Graz, Wallfahrtskirche Mariatrost

Text: Zsuzsa Barbarics-Hermanik

Die barocke Wallfahrtskirche Mariatrost befindet sich heute im nordöstlichen Teil der Stadt Graz und stellt nach Mariazell das bedeutendste Marienheiligtum der Steiermark dar. Die Entstehungsgeschichte des Wallfahrtsortes sowie seine Rolle im ‚Türkengedächtnis‘ von Graz basieren auf Legenden, die erst aus dem 19. Jahrhundert überliefert sind (vgl. Mauritsch 1995: 2): Der Volksüberlieferung nach wäre bereits im Mittelalter eine Kirche am Purgberg in Mariatrost gestanden, die die Osmanen 1480 zerstört hätten. In der Kirche selbst sollen jedoch bereits vorher zahlreiche Wunder geschehen sein (vgl. Ruhri 2003: 184).

Die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts fertiggestellten Fresken der heutigen Basilika mit ihren ‚Türkendarstellungen‘ gehen auf ein bis ins Detail durchdachtes Konzept propagandistischer Gedächtnisbildung zurück. Sie haben jedoch mit der aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Legende bezüglich der Ereignisse im Jahre 1480 nichts zu tun.

» Zur Baugeschichte

Die Wallfahrtskirche Mariatrost ist in der Periode 1714 bis 1747 unter Beteiligung des kaiserlichen Fortifikationsbaumeisters Johann Georg Stengg unter der Bauleitung seines Vaters Andreas Stengg errichtet worden. Zu Beginn soll an den Planungen auch der damalige Grazer Hofmaurermeister (bis 1716) Bartholomäus Ebner mitgewirkt haben (vgl. Rust 2009: 163-164). Der Bau wurde von Kaiser Karl VI. besonders gefördert. Die Bedeutung der Kirche für den Kaiserhof zeigt die Tatsache, dass diese in einem Werk des Jesuiten Franz Keller unter jenen „Aedificia Sacra“ abgebildet wurde, die unter der Herrschaft von Karl VI. errichtet wurden. Darin erscheint sie „gleichrangig mit der Wiener Karlskirche“ (Rust 2009: 149), der im ‚Türkengedächtnis‘ der Stadt Wien eine besondere Rolle zukommt.

Gerade der Kirchenbau in Mariatrost und die Errichtung der Fresken hingen unmittelbar mit der Ansiedlung der Pauliner, die in der Steiermark nach neuen Niederlassungen suchten, zusammen: Diese wurden Ende des 17. Jahrhunderts vom innerösterreichischen Regierungsbeamten Franz Caspar Conduzzi von Heldenfeld, dem damaligen Besitzer des gesamten Purberges und der Marienstatue zur Ansiedlung eingeladen, weil er sich im Streit mit der Katholischen Kirche befand.

Dieser Streit entstand, weil Conduzzi von Heldenfeld ohne die Erlaubnis der Katholischen Kirche Mariatrost bzw. die Marienstatue von Mariatrost zu einem Wallfahrtsort machte, wodurch letztendlich die Pauliner von der kirchlichen Seite lange an einer Ansiedlung gehindert wurden (vgl. Ruhri 2003: 165). Zu einer Lösung des Problems kam es nach der Ernennung Imre III. Esterházys (1665–1745) – der gleichzeitig Geheimer Rat und Hofkanzler Karls VI. war und später Erzbischof von Gran/Esztergom und Fürstprimas von Ungarn (1725-1745) wurde – zum Oberhaupt des Paulinerordens im Jahre 1702. Dank seiner Vermittlungstätigkeit wurde der Gnadenort Mariatrost am 7. August 1708 dem Orden der Pauliner übergeben und als Gegenleistung wurden dem früheren Besitzer Conduzzi von zwei kaiserlichen Kommissaren 22 000 fl. ausgehändigt (vgl Rust 2009: 150-151).

Zur kirchlichen Anerkennung des Wallfahrtsortes kam es allerdings erst im Jahre 1711. Die Erlaubnis zum Kirchen- und Klosterbau erhielten die Pauliner vom Salzburger Erzbischof am 13. September 1713 und von Kaiser Karl VI. am 3. März 1714 (Kubinzky 1984: 172; Ruhri 2003: 166). Die Bauarbeiten begannen bereits im Juni 1714, die offizielle Grundsteinlegung im Namen Kaiser Karl VI. erfolgte jedoch erst am 18. September 1714 durch den Präsidenten der Innerösterreichischen Hofkammer Karl Weikhard Graf Breuner (vgl. Rust 2009: 153).

1786 wurde das Kloster im Zuge der Josefinischen Reformen aufgehoben, danach bestand Mariatrost aus der Pfarrkirche und einem Pfarrhof. 1846 übernahmen die Franziskaner die Pfarre und aktivierten die Kirche sowie das Kloster, deren Bau unter ihrer Mitwirkung vollendet wurde. (vgl. Kubinzky 1984: 172). Die Wallfahrtskirche wurde 1999 von Papst Johannes Paul II. zur Basilika erhoben (vgl. Ruhri 2003: 185).

» Zu den Fresken der Wallfahrtskirche Mariatrost

Die Fresken im Innenraum der Kirche wurden in zwei Etappen – von 1733 bis 1737 von Lucas de Schram und dann zwischen 1752 und 1755 von Johann Baptist Scheit – geschaffen. Der Architekt de Schram, der die Malerei nur als Nebentätigkeit ausübte, nahm für seine Fresken die Wiener Karlskirche zum Vorbild, was die Vorbildrolle des Kaiserhofes bei der Gedächtnisbildung unterstreicht.

Johann Baptist Scheit, der Maler der Fresken des Langhauses, wo sich die meisten ‚Türkendarstellungen‘ befinden, musste sich im März 1752 vertraglich dazu verpflichten, ganz im Stil de Schrams weiterzuarbeiten (vgl. Rust 2009: 153-154).

Aus der Korrespondenz des Schwiegervaters von Lucas de Schram, des niederösterreichischen Landschafts-Raithoffiziers, Andreas von Allengutten mit dem Prior der Pauliner in Mariatrost geht hervor, dass die Anbringung der Fresken auf eine Privatinitiative zweier Adeliger zurückging. Dieser „Landstand“ und ein „kaiserlicher Hofkriegsrat“ hätten sich sogar bereit erklärt, die Kosten privat zu bezahlen, wozu es dann tatsächlich kam (vgl. Mauritsch 1995: 9-10).

Es liegt zwar kein schriftliches Programm für die Gestaltung der Fresken vor, die erwähnte Korrespondenz verrät jedoch, dass das Konzept von einem „Poeta Caesareo“ erstellt wurde, der gleichzeitig „Protho-Medicus“ war. Zur theologischen Grundkonzeption soll auch der Prior der Pauliner seinen Beitrag geleistet haben. Die Aufgabe der Maler bestand nur in dessen Ausführung (vgl. Mauritsch 1995: 17).

Im Mittelpunkt der Deckenfresken steht die Gottesmutter Maria als „Auxilium Christianum“, die den Christen ihren Beistand gegen die Feinde der Christenheit leistet und zum Sieg verhilft. Darin besteht eine eindeutige Parallele zu den Fresken der Katharinenkirche des Mausoleums in Graz.

Die verschiedenen Zeiten, in denen es im Laufe der Geschichte zu dieser Hilfeleistung kam, sind chronologisch geordnet: Sie reichen von der Darstellung des Todes von Julian Apostata, über den byzantinischen Kaiser Heraklius, womit die Belagerung Konstantinopels 626 durch Perser, Slaven, Awaren, Bulgaren und Gepiden angesprochen wird sowie über die Schlacht bei Lepanto im Jahre 1571 bis zur Anspielung des Entsatzes von Wien im Jahre 1683.

Allen Szenen ist gemein, dass die jeweiligen Feinde ausnahmslos als ‚Türken‘ abgebildet werden, die mit Hilfe Mariens besiegt werden konnten (vgl. Mauritsch 1995: 19-28).

Eine weitere Parallele zu den Fresken der Katharinenkirche des Mausoleums in Graz ist die Abbildung Kaiser Leopolds I. als „Pietas Austriaca“. Ein neues Element wiederum ist die Darstellung des Kardinals Leopold Graf von Kollonitsch (1631–1707), der zwar aus einer ungarischen Magnatenfamilie stammte, aber am Kaiserhof aufgewachsen ist und ab 1685 Kardinal und nach 1695 Primas von Ungarn war. Auf dem Fresko verkörpert der hinter Kaiser Leopold I. kniende Kollonitsch die christliche Caritas, da er nach der Entsatzschlacht in Wien am 12. September 1683 fünfhundert Waisenkinder aus dem Lager der Osmanen aufgesammelt und in die Stadt gebracht haben soll. Gleichzeitig war er ein großer Unterstützer der Pauliner, die ursprünglich eine ungarische Kongregation waren; sein Portrait hing deswegen auch in ihrem Kloster in Mariatrost (vgl. Mauritsch 1995: 28).

Für das Türkengedächtnis sei auch auf die Rolle von Kardinal Kollonitsch bei der Ausarbeitung des „Einrichtungswerkes des Königreichs Ungarn“ hingewiesen, das den endgültigen Sieg des Hauses Österreich in Ungarn über die Osmanen hätte besiegeln sollen. Im Hintergrund zwischen Leopold I. und Kollonitsch ist ein weiterer Held des Entsatzes von Wien, der polnische König Sobieski, abgebildet. In verschiedene Teile der Deckenfresken sind auch die so genannten ‚Türkenbeuten‘ hineindrapiert, da sie wichtige Teile des ‚Türkengedächtnisses‘ der Habsburgermonarchie bilden.

» Zu den feierlichen Prozessionen

Von 1752 bis 1780 soll jedes Jahr eine Prozession von Wien zur Wallfahrtskirche in Mariatrost durchgeführt worden sein, um für die Siege von Wien (1683) und von Temesvár (1718) auf diese Weise zu danken (vgl. Mauritsch 1995: 51).

» Zum Kettenmotiv

Die bei einem Nebenaltar des Langhauses aufgehängten Ketten symbolisieren auch die endgültige Befreiung von der Osmanenherrschaft in Ungarn und weisen eine eindeutige Parallele zur Gestaltung des ‚Türkengedächtnisses‘ in der Mariahilferkirche in Graz auf.

» Literatur

Kubinzky, Karl Albrecht (1984): Graz aus der Vogelperspektive. Die steirische Landeshauptstadt in alten und neuen Luftbildern. Graz.

Mauritsch, Erika (1995): Die Fresken des Lucas de Schram und des Johann Baptist Scheit an der Mariatroster Kirche bei Graz. Eine ikonographische-stilgeschichtliche Untersuchung. Diplomarbeit der Universität Graz.

Ruhri, Alois (2003): Christentum und Kirche von der Gegenreformation bis zur Gegenwart. In: Brunner, Walter (Hg.): Geschichte der Stadt Graz, Bd. 3: Kirche – Bildung – Kultur. Graz, 135–252.

Rust, Sandra Maria (2009): Der steirische Barockarchitekt Johann Georg Stengg (1689–1753). Dissertation der Universität Wien.