Burggasse, Hausschild „Zum goldenen Stuck“

Text: Marion Gollner

Der Stuck- und Kanonengießer Johann Achamer erhielt 1710 den kaiserlichen Auftrag, aus den 1683 erbeuteten türkischen Kanonen eine Glocke für den Stephansdom zu gießen. Die ‚Josephinische Glocke’ (später auch ‚Pummerin’ genannt) wurde schließlich ein Jahr später in Achamers Gießerei im heutigen 7. Wiener Gemeindebezirk vollendet. Das mittlerweile verschwundene Hausschild „Zum goldenen Stuck“ in der Burggasse 55 erinnerte daran. Nach diesem Schild wurde 1809 die Stuckgasse benannt, die an der Stelle der ehemaligen „Stuck- und Glockengießerei“ Achamers in die Burggasse mündet.

» Achamer wird mit dem Guss der Glocke beauftragt

Der aus Innsbruck stammende Johann Achamer erwarb im Jahr 1688 eine „Brandstätte“ am Wendelgrund in St. Ulrich und baute sich darauf ein Haus. 1695 kaufte er auch das Nachbargrundstück und errichtete dort eine „Stuck- und Glockengießerei“ (Stuck = Geschütz/Kanone).

1710 wurde Achamer von Kaiser Joseph I. damit beauftragt, eine Glocke

zum ewigen Andenken der, in sein fünftes Lebensjahr fallenden, zweyten Belagerung durch den Großwessir Kara Mustapha, aus dem eroberten türkischen Geschütz gießen zu lassen. (Hormayr 1824: 87)

Rund 180 erbeutete türkische Kanonen aus dem Zeughaus (die Zahlen variieren in den Quellen) sollten das Material für die neue Glocke im Stephansdom liefern. Achamer musste sich nicht nur dazu verpflichten, persönlich für eventuelle Brandschäden in der Nachbarschaft aufzukommen und eine zweijährige Garantie für die Glocke zu übernehmen, sondern er sollte sich auch persönlich am Transport der Glocke zum Stephansdom beteiligen.

Der Vertrag über den Guss der Glocke wurde vom Wiener Bischof Franz Ferdinand von Rummel und Bürgermeister Johann Franz Wenighoffer für den Magistrat der Stadt Wien unterzeichnet:

Johann Achammer, k. k. Stuckgießer, machte sich am 18. Dezember 1710 verbindlich, gegen 7 Gulden für den Centner Glockenmetall, und für den Centner der vier Zuflaschen 10 fl. Gußlohn, nebst einer Belohnung von 100 Ducaten eine Glocke von 304 Centner zu gießen. Hiezu erhielt er vom Kaiser 330 Centner Metall und 40 Centner SchlackenwerderZinn, wobei ihm ein Feuerabgang von sieben Centner bewilligt wurde. Am 21. Juli 1711 vollbrachte er in Gegenwart vieler hohen Personen glücklich den Guß. (Coeckelberghe-Dützele/Köhlner 1846: 262)

» Der Transport der Glocke

Auf einem eigens angefertigten Wagen wurde die mehr als 17 Tonnen schwere „Josephinische Glocke“ schließlich am 29. Oktober von der Gießerei in St. Ulrich „von 200 Männern aller Gesellschaftsklassen gezogen, Achamer selbst stand auf dem Wagen und dirigierte den Zug.“ (Faber 1995: 81) Sowohl Adelige als auch Handwerksgesellen sollen sich am Transport beteiligt haben. Aufgrund des enormen Gewichts der Glocke war die Strecke zuvor vom Maurermeister Christian Alexander Oedtl auf ihre Belastbarkeit hin übergeprüft worden.

Die feierliche Weihe der Glocke wurde am 15. Dezember 1711 von Bischof Freiherrn von Rummel im Beisein von Kaiser Joseph I. und dem Wiener Bürgermeister Franz Wenighoffer vorgenommen (vgl. Truxa 1891). Am 26. Jänner 1712 wurde sie zum ersten Mal geläutet, als der soeben zum Kaiser gekrönte Karl VI. in Wien einzog.

» Literatur

Czeike, Felix (1992): Historisches Lexikon Wien. Band 1. Wien.

Coeckelberghe-Dützele, Gerhard Robert Walter von/Köhler, Anton (Hg.) (1846): Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien: ein belehrendes und unterhaltendes Nachschlag- und Lesebuch in anekdotischer, artistischer, biographischer, geschichtlicher, legendarischer, pittoresker, romantischer u. topographischer Beziehung. Bd. 2, Wien (Online-Version, 17. Dezember 2009).

Faber, Elfriede (1995): Neubau. Geschichte des 7. Wiener Gemeindebezirkes und seiner alten Vororte. Wien.

Faber, Elfriede/ Sackmauer, Ludwig (Hg.) (1983): 1683 – am Neubau und in der Josefstadt. Wien.

Hormayr, Joseph von (1824): Wien, seine Geschicke und Denkwürdigkeiten. Wien (Online-Version bei Google Books, 17. Dezember 2009).

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Truxa, Hans Maria (1891): Erinnerungs-Denkmäler der Befreiung Wiens aus der Türkennoth des Jahres 1683. Wien.

Wikipedia: Johann Achamer, 17. Dezember 2009.