Stephansdom, Gnadenbild ‚Mária Pócs‘

Text: Johanna Witzeling, Johann Heiss, Johannes Feichtinger

Das Bildnis ‚Mária Pócs‘ ist eine Ikone, die wegen ihres wundertätigen Tränenflusses schon bald nach 1683 auf Wunsch Leopolds I. von Ungarn nach Wien überführt wurde. Dem wundersamen Bild wurde der Sieg Prinz Eugens in der Schlacht bei Zenta am 11. September 1697 zugeschrieben. Zum Dank dafür wurde es als Heiligtum verehrt. So gab es Anlass zu unzähligen Prozessionen, Hochämtern, Predigten, zur Intensivierung der Kirchenmusik und zur Veröffentlichung zahlreicher „wahrhafter“ Lob-, Preis-, und Dankschriften. Schließlich wurde es in St. Stephan aufgestellt. Hier wird ‚Maria Pócs‘ noch heute verehrt.

» Tränen als Vorboten drohender Türkengefahr

Das Gnadenbild ‚Mária Pócs‘ (auch ‚Mária Pötsch‘) im Stephansdom ist ein Muttergottesbildnis nach dem byzantinischen Typus der ‚Hodegetria‘ (Wegweiserin) und Heerführerin in der volkstümlichen Ikonenmalerei. Maria trägt den Christusknaben, der eine rote Blume in der linken Hand hält, auf ihrem Arm. Mit der rechten Hand deutet sie auf Jesus, was soviel bedeuten soll wie „Er ist der Weg.“

Das Bildnis stammte ursprünglich aus Pócs in der Erzdiözese Eger (Erlau) in Ungarn. Es soll nach einem Tränenwunder im Jahre 1697 auf Befehl Kaiser Leopolds I. nach Wien gebracht worden sein. Am Hochaltar von St. Stephan aufgestellt, wurde es 1945 in der Südwestecke des Langhauses unter dem so genannten Oexl (Öchsl)-Baldachin untergebracht. Laut einer Legende flossen Tränen aus dem Bildnis, wenn ein Türkenkrieg bevorstand. So wurde davor die Muttergottes angefleht. Der Sieg des Prinzen Eugen bei Zenta 1697 wurde als Gebetserhörung aufgefasst und „der weinenden Mutter von Petsch“ (Abraham a Sancta Clara) zugeschrieben.

Kaiserin Eleonore stiftete einen mit farbigen Steinen besetzten prunkvollen Rahmen, den so genannten ‚Rosa Mystica Rahmen‘ der seit 1776 im Domschatz (in der Paramentenkammer) verwahrt wird. Seit damals ist das Bildnis in einem Silberrahmen aus josephinischer Zeit zu sehen.

» Das Wunder von Pócs

Das Gnadenbild ‚Mária Pócs‘ soll um das Jahr 1676 vom Dorfrichter aus Pócs, László Csigri, nachdem er aus osmanischer Gefangenschaft entkommen war, beim Maler Stephan Pap (István Pap), dem jüngeren Bruder des Pfarrers von Pócs, in Auftrag gegeben worden sein. Der Preis für das Bild soll Csigri zu hoch gewesen sein, also habe Lorenz Hurta (Lőrinc Hurta) das Gnadenbild um sechs ungarische Forint gekauft und in der griechisch-byzantinischen Kirche des Ortes Pócs im Komitat Szabolcz, Erzdiözese Eger, aufstellen lassen.

Während der Sonntagsmesse am 4. November 1696 wurde vom Bauern Michael Eöry (auch andere Schreibweisen des Namens wie z.B. Michael Cöry/Coery) das erste Tränenwunder beobachtet. Das Wunder wiederholte sich an bestimmten Tagen und soll von mehreren Zeugen und Zeuginnen gesehen worden sein. Das letzte Tränenwunder soll am 8. Dezember 1696 (Maria Empfängnis – ‚Fest der unbefleckten Empfängnis Mariens‘) stattgefunden haben.

Joseph Ogesser schreibt 1779 in seiner „Beschreibung der Metropolitankirche zu St. Stephan in Wien“, dass sich sogar „viele von dem ungarischen Adel protestantischer Religion, ja sogar einige gefangene Mahomedaner eingefunden haben“. Niemand soll an dem Wunder gezweifelt haben außer einem kalvinischen Pastor, der das Bildnis in Anwesenheit von über 300 Personen auf geheime Wasserquellen untersuchte. Es konnte kein Betrug aufgedeckt werden, aber auch während des Zerlegens sollen Tränen aus dem Bildnis geflossen sein. Sowohl durch Generalfeldmarschallleutnant Graf Corbelli, Oberbefehlshaber der nach Ostungarn kommandierten kaiserlichen Heere, als auch von kirchlicher Seite, angeordnet durch den Bischof von Eger, György Fenessy, wurden Untersuchungen durchgeführt.

Durch das Tränenwunder soll ein „todtkrankes Kind“ geheilt sowie „ein geborener Türk“ und ein „Unteroffizier lutherischer Religion“ wieder auf „den rechten Weg des Seelenheils“ gebracht worden sein.

Eine Dokumentation des Wunders ist laut Homepage des Wallfahrtortes Máriapócs bis heute erhalten geblieben. Generalfeldmarschallleutnant Corbelli soll eine handschriftliche Erklärung an den Bischof von Eger gesandt sowie eine Denkschrift verfasst haben, in welcher er dem Kaiser von dem Tränenwunder berichtete.

» ‚Mária Pócs‘ wird nach Wien überstellt

Die Wunder des Gnadenbildes fanden nicht zufällig zur Zeit der Siege der christlichen Heere „über den Halbmond“ statt (Wien 1683; Gran 1685; Ofen 1686; Belgrad 1688; Slankamen 1691; Zenta 1697) (vgl. Bachleitner 1961: 354).

Maria war als Helferin, als Wegweiserin der Christenheit, als Zuflucht für SünderInnen besonders unter den ungarischen KatholikInnen populär. Von ihr versprach man sich Hilfe vor den anrückenden Osmanen, ihr widmete man den Dank für überwundene Gefangenschaft.

Auf Wunsch der dritten Ehefrau Kaiser Leopolds I., Kaiserin Eleonore, soll das Gnadenbild 1697 nach Wien gebracht worden sein (Der Dom 1/2004), andere Quellen (Bachleitner 1961) verweisen auf den Kapuzinerpater Marco d‘Aviano, der damals Kaiser Leopold beriet. Auf seinen Einfluss hin soll der Kaiser die Überführung des Gnadenbildes in die kaiserliche Favorita (heute Palais Augarten) angeordnet haben. Bachleitner (1961) erklärt, dass

[…] die Vermutung zur Behauptung wohl nahe liegt: man habe einem Volk sein Heiligtum entzogen, um einen Kaiser zur Besinnung zu rufen! Marco d‘Aviano pflegte das österreichische Kaiserhaus das ‚Fundament der Christenheit‘ zu nennen, und der Kaiser hinwieder fühlte sich als Schirmvogt der Kirche. Durch die Aufstellung des Gnadenbildes in der Favorita wollte man vielleicht diesen Ort einstiger höfisch ausgelassener Lustbarkeit entsühnen. (ebd.: 355)

Trotz Widerstands der Bevölkerung wurde das Gnadenbild aus der Kirche in Pócs entfernt und vom Abt des Klosters Tapolcz, Emmerich Graf Csáky, nach Wien gebracht. Der Transport dauerte vom 1. März bis zum 3. Juli 1697; unterwegs wurden zahlreiche Kopien des Gnadenbildes angefertigt.

Am 7. Juli 1697 wurde das Bild aus der Kapelle der Favorita in die Augustinerkirche gebracht, wo der berühmte Kanzelredner Abraham a Sancta Clara eine Predigt hielt. Auch Marco d‘Aviano soll zu Ehren des Gnadenbildes gepredigt haben (siehe auch “Marco d’Aviano und die Marienverehrung”).

Das Gnadenbild wurde fünf Monate lang in zahlreichen Kirchen Wiens für jeweils einige Tage aufgestellt und verehrt. 33 Prozessionen, 103 Hochämter und 126 Predigten sollen in dieser Zeit zu Ehren des Bildes abgehalten worden sein, bis es schließlich am 1. Dezember 1697 seinen Platz im Stephansdom fand (vgl. Bachleitner 1961: 355).

» Pócs erhält eine Kopie des Gnadenbildes

Währenddessen wurde der Unmut der Gläubigen in Pócs immer größer, sodass im Jahre 1707 ein Brief vom dortigen griechisch-katholischen Pfarrer an den Kaiser geschickt wurde mit der Bitte, das Gnadenbild zurückzugeben. Der Kaiser ordnete die Herstellung einer Kopie an, welche in Pócs an derselben Stelle wie einst das Original aufgehängt wurde. Auch die Kopie soll während einer Predigt am 1. August 1715 sowie an den nachfolgenden Tagen geweint haben. Schließlich genehmigte der Bischof von Eger die Verehrung des Bildes: Der Ort Pócs wurde zum Wallfahrtsort Máriapócs. Am 3. Dezember 1905 soll das kopierte Gnadenbild abermals geweint haben. Das Tränenwunder dauerte angeblich 19 Tage lang, was durch Eid und Unterschrift von 75 Zeugen bekräftigt wurde. Ein Seidentuch mit getrockneten Tränen in einem Schaukasten soll dieses Wunder belegen.

Die Wundertätigkeit Mariens spielt in die Zeit der Türkenkriege und der Gegenreformation eine hervorragende Rolle: In der Auseinandersetzung mit den Protestanten wurde bewusst auf ältere Mariendarstellungen byzantinischer Herkunft zurückgegriffen, um die historische Verankerung der Muttergottesverehrung in der katholischen Tradition hervorzuheben (vgl. Aurenhammer 1956: 41; Bachleitner 1961). Vergleichsbeispiele sind u.a. Maria Candia und das Gnadenbild von Tschenstochau. Zugleich wird Mariendarstellungen aus byzantinischer Tradition im besonderen Maße eine Hilfsfunktion für die Feindesabwehr zugeschrieben.

» Feierlichkeiten und Hochämter

In Wien wurden fünf Monate lang (vom 7. Juli bis 1. Dezember 1697) Hochämter und Feierlichkeiten abgehalten. So wurde auch am 11. September 1697 eine Andacht gefeiert, am selben Tag, als Prinz Eugen bei Zenta an der Theiß (Ungarn) den entscheidenden Sieg über die osmanischen Truppen errang. Dieser Sieg wurde Maria Pócs zugeschrieben.

Von einer der alljährlichen Feierlichkeiten, bei denen das Bild im Mittelpunkt stand, wird im „Wienerischen Diarium“ vom 11. Oktober 1741 berichtet:

Verstrichenen Sonntag Vor=mittags wurde in alhiesiger Metropolitan=Kirche zu St. Stephan dasiges Miraculoses Frauen=Bild von Petsch in einer Procession um besagte Kirchen herum getragen / welcher viele hohe Standes=Personen mit zahlreichen anderen frommen Christen begleitet / worauf Ihre Hochfürstl. Eminentz alhiesiger Herr Cardinal Ertz=Bischof Sigmund von Kollonitsch das Hoch=Amt gehalten / welchen Funktionen Ihre Excell. allhiesiger Herr Statthalter / und Königlicher Deputations-Præses Graf Sigmund Khevenhüller / nebst anderen Herren Rähten beygewohnet haben / mithin das 3. tägig angestellte allgemeine Gebett zu Erhaltung glüklicher Progressen unserer Allergnädigsten Königin Majest. Waffen angefangen / und gestern mit gröster Andacht geendiget worden.

Die Feiern dauerten also vom 8.–10. Oktober 1741. Sie wurden von der Domkapelle und den Sängerknaben musikalisch umrahmt. Unter ihnen befand sich auch der damals neunjährige Joseph Haydn.

1797 wurde die Hundertjahrfeier der Überführung des Bildes nach Wien abgehalten. Doch schon davor hatte die Stadtbehörde – mit dem Auftrag, ein tägliches Hochamt auf Kosten des Wiener Magistrats vor dem Bildnis zu feiern – die Andacht vor dem Gnadenbild gefördert (vgl. Bachleitner 1961: 355). Mit den säkularen Reformen Kaiser Josef II. (1780–1790) wurden diese Hochämter abgeschafft. Das Gnadenbild ‚Mária Pócs‘ lieferte wichtige Anregungen für die Pflege geistlicher Musik in Wien, so etwa für den Hofkapellmeister Johann Josef Fux.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden alljährlich Messen zu Ehren des Gnadenbildes gefeiert, darunter zweimal jährlich Hochämter, die bis heute in Form von ‚Maria Pötsch-Ämtern‘ vom Wiener Domkapitel zelebriert werden.

In der NS-Zeit erhielt das Gnadenbild erneut Beachtung: So wurde ab 1938 jährlich ein Triduum (dreitägiges Hochfest/Dreitagesfeier) vor dem Gnadenbild abgehalten.

Auch heute werden immer noch zweimal im Jahr Hochämter zu Ehren des Gnadenbildes gefeiert: einmal im Juli am Sonntag nach dem Fest Maria Heimsuchung anlässlich der Überführung des Bildes von Ungarn nach Wien am 7. Juli 1697, ein zweites Mal am Sonntag nach dem 4. November, um des „wunderbaren Tränenflusses“ am 4. November 1696 zu gedenken.

» Das Bildnis im Wandel der Zeit

Im 19. Jahrhundert wandelten sich die Vorstellungen soweit, dass eine Ikonendarstellung der Muttergottes nicht der zeitgemäßen Auffassung eines Andachtsbildes entsprach. Der niederösterreichische Spätromantiker Leopold Kupelwieser wurde beauftragt, eine neue Version „des Originals im Zeitgeschmack“ anzufertigen (vgl. Bachleitner 1961: 355), welche am linken Pfeiler beim Eingang ins Mittelschiff des Albertinischen Chores angebracht wurde.

Diese Kopie wurde aufgrund der Zerstörung des Stephansdomes am Ende des Zweiten Weltkrieges in einer feierlichen Prozession am 13. Oktober 1946 in die Kirche am Hof gebracht, in der in den Jahren des Wiederaufbaus die Domgottesdienste stattfanden.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1946 wurde diese Kopie samt ihrem kostbaren Rahmen gestohlen. Sie ist bis heute verschwunden.

» ‚Mária Pócs‘ bleibt beim Dombrand unversehrt

In der Nacht zum 19. März 1903 waren auch die goldenen Kronen von Maria und dem Jesuskind vom Originalbild entwendet worden; danach wurde zwar das Bild wieder kostbar verziert, um jedoch weitere Diebstähle zu verhindern, sollte das Originalbild nur noch an „den höchsten Feiertagen des Kirchenjahres“ am Hochaltar aufgestellt werden. Während des Jahres mussten sich die Gläubigen mit einer Kopie begnügen. Beim Brand des Domes von 11. bis 13. April 1945 blieb das Bild unversehrt, auch der Einsturz des Chorgewölbes richtete keinen Schaden an ihm an. Nach der Restaurierung und Wiedereröffnung des Domes am 8. Dezember 1948 wurde das Gnadenbild im schmucklosen josephinischen Rahmen am marmornen Altar (von Dombaumeister Karl Holey) unter dem spätgotischen Baldachin der südwestlichen Langhausecke aufgestellt.

Während des Zweiten Weltkrieges, am 7. Oktober 1944, hatte Kardinal Innitzer vor dem Gnadenbild gelobt, dem unbefleckten Herzen Marias eine Kirche zu widmen – die heutige Pfarrkirche von Schönbrunn-Vorpark im 15. Wiener Gemeindebezirk.

Nach dem Krieg wurde der Altar mit dem Gnadenbild ‚Mária Pócs‘ zum Zentrum der vom Dompfarrer Karl Dorr initiierten ‚Abendkirche‘ von St. Stephan. Auch Papst Johannes Paul II. würdigte das Bildnis entsprechend, als er bei seinen beiden Dombesuchen davor betete (vgl. Der Dom Folge 1/2004).

» Literatur

Aurenhammer, Hans (1956): Die Mariengnadenbilder Wiens und Niederösterreichs in der Barockzeit. Wien.

Bachleitner, Rudolf (1961): Das Bild der ungarischen Madonna im Stephansdom zu Wien. In: Wiener Geschichtsblätter, 16. Jahrgang, Nr. 4, 353–357.

Das Zeichen Mariens. Internationales katholisches Informationsorgan zur Wahrung und Förderung guter Tradition und echter Mystik, 24.08.2009.

Der Dom. Mitteilungsblatt des Wiener Domerhaltungsvereines. Folge 1/2004.

Historisches Museum der Stadt Wien (1997): 850 Jahre St. Stephan. Symbol und Mitte in Wien 1147-1997. Dom- und Metropolitankapitel Wien: 226. Sonderausstellung. 24. April bis 31. August 1997. Wien.

Historisches Museum der Stadt Wien (Hg.) (1982): Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683. Salzburg/Wien.

Hochradner, Thomas, Vörösmarty, Géza Michael (2000): Zur Musikpflege am Altar Mária Pócs (Maria Pötsch) in St. Stephan in Wien. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 41 (1/3): 133–175.

Máriapócs, Webseite des Nationalwallfahrtsortes Ungarns, 25.06.2009.

Loidl, Franz (1977): Maria-Pötsch. Eine Richtigstellung und Ergänzung. In: Beiträge zur Wiener Diözesangeschichte (Beilage zum Wiener Diözesan Blatt) 18. Jg, Heft 6: 44.

Ogesser, Joseph (1779): Beschreibung der Metropolitankirche zu Sanct Stephan in Wien. Wien.

Polleroß, Friedrich (1998): Pro Deo & Pro Populo. Die barocke Stadt als “Gedächtniskunstwerk” am Beispiel von Wien und Salzburg. In: Barockberichte. Informationsblätter des Salzburger Barockmuseums zur bildenden Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts, Heft 18/19: 149–168, hier 158.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Wienerisches Diarium (11. Oktober 1741), 906-907, 21.10.2009.