entstehung und Entwicklung öffentlicher Gedenktage. In: Brix, Emil/Stekl, Hannes (Hg.): Der Kampf um das Gedächtnis. Öffentliche Gedenktage in Mitteleuropa, Wien/Köln/Weimar, 23–89.

Mitterauer, Michael (1999): Millennien und andere Jubeljahre: Warum feiern wir Geschichte?, 16.07.2009.

Musil, Robert (1978 [1927]). Denkmale. In: Gesammelte Werke, hg. Adolf Frisé, Band 2, Reinbeck, 506–509.

Prüger, Josef (1933): Wien im Türkensturm 1683. Geschichtliche Erzählung von Josef Prüger. Wien und Leipzig 1933.

Riegl, Alois (1903): Der Moderne Denkmalkultus. Sein Wesen und seine Entstehung, Wien/Leipzig.

Stachel, Peter (2002): Mythos Heldenplatz. Wien.

Standard Eurobarometer Archives, 15. 10. 2008.

Suppanz, Werner (1998): Österreichische Geschichtsbilder. Historische Legitimationen in Ständestaat und Zweiter Republik, Köln/Weimar/Wien (= Böhlaus zeitgeschichtliche Bibliothek 34).

Telesko, Werner (2008): Kulturraum Österreich. Die Identität der Regionen in der

bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts. Wien/Köln/Weimar.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Weiß, Karl (1882): Herr Onno Klopp und das Verhalten der Bürger Wiens im Jahre 1683. Wien: Rudolf Lechners Verlagsbuchhandlung.

Wienerisches Ehrenkränzlein von 1683 (1883): Unparteiische Prüfung der Anschuldigungen des Herrn Onno Klopp durch eine Vereinigung von Wiener Bürgern. Herausgegeben als erste Vereinsgabe der ‚Bürgervereinigung Liebenberg‘. Wien.

Das Vaterland (12.09.1883): Zur Säkularfeier, 2, 26.08.2009.

Neue Freie Presse/ Morgenblatt (11.09.1883): Feuilleton. Wiens Befreiung – 10. September, 1, 21.09.2009.

Neue Freie Presse/ Morgenblatt (11.09.1883): Wien, 10. September, 1, 21.09.2009.

Neue Freie Presse/ Morgenblatt (13.09.1883): Wien, 12. September, 1, 26.08.2009.

Reichspost (12.09.1934): Die Marco-d’Aviano-Feier, 5, 21.09.2009.