Am Hof, Bürgerliches Zeughaus

Text: Johannes Feichtinger, Johann Heiss

Das bürgerliche Zeughaus, in dem 1683 neben Lebensmittelvorräten auch Schießpulver gelagert war, fing gleich zu Beginn der zweiten Türkenbelagerung Feuer. Es konnte gerade noch gelöscht werden, bevor die Belagerung durch eine Explosion des Pulvers vorzeitig ein Ende gefunden hätte. Nicht unpassend ist in dem Gebäude heute die Wiener Feuerwehr untergebracht. Bald nach dem Ensatz von Wien wurden im bürgerlichen Zeughaus türkische Beutestücke als Zeugnisse der bürgerlichen Ruhmestaten untergebracht. Dieses Zeughaus war damit eine Art Vorläufer des Wien Museums.

» Brand und Lynchjustiz

Am 15. Juli 1683, dem ersten Tag der Türkenbelagerung, stand die damalige Vorstadt Rossau bald in Flammen. Dabei riss ein Sturm brennende Schindeln mit sich, worauf das Feuer auch die Stadtpalais der Grafen Traun, Auersperg und Palffy sowie das Schottenkloster und das Zeughaus erfasste. Diese Katastrophe hinterließ große Verwüstung und eine zerrüttete Bevölkerung, die hierfür einen Sündenbock suchte und angeblich von den Türken bezahlte Wiener für den Brand verantwortlich machte . Ein etwa 16-jähriger Junge wurde aufgegriffen, der sich als Mädchen verkleidet hatte, um weniger aufzufallen. Er soll, so wurde ihm vorgeworfen, die Ställe der Schottenabtei in Brand gesteckt haben; von dort breitete sich der Brand rasch weiter aus und erfasste auch die erst kürzlich fertiggestellte Kirche und deren Turm. Der junge Mann wurde, obwohl ihm die Brandstiftung keineswegs nachgewiesen werden konnte, kurzerhand von der aufgebrachten Menge gelyncht (vgl. Vaelckeren 1683: 30–31). In der von ihm selbst angefertigten Übersetzung seines Berichts aus dem Lateinischen ins Deutsche erzählt der Augenzeuge der Belagerung und frühe Chronist Vaelckeren:

Gegen 4. Uhr Nachmittags entstunde eine grosse Fewersbrunst in der Statt im Schottenhoff / welche / wie das gemeine Geschrey gienge / von einem Buben von 16. Jahren angelegt // und er von denen Rebellen darzu erkaufft // auch / damit er destoweniger dessen in Argwohn gezogen wurde / in einem Weiber // Habit verkleidet gewesen seyn solle. Man kann es aber darumb nit gründlich wissen / weil derselbe Bub in dem Auflauff deß tumultuirend // und tobenden Pövels alsobald in Stucken ist zerrissen // und also der Obrigkeit die Zeit und Gelegenheit entzogen worden / daß sie das Werck ordentlich hette untersuchen // und auff den Wahrheits//Grund kommen können; Dann viele seynd der Meinung / es seye dieser Bub nit verkleidet // noch der Anleger deß Fewers // sondern die Stallpursch selbst dessen Ursach gewesen / die das Fewer entweder auß Unachtsambkeit oder auß Bosheit angezündet / und darnach umb dem Werck einen Deckmantel umbzuhencken / die That bey dem zum löschen zulauffenden wuetenden Pövel auff diesen Buben gelegt / auff welchen die Stallpursch alsbald selbst // und sambt ihnen das verbitterte Volck so lang zugeschlagen / und zugehauen / biß sie ihn als einen dafür geglaubten Mordbrenner in der Furi in Stucken zerhauen und zerrissen haben / wie sehr auch der arme Mensch schrye / bate und sich entschuldigte. Und ist hierauß entstanden / daß der Pövel nachgehends alle die Leuthe / so ihme nit bekandt gewesen / und ein wenig frembde Ungarisch // oder Croatische Kleidung angehabt / auff denen Gassen oft angefallen // und für Brenner angesehen // auch wohl angegriffen und injurirret // ja auch einen und anderen vor solche im Auffruhr außgeschriyen // und in continenti ohne Annehmung einiger Entschuldigung massacriret // darnach die Köpf offentlich durch die Statt zum Spectacul herumb getragen und auff Stangen gesteckt haben; Diesem Werck aber ist durch die Obrigkeit bald wieder gesteuret // und solche vermessene und weit außsehende Thaten eingestellet worden. (Vaelckeren 1684: 28)

Im Zeughaus soll die Türe des Pulvermagazins bereits Feuer gefangen haben; sie musste mit Gewalt aufgebrochen und entfernt werden, denn der Zeugmeister Kunibert Wentzel von Wentzelsberg konnte in der Aufregung den Schlüssel nicht finden (vgl. Vaelckeren 1683: 30; Huhn 1717: 59). Eine Explosion des Zeughauses hätte das rasche Ende der Verteidigung der Stadt bedeutet. Nach drei Tagen konnte der Brand unter Mithilfe der Bevölkerung und, weil sich der Wind gedreht hatte, gelöscht werden (vgl. Vaelckeren 1683:31). Mit dem Ende dieses Brandes wird die älteste Marien-Gnadenstatue Wiens in der Schottenkirche in Zusammenhang gebracht, da er der Legende nach durch die Fürsprache der Gottesmutter eingedämmt werden konnte (vgl. Litschauer 1933: 17ff.)

» Barocke Neugestaltung

Zeughäuser waren ursprünglich dazu bestimmt, einen Vorrat an Waffen, Pulver und Nahrungsmitteln anzulegen und aufzunehmen. Das Wiener bürgerliche Zeughaus am Hof stand seit 1562 in Verwendung und wurde 1683 durch den oben erwähnten Brand beschädigt. 1731/32 wurde das Gebäude nach Entwurf des Architekten und Geschützmeisters Anton Ospel (1677–1756) neu gestaltet und barockisiert.

» Die Hohe Pforte in Wien oder S.P.Q.R. / S.P.Q.V.

1731/32 wurde die Fassade des Zeughauses nicht nur mit türkischen Trophäen geschmückt, sondern – folgt man Claudius Caravias (2008: 50–57) – als Anspielung auf die Hohe Pforte gestaltet. Die Hohe Pforte, die als pars pro toto zum Synonym für den Sultanspalast und die Verwaltungszentrale des Osmanischen Reiches wurde, war unter Sultan Mehmet II. 1478/79 errichtet worden. Ospels Zitat der Hohen Pforte bedeckt als „riesige halbkreisförmige Tornische“ „die gesamte Fassade“ des Bauwerks (Caravias 2008: 53). Die Plastiken, größtenteils Waffenbündel und Kriegstrophäen, stammen vom Bildhauer Lorenzo Matielli (1687–1748) und stellen einen weiteren Bezug zum Osmanischen Reich her. Die Krönung der Fassade bietet eine Darstellung der dem Programm Kaiser Karls VI. entstammenden Kardinaltugenden „Constantia et Fortitudo“ (Beständigkeit und Tapferkeit). Personifiziert tragen sie die Weltkugel in Händen. Die Inschrift auf dem Sockel „Imperante Carolo VI. Instauravit S.P.Q.V.“ (Unter der Regierung von Karl VI. errichtete es Senat und Volk von Wien) verweist auf das imperiale antike Rom. Die stolze Inschrift „S.P.Q.R.“ (Der Senat und das Volk von Rom) ist hier durch Senat und Volk von Wien ersetzt. Auch damit wird ein imperialer Anspruch erhoben.

» Das bürgerliche Zeughaus als Museum und Aufbewahrungsort von Kara Mustaphas Schädel

Die erhaltenen Inventare aus den Jahren 1686, 1701 und 1706 zeigen, dass man unmittelbar nach dem Entsatz von Wien begann, Beutestücke und Trophäen als Zeugnisse bürgerlicher Ruhmestaten im bürgerlichen Zeughaus unterzubringen. Unter anderem wurde hier seit Ende des 17. Jahrhunderts der 1688 in Belgrad erbeutete Schädel Kara Mustaphas aufbewahrt und öffentlich gezeigt. Weiters befand sich unter den Gegenständen im Zeughaus die mittlerweile ausgemusterte Figur eines Türken, dem die Gesichtshaut des am 24. August 1683 in der Wiener Leopoldvorstadt gefallenen osmanischen Statthalters von Erlau (Eger) Abaza Kör Hüseyin Pascha aufgesetzt worden war (vgl. Teply 1978: 165–179). Seit seiner Renovierung 1731/32 diente das Zeughaus verstärkt der Aufbewahrung erbeuteter türkischer Waffen und zunehmend weniger der Lagerung von einsatzfähigem Kriegsmaterial (vgl. Hummelberger 1972: 65f.)

Nach Errichtung des neuen Wiener Rathauses, dessen Schlussstein 1883 gelegt wurde, wurde die Sammlung des bürgerlichen Zeughauses dorthin übersiedelt, zunächst in der Jubiläumsausstellung von 1883 gezeigt und danach im neu errichteten Museum aufbewahrt (vgl. Yücel 1977: 54ff.). Heute befinden sich viele dieser Schaustücke im Wien Museum am Karlsplatz. Das ehemalige bürgerliche Zeughaus ist seither Sitz der Wiener Feuerwehr (vgl. Czeike 1997: 701; Tomenendal 2000: 185ff.). Im Jahr 2007 beschädigte während Renovierungsarbeiten ein Kran, den ein Sturm umwarf, Teile des Daches und die Figurengruppe, welche die Fassade bekrönte. Sie ist bis heute nicht wieder angebracht worden. Der Kranführer verlor bei diesem Unfall sein Leben.

» Literatur

Caravias, Claudius (2008): Die Moschee an der Wien. Dreihundert Jahre islamischer Einfluss in der Wiener Architektur. Eichgraben.

Czeike, Felix (1997): Historisches Lexikon Wien. Wien.

Huhn, Christian Wilhelm (1717): Nichts Neues und Nichts Altes/ Oder umbständliche Beschreibung/ Was Anno 1683. vor/bey/ und in der Denckwürdigen Türckischen Belagerung Wien/ vom 7 Julii biß 12 Septembr. täglich vorgelauffen. Breslau.

Hummelberger, Walter (1972): Das Bürgerliche Zeughaus. Wien/Hamburg.

Litschauer, Gottfried (1933): Das Wiener Schottenstift und das Türkenjahr 1683. Klosterneuburg.

Teply, Karl (1978): Der Kopf des Abaza Kör Hüseyin Pascha. In: Sonderabdruck aus dem Jahrbuch des Vereines für Geschichte der Stadt Wien. Band 34, 165–179.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Vaelckeren, Johann Peter von (1683): Vienna à Turcis Obsessa à Christianis Eliberata: Sive Diarium Obsidionis Viennensis, Inde à sexta Maii ad decimam quintam usque Septembris deductum. Wien, 03.08.2009.

Vaelckeren, Johann Peter von (1684): Wienn Von Türcken belägert/ Von Christen entsezt. Das ist: Kürtzliche Erzehl- und Beschreibung alles dessen/ was sich vor- in- und nach der grausamben Türckischen Belägerung der Kayserlichen Residentz Statt Wienn in Oesterreich Anno 1683. vom 6. Maii an/ biß 19. Septembris von Tag zu Tag denckwürdigs zugetragen. Linz.

Yücel, Ünsal (1977): Türkische Waffen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. In: Das Wiener Bürgerliche Zeughaus. Rüstungen und Waffen aus fünf Jahrhunderten. 49. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. Mai-Oktober 1977, 54–66.