Protokoll der Wiener Gemeinderatsitzung vom 20. Oktober 1882

Text: Johanna Witzeling

Die Gemeinderatsitzung vom 20. Oktober 1882 setzte sich mit dem Geschichtswerk des Historikers Onno Klopp auseinander, der darin u.a. Kritik an den Wiener Bürgern von 1683 geübt hatte (Vocelka 1983: 369–372). Er unterstellte ihnen nicht nur Feigheit, sondern auch Kapitulationsgedanken (siehe “Onno klopp greift an”). Das Protokoll der Sitzung wurde in der ‚Neuen Freien Presse‘ (Seite 6) und anderen Wiener Zeitungen am 21. Oktober 1882 veröffentlicht.

» Das Protokoll im Originaltext

Dr. Linder und Genossen stellen folgende Interpellation:

Es ist in den letzten Tagen ein historisches Werk erschienen, in welchem das Verhalten des Wiener Stadtrathes und der Bevölkerung während der Türkenbelagerung in ein gehässiges Licht gestellt und malvolent angedeutet wird, dass der Gemeinderath nicht abgeneigt gewesen, ohne Wissen des Grafen Starhemberg die Stadt Wien den Türken zu übergeben. Es kann der jetzigen Vertretung der Stadt Wien nicht gleichgiltig sein, wenn derartige Auffassungen und Verdächtigungen über die Haltung ihrer Vorfahren in nicht mißzuverkennender Absicht verbreitet werden. Ich stelle daher an den Herrn Bürgermeister die Anfrage, ob er nicht geneigt sei, die erhobenen Anschuldigungen von berufener Seite prüfen und in geeigneter Form erwidern zu lassen.

Bürgermeister Eduard Uhl: Ich habe auf diese Interpellation Folgendes zu bemerken: Aus Anlaß der in den Zeitungen veröffentlichten Besprechungen des jüngst erschienenen Geschichtswerkes des Herrn Onno Klopp, in welchem in gehässiger Weise das Verhalten des Stadtrathes und der Bürgerschaft während der zweiten Belagerung durch die Türken dargestellt wird, habe ich sogleich den Herrn Archiv-Director Weiß beauftragt, mir über diese Angelegenheit eine unbefangene und wahrheitsgetreue Darstellung vorzulegen. Dieser Bericht liegt mir vor, und ich werde den Archiv-Director ermächtigen, denselben auf Kosten der Gemeinde zu veröffentlichen. Aufgrund der in diesem Berichte angeführten Thatsachen will ich einerseits zur Charakteristik der Wahrheitsliebe dieses Schriftstellers und andererseits zur glänzenden Rechtfertigung des tadellosen Verhaltens unserer tapferen und patriotischen Vorfahren nur folgende Punkte hervorheben: Um zu zeigen, dass der Commandant Graf Starhemberg dem Stadtrathe und der Bürgerschaft bis zur letzten Stunde misstraute, beruft sich der Verfasser auf eine Stelle in dem Briefe des Königs Sobieski an seine Gemalin vom 13. September 1683, worin dieser schreibt, daß Graf Starhemberg, weil er wahrscheinlich mit dem Stadtrathe auf schlechtem Fuße stehe, ihm bei seinem Einzuge auch nicht Ein Mitglied der städtischen Verwaltung vorgestellt habe. Nun ist unwiderlegbar nachgewiesen, dass dem König von Polen im Hause des Commandanten, des Grafen Starhemberg, der ganze Stadtrath vorgestellt wurde. Herr Onno Klopp verschweigt diese Thatsache, wiewol sie in einem ihm wohlbekannten Werke abgedruckt zu lesen ist.

Für die muthige und ausdauernde Hingebung der Bürger während der Belagerung sprechen die Thatsachen, dass alle Mitglieder des Stadtrathes bis zur letzten Stunde auf ihren Posen ausharrten und dass der Kaiser mehrere Mitglieder auszeichnete. Von der Anerkennung des tadellosen Verhaltens der Bürger gibt die kaiserliche Entschließung vom 5. Juli 1684 Zeugniß, worin Kaiser Leopold I. in vorläufiger Erledigung eines Memoires des Stadtrathes vom November 1683 über die traurige Lage der Bürger erklärt, dass der Stadtmagistrat wie die gesammte Bürgerschaft sich bei der jüngsten türkischen Belagerung mit allem Eifer und großer Tapferkeit sowol zu Sr. Majestät Wohlgefallen als auch zu ewigen Ruhme der Stadt und ihrer Nachkommen benommen haben. Noch kräftiger und ehrenvoller ist die Anerkennung, welche der Kaiser den Bürgern der Stadt im Hinblicke auf ihren bei der Belagerung bewiesenen opferwilligen Geist in dem Burgfriedens-Privilegium vom 6.Juli 1698 zollte. Er gab ihnen dieses Privilegium „weil sie mit Hintangebung von Gut und Blut diese kaiserliche Haupt- und Residenzstadt als eine Vormauer der Christenheit bis dato aufrechterhielten“.

Auf die unwahre Angabe des Herrn Onno Klopp, dass der gegenwärtige Gemeinderath kein Denkmal den heldenmüthigen Vertheidigern der Burgbastei errichtet habe, ja, dass man nicht mehr die Stätte als solche erkenne, verweise ich auf die Gedenktafel, welche der Gemeinderath im Jahre 1869 an dem Hause Nr. 8 der Löwelbastei anbringen ließ. Diese Gedenktafel musste zwar bei dem Abbruche der Löwelbastei entfernt werden, es ist aber längst Sorge getragen, dass sie nach der Vollendung des neuen Burgtheaters in würdiger Form wieder erneuert wird. [Anmerk. vgl. Feichtinger 2010: 111] Ich glaube, die vorerwähnten kaiserlichen Anerkennungen, welche Herr Onno Klopp in seinem Werke nicht erwähnt, schützen hinreichend das Andenken unserer Vorfahren vor tendenziösen Verdächtigungen! (Beifall.)

» Was danach geschah

Das am 21. Oktober 1882 veröffentlichten Protokoll des Wiener Gemeinderates erwiderte Onno Klopp mit einem ‚offenen Sendschreiben’ an den Wiener Bürgermeister Eduard Uhl. Als Tage danach der Stadthistoriker und Archivdirektor Karl Weiss seine Widerlegung Klopps ohne Rücksichtnahme auf dessen Argumente publizierte, veröffentlichte Klopp am 6. November 1882 ein ‚abermaliges offenes Sendschreiben’ an den Wiener Bürgermeister.

» Literatur

Feichtinger, Johannes (2010): „Auf dem Zauberhaufen“. Der Burgravelin und die Funktionalisierung des Gedächtnisses an den Entsatz Wiens von den Türken 1683. In: ÖZKD. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, Jg. 64, Heft 1–2 (Sonderheft: Wiener Stadt- und Burgbefestigung, konzipiert und koordiniert von Markus Jeitler, Richard Kurdiovsky, Anna Mader-Kratky), 108–115.

Klopp, Onno (1882): Zur Zweiten Säcular-Feier des 12. September 1683. Wiederabdruck der Anfrage des Herrn Bürgermeisters Uhl und der zwei offenen Sendschreiben von Onno Klopp an denselben, mit einem Votum für die Säcularfeier. Graz.

Neue Freie Presse (21.10.1882): Communal-Zeitung. Wiener Gemeinderath, 6, 26.08.2009.

Vocelka, Karl (1983): Die Zweite Wiener Türkenbelagerung von 1683 und ihr Reflex in der Wissenschaft, den Schulbüchern und Jubiläumsveranstaltungen. In: Studia Austro-Polonica 3. Warschau/Krakau, 359–379.