Fleischmarkt, Türkenkugeln

Text: Marion Gollner

Im Eingangsbereich des so genannten „Griechenbeisls“ am Fleischmarkt 11 (= Griechengasse 9) in der Wiener Innenstadt befinden sich drei Türkenkugeln, die in die Wand eingemauert und mit einer Inschrift versehen wurden. Ihr zufolge wurden die Kugeln bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1963 entdeckt. Sie sollen aus der Zeit der ersten Belagerung Wiens 1529 stammen.

» „Im Kugelhagel der Geschütze“

Die drei türkischen Kanonenkugeln wurden rechts neben dem Stiegenaufgang zu den so genannten „Augustinstuben“, benannt nach dem „Lieben Augustin“, einem Wiener Original, eingemauert. So stechen sie den Besuchern des Wirtshauses gleich ins Auge.

Der Inschrifttext lautet folgendermaßen:

Anno 1529 stand das Gasthaus zum
gelben Adler das heutige
„Griechenbeisl“ als Teil der Stadtmauer von Wien und
Bastion gegen die anstürmenden
Türken im Kugelhagel der Geschütze.
Bei Renovierungsarbeiten 1963
wurden diese drei Kugeln im
Gemäuer gefunden und zeugen von
einer großen Vergangenheit unseres Hauses.

Die Schrift ist in schwarz gehalten, wobei beide Sätze mit einem roten Anfangsbuchstaben beginnen.

Wie aus der Inschrift hervorgeht, war das Gebäude am Eingang zum alten Fleischmarkt und gleich neben der Griechenkirche zur heiligen Dreifaltigkeit Teil der einstigen Stadtmauer und somit des Öfteren unter Beschuss. Ob die drei Kugeln aber tatsächlich aus der Zeit der ersten Türkenbelagerung stammen, ist fraglich. Wahrscheinlicher ist, dass die Geschütze auf das Jahr 1683 zurückgehen, als die Stadt von der Leopoldstadt aus beschossen wurde (vgl. Csendes 1983: 8 bzw. Tomenendal 2000: 178).

» Die Geschichte des „Griechenbeisels“

Wann das Gebäude erbaut wurde, ist historisch nicht belegt. Der erste Eintrag findet sich in den Matrikeln der Gemeinde Wien aus dem Jahr 1447 – ein Schriftzug über dem Eingang erinnert noch heute an dieses Datum. Bereits um 1500 soll sich in dem Gebäude eine Schenke mit dem Namen „Zum gelben Adler“ (schmiedeeisernes Wirtshauszeichen) befunden haben. Damit handelt es sich um eines der ältesten Gasthäuser der Stadt, das im Laufe der Zeit mehrmals seinen Namen wechselte. Bevor das Lokal seinen heutigen Namen „Griechenbeisl“ erhielt, war die Schenke unten den Namen „Zum roten Dachl“ bzw. „Zum goldenen Engel“ bekannt. Da zu den Stammgästen vor allem die Reichenberger Tuchhändler zählten, wurde das Gasthaus früher auch „Reichenbergerbeisl“ genannt (vgl. Czeike 1993: 53).

Der heutige Name „Griechenbeisl“ geht auf die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück, als sich griechische und levantinische Kaufleute am Fleischmarkt ansiedelten. Wie Kerstin Tomenendal hinzufügt, war der Ausdruck „Grieche“ zu diesem Zeitpunkt für alle „Orientalen“ gebräuchlich, die sich in Wien niederließen (vgl. Tomenendal 2000: 178).

Der Legende nach soll der Volkssänger Augustin vier Jahre vor der zweiten Türkenbelagerung Wiens, als die Pest 1679 in der Stadt wütete, das berühmte Lied „Oh du lieber Augustin, alles ist hin…“ im heutigen „Griechenbeisl“ geschrieben und dem Publikum zum ersten Mal vorgetragen haben. Zu den prominenten Gästen der beliebten Schenke zählten aber auch Beethoven, Brahms, Grillparzer, Lueger, Nestroy, Schubert, Schwind, Strauß, Wagner, Waldmüller, Graf Zeppelin und Mark Twain. Seit 1968 ist das Traditionslokal im Besitz der Familie Krötlinger.

» Literatur

Csendes, Peter (1983): Erinnerungen an Wiens Türkenjahre. Wien.

Czeike, Felix (1993): Wien – Innere Stadt. Kunst- und Kulturführer. Wien.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Wien.gv.at: Griechenbeisl, ehem. Reichenbergerbeisl, Zum roten Dachl – Gebäudeinformation, 21.12.2010.

Werbeka Netshop: Wien 1., Griechenbeisl, 21.12.2010.