Florianigasse, Innungsbecher der Wiener Bäcker

Text: Marion Gollner, Martina Bogensberger, Johann Heiss

Der Innungsbecher der Bäcker (auch „Türkenbecher“ genannt) wurde 1783 anlässlich der 100-Jahr-Feier der Verteidigung Wiens vor den Türken 1683 gefertigt. Der Pokal ehrt die Bäcker für ihre Verdienste während der Zeit der Türkenbelagerung, selbst wenn diese historisch nicht eindeutig belegbar sind. Er befindet sich heute in der Wiener Bäckerinnung in der Florianigasse 13.

» Mythen und Legenden

Die Rolle der Bäcker zur Zeit der Türkenbelagerungen wird immer wieder hervorgehoben, besonders in der Geschichte rund um den „Heidenschuss“, auf die auch der Innungsbecher Bezug nimmt. Historisch ist die Erzählung jedoch nicht nachweisbar (vgl. Wiener Bäcker-Innung 1927: 24).

Auch in der Abhandlung „Zwei Denkwürdigkeiten aus der Türkenzeit”, 1883 in „Die Heimat. Illustriertes Fremdenblatt” erschienen, wird auf die Geschichte und Bedeutung des Innungsbechers eingegangen. Der Pokal sei eines jener Denkmale aus der Sturm= und Drangperiode Wiens, welche Zeugniß ablegen von dem Gemeinsinn Aller in dem schweren Jahre 1683. Wohl geht die Sage, dieser Becher stamme aus dem Jahre 1529, der ersten Türkennoth, aber sowohl stylistische Gestaltung, wie die Costümierung der Figuren verweisen direkt auf das Ende des XVII. Jahrhunderts. Wohl möglich, daß die Innung einen Becher auch aus jenen Tagen hatte und, wie dies so häufig geschieht, die Tradition vom alten auf den neuen Pokal übertragen wurde. Mag dem sein wie ihm wolle, die Bäcker thaten, wie jede andere Zunft, ihre volle Bürgerpflicht, und wenn auch die präciseren Daten mangeln über Widmung und Spender, so ist seine Ausstattung eine derartige, daß über die Tendenz der Widmung und des Alters kein Zweifel obwalten kann, und wir wünschen nur, daß noch manches Jahrhundert die Wiener Bäcker ihren Pokal und ihren Weltruf bewahren mögen. (Die Heimat 1883: 815)

So ist der Innungspokal der Bäcker keineswegs, wie die Legende vom Heidenschuss erzählt, ein Geschenk, das dem Bäckerjungen zum Dank für seine Aufmerksamkeit gemacht wurde, sondern eine spezielle Anfertigung zum 100-jährigen Jubiläum der Befreiung Wiens (vgl. Czeike 1992: 228).

» Die Darstellungen auf dem „Türkenbecher“

Der Becher der Bäckerinnung besteht aus Silber und wurde außen vergoldet. Über die Gestalt und Motivwahl des Pokals ist Folgendes vermerkt:

Zur Beschreibung unseres hochinteressanten Pokals übergehend, bemerken wir, daß derselbe 60 Centimeter Höhe, am Fuße 21 Centimeter Durchmesser, an der Kuppe am Rande 17∙5 Centimeter Durchmesser hat. Die Kuppe des Pokales wird von drei Figuren getragen, welche Bäckergesellen als Vertheidiger Wiens darstellen. Die eine der drei Figuren trägt ein Banner, worauf der Doppeladler mit der Inschrift: »Die Freiheit 1529«, während die beiden anderen Bäckergeräthe tragen. Auf der Fläche des Fußes liegen drei getötete Türken, auf deren einen Kopf der Standartenträger den Fuß stellt. Die Fläche der Kuppe zeigt die Darstellung des historischen Bäckerauszuges und die Bäckerherberge. Der Deckel zeigt die Wappen Wiens und Niederösterreichs und ist bekrönt durch einen Adler, der den zerbrochenen Halbmond zwischen den Klauen hält. (Die Heimat 1883: 815)

Die Umrahmung der Kuppe zeigt das Haus am Heidenschuss, den Bäckerumzug zu Ostern und das frühere Innungshaus der Bäcker am Salzgries. Zwischen den Reliefs finden sich zusätzlich verschiedene Motive der Bäcker wie Kipferl, Brezel oder Semmel (vgl. Sackmauer 1977).

» Von Helden und besiegten Feinden

Der Innungsbecher gilt allgemein als Symbol für die vielen Verdienste der Bäcker und ist gleichzeitig ein Verweis auf die Bedeutung des gesamten Handwerkertums. Damit werden die Leistungen der Bürger bei der Verteidigung Wiens hervorgehoben. Da die Verdienste der Bäcker während der Türkenbelagerungen historisch nicht eindeutig nachweisbar sind, zeigen auch die Motive des Innungsbechers ein konstruiertes historisches Bild über die Stellung der Bäcker 1683.

Die Heroisierung der Bäcker zur Zeit der Türkenbelagerung geht zudem Hand in Hand mit der Erniedrigung des geschlagenen Feindes. Die drei getöteten Türken liegen nicht nur am Fuße des Pokals, der Fahnenträger stellt als Zeichen der Herabwürdigung auch noch seinen Fuß auf den Kopf eines Osmanen – ein Motiv, das beispielsweise auch bei der Kapistrankanzel am Stephansdom anzutreffen ist.

Eine zusätzliche metaphorische Darstellung, welche die klare Überlegenheit über den Feind aus dem Osten zum Ausdruck bringt, ist der Adler mit dem zerbrochenen Halbmond zwischen seinen Klauen.

» Kompagniefahne der Bäcker

Ebenfalls im Besitz der Wiener Bäckerinnung befindet sich die Fahne der Bäckerkompagnie aus dem Jahr 1683. Diese wurde damals laut den Angaben der Wiener Bäckerinnung für 75 Gulden erworben. Bischof Leopold Karl von Kollonitsch nahm in der Kirche am Hof die Weihe der Fahne persönlich vor und der damalige Bürgermeister Andreas von Liebenberg schlug angeblich die ersten drei Nägel ein.

Auf der Homepage der Bäckerinnung Wien ist dazu Folgendes zu lesen:

Der nachmalige Zunftmeister Hans Wagenlehner durfte diese Fahne, die sich noch heute im Archiv der Bäckerinnung befindet, als Fähnrich bei der Verteidigung der Löwelbastei mit sich führen. Die Behauptung, dass ein Wiener Bäckermeister um die Türken zu verspotten das Kipferl erfunden haben soll, ist jedenfalls falsch. Kipfel gab es, wie die Reimchronik des Jan Enenekel beweist, bereits Jahrhunderte früher. (Landesinnung der Wiener Bäcker 2009)

» Zuckerbäckerball alla turca

Im Jubiläumsjahr 1983, am 24. Jänner, fand der Zuckerbäckerball unter dem Motto der zweiten Türkenbelagerung statt. Türkische Showeinlagen wurden geboten und beim „Süßen Duell“ war der Hauptpreis eine Türkeireise (vgl. APA 19.01.1983).

» Literatur

APA (19.01.1983): Chronik „Zuckerbäckerball“ diesmal auf türkisch, 28.08.2008.

https://www.baecker-wien.com [Seite nicht mehr verfügbar]

Böhm, Jasmine (2001): „Türken-Images“ im öffentlichen Raum. Eine ethnologische Spurensuche in Wien. Diplomarbeit der Universität Wien.

Czeike, Felix (1992): Historisches Lexikon Wien. Band 1. Wien.

Darstellung der gewerblichen Zustände der Wiener Bäcker-Innung. 1848. Wien.

Die Heimat. Illustriertes Fremdenblatt (1883): Zwei Denkwürdigkeiten aus der Türkenzeit. I. Das Kugelkreuz bei Schwechat. II. Der Pokal der Bäcker-Innung. VIII. Jg. Wien 1883, 815.

Historisches Museum der Stadt Wien (1983): Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683. 82. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. 5. Mai bis 30. Oktober 1983. Wien.

Landesinnung der Wiener Bäcker: Überblick über die Geschichte der Wiener Bäckerinnung, 30.11.2009.

https://www.wienerbaecker.at/historisches/wiener_baeckerinnung/01.htm [Seite nicht mehr verfügbar]

Sackmauer, Ludwig (1977): Landesinnung Wien der Bäcker. Ausstellung: „6000 Jahre Brot – 750 Jahre Wiener Bäckerinnung“. 22. September bis 2. Oktober 1977. Wien.

Scheidl, Franz (1908): Denkmale und Erinnerungszeichen an die Türkenzeit in Wien. Wien.

Schwertberger, Gerald (2007): ALLA TURCA und Türkenkugeln. Türken-Bezüge im Stadtbild Wiens. Wien.

Rotter, Hans (1933): Drei Wiener Wahrzeichen – die Bäckerkreuze. Wien.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Wien/Köln/Weimar.

Wiener Bäcker-Innung (Hg.) (1927): 700 Jahre Wiener Bäcker=Innung. Herausgegeben von der Wiener Bäcker-Innung anläßlich der Feier ihres 700jährigen Bestandes. Wien.

Winkelbauer, Thomas (2003/04): Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter, Teil I (Österreichische Geschichte 1522–1699), Wien.

Wolf, Alfred (2005): Denkmäler und Zierbrunnen in Wien Alsergrund. Erfurt.