Ein Gutachten soll Klopps Anschuldigungen widerlegen

Text: Johanna Witzeling

Nachdem der Historiker Onno Klopp den Anteil der Wiener Bürger bei der Verteidigung Wiens 1683 in seinem 1882 publizierten Geschichtswerk in Frage gestellt hatte (siehe “Onno Klopp greift an”), wurde der Archiv- und Bibliotheksdirektor Karl Weiss vom Gemeinderat mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. Nach eigener Aussage konnte Weiss alle Anschuldigungen Klopps widerlegen.

» Klopps Kritikpunkte sollen überprüft werden

Im Vorwort seines Gutachten beschreibt Karl Weiss nochmals, wie es zu dem Auftrag kam, die Anschuldigungen des Historikers Onno Klopp zu überprüfen: Bürgermeister Eduard Uhl war in der Gemeinderatssitzung vom 20. Oktober 1882 vom Gemeinderat Dr. Karl Linder gefragt worden, ob „er geneigt sei, die in dem Werke des Herrn Onno Klopp in gehässiger Weise über das Verhalten der Wiener Bürger während der zweiten Türkenbelagerung erhobenen Anschuldigungen prüfen zu lassen“ (Weiss 1882: 1).

Bürgermeister Eduard Uhl antwortete darauf: Der Anlass seiner Überlegungen seien die Besprechungen des jüngst erschienenen Geschichtswerks von Klopp in der ‚Deutschen Zeitung‘ vom 18./19. Oktober 1882 (siehe „Onno Klopp und die Medien“) gewesen, worin hingewiesen worden sei, „in welch gehässiger Weise das Verhalten des Stadtrathes und der Bürgerschaft während der zweiten Belagerung durch die Türken“ dargestellt wird.

Das Gemeinderatspräsidium hatte sogleich den Archivdirektor Weiss beauftragt, „über diese Angelegenheit eine unbefangene und wahrheitsgetreue Darstellung vorzulegen“, die er auf Kosten der Gemeinde veröffentlichen ließ. Uhl selbst hob im Gemeinderat einige Punkte zur „Charakteristik der Wahrheitsliebe dieses Schriftstellers [Klopp] und andererseits zur glänzenden Rechtfertigung des tadellosen Verhaltens unserer tapferen und patriotischen Vorfahren“ hervor (Weiss 1882: 1–2).

» Weiss widerlegt alle Anschuldigungen

Karl Weiss fühlte sich in seinem Bericht dazu verpflichtet, „quellenmäßige Beweise“ für seine Gegendarstellung zu erbringen, was ihm eigenen Angaben zufolge auch in allen Punkten gelungen sei: alle Kritikpunkte Onno Klopps konnten laut Weiss widerlegt werden.

Zunächst übte Weiss Kritik an den Quellen, die Klopp für seine Recherchen zum Jahr 1683 verwendet habe. Klopp habe sich zu stark auf das Werk Albert Camesinas bezogen, dessen Darstellungen „nicht immer genau mit den Originaltexten übereinstimmten“. Auch stufte Weiss Camesinas Beurteilung einiger Vorfälle als „zu weitgehend“ ein, um zugleich zu betonen, dass dadurch die großen Verdienste Camesinas, seines „langjährigen, nun verstorbenen Freundes um die Geschichte Wien’s“ nicht geschmälert würden (Weiss 1882: 5).

Über den Historiker Klopp schrieb Weiss, dass jener zwar „ein Kenner der europäischen Geschichte der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts, als ein Mann von Wissen und Scharfsinn und als ein in der Erschließung neuer Geschichtsquellen sehr fleißiger Gelehrter“ sei, aber auch „ein Mann von einer bestimmten, einseitigen tendenziösen Auffassung historischer Begebenheiten“ (Weiss 1882: 7).

Klopp habe die Belagerung von einem „universellen Standpunkte“ aus besprochen und Camesina dafür kritisiert, das er sein Werk auf den „lokalen Kreis beschränkt“ und nicht die „Bedeutung der Belagerung und des Entsatzes von Wien“ für die Monarchie des Hauses Habsburg“, “für das gesamte West-Europa, die damalige Christenheit“, „klar gestellt“ habe (Klopp, zit. nach Weiss 1882: 8).

So wie Weiss in seinem Bericht andeutete, gab es in der Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 1883 zahlreiche tendenziöse Auslegungen der Geschichte – und das nicht nur in Bezug auf die Wiener Bürger. Klopps Anschuldigungen fügten sich laut Weiss in eine Reihe weiterer Verdächtigungen ein.

Der Hauptvorwurf Klopps, den Weiss in seiner Schrift zu widerlegen hatte, bestand darin, dass jener die Bürger Wiens während der zweiten Türkenbelagerung eines ungebührlichen Verhaltens bezichtigt und den Stadtrat verdächtigt hatte, mit Kara Mustapha in Unterhandlungen eingetreten zu sein, um zu kapitulieren und die Stadt zu übergeben.

Karl Weiss konnte in seiner Darstellung schließlich seiner „Befriedigung“ Ausdruck verleihen, dass er „nicht nur alle Puncte“ seiner „Widerlegung aufrecht erhalten, sondern durch Heranziehung neuer Belege auch erproben konnte.“ (Weiss 1882: 5) Daher konnte er den Historiker Klopp dazu auffodern, seinen Irrtum einzugestehen:

Sollte es mir gelungen sein, eines der schönsten Blätter in der Geschichte unserer Stadt von einem häßlichen Flecken befreit zu haben, so wird – davon bin ich überzeugt – Herr Onno Klopp dies rückhaltslos anerkennen. Irren ist menschlich. So wie der Einzelne, empfindet auch ein Gemeinwesen, das auf seine Vergangenheit stolz ist, schmerzlich unverdiente Kränkungen und tendenziöse Verdächtigungen, letzteres umsomehr, wenn es ohnehin Neid und Missgunst umgeben. (ebd.: 6)

Bezugnahmen auf das erste Sendschreiben Klopps an Bürgermeister Uhl befinden sich nicht in dem Bericht.

» Literatur

Weiss, Karl (1882): Herr Onno Klopp und das Verhalten der Bürger Wiens im Jahre 1683. Wien.