Stephansdom, Kapistrankanzel

Text: Johanna Witzeling, Johann Heiss

Die Kapistrankanzel (auch Capistrankanzel) an der Außenseite des Wiener Stephansdoms zeigt den Wanderprediger, Heerführer und Inquisitor Giovanni da Capistrano (1386–1456). Zwischen türkischen Trophäen steht er triumphierend auf einem am Boden liegenden Janitscharen, der aus ‚dem Bild zu fallen‘ droht. In seiner rechten Hand schwingt der Franziskaner die weiß-rote Kreuzfahne – über ihm schwebt zwischen Wolken mit Engelsköpfen ein Engel, der einen Strahlenkranz mit dem Christusinitial trägt. Unter der Figur ist die Widmungsinschrift „fulmen Turcarum“ („Blitz/Kriegsheld gegen die Türken“) zu lesen.

» Ein Denkmal für den „Helden gegen die Osmanen“

Die barocke Figurengruppe aus Sandstein erhebt sich über einer kleinen gotischen Kanzel, von deren angeblich hölzernem Original Giovanni da Capistrano nach seiner Ankunft in Wien 1451 zum Kreuzzug gegen die Türken aufgerufen haben soll. Darüber hinaus wurde dem wohl bedeutendsten franziskanischen Wanderprediger des 15. Jahrhunderts ein wichtiger Anteil an der Rettung Belgrads (1456) und ‚der gesamten Christenheit‘ zugesprochen.

Ursprünglich stand die Kanzel frei am Stephansfriedhof in der Nähe des späteren Domhofes. Dementsprechend wurde sie auch dazu benutzt, um von ihr aus Leichenreden zu halten. Später wurde sie an die Dommauer gerückt. Heute befindet sich das Denkmal auf der Nordseite des Stephansdomes, genauer am Chor des nördlichen Seitenschiffs Richtung Schulerstrasse. Nach 1737 wurde auf die Kanzel eine Figurenkomposition gesetzt – entworfen von dem vielseitigen, in London geborenen Maler, Bildhauer, Medailleur und Graveur François Roettiers (1686–1742), ausgeführt vom Bildhauer Johann Joseph Resler (auch Ressler/Rößler/Roehsler; 1702–1772).

Über der steinernen Kanzel ist auf einer Marmortafel eine lateinische Inschrift zu lesen, die ins Deutsche übersetzt folgendes bedeutet:

Dem heiligen Johannes von Capistrano
vom Orden der Minderbrüder, die des heiligen Franciscus Regel einhalten,
dem wunderbaren Kirchenmann auf diesem steinernen Aufbau im Jahr 1451,
dem Licht des rechten Glaubens, dem Rächer der Häretiker,
der Türken Blitz kraft des allerheiligsten Namens Jesu,
der österreichischen Franziskanerprovinz und ihrem Gründer
hat der Konvent der Minderbrüder zum heiligen Hieronymus,
unterstützt durch den Beistand der Wohltäter,
mit Erlaubnis der Vorsteher von Kirche und Stadt
wiederhergestellt, erneuert
und ausgeschmückt durch Hinzufügung eines neuen Bildes
des so bedeutenden Helden gegen die Osmanen.
(Herzog 1740: 194; Übersetzung Johann Heiss)

» „Der auf einen Barbaren unter seinen Füßen tritt“

Der Franziskanerpater Placidus Herzog, Prior, Archivar und Chronist der Franziskanerprovinz Österreich, hat die Renovierung der Kanzel veranlasst und wohl auch an der Umsetzung und dem Programm des Denkmals für Giovanni da Capistrano mitgewirkt. Dafür erhielt er nach eigener Schilderung am 27. April 1738 die Genehmigung von Erzbischof Sigismund von Kollonitsch sowie am 7. Mai vom „berühmten“ Magistrat der Stadt Wien:

Schließlich wurde durch die lautere Freigebigkeit der dem Heiligen ergebenen Wohltäter die gesamte Kanzel nicht nur vor dem Verfall rechtzeitig auf hervorragende Weise gerettet, sondern auch mit einer gefeierten Statue des heiligen Johannes Capistrano (der auf einen Barbaren unter seinen Füßen tritt) und mit triumphalen Waffen der Türken, aus hartem Stein geschlagen, und mit den allerheiligsten Namen Jesu (der über dem Haupt des Heiligen zwischen vergoldeten Strahlen erglänzt) auf elegante Weise geschmückt. (Herzog 1740: 193)

Mit dem Einschub „sub pedibus Barbarum calcantis“, „der auf einen Barbaren unter seinen Füßen tritt“ (Herzog 1740: 193), verweist Pater Herzog auf das Programm, das ihm und dem Entwerfer der Figurengruppe, François Roettiers, vorschwebte: Der fallende Janitschare wurde als Barbar dargestellt: nicht Religion ist es, die ihn zum Gegner werden lässt, auch nicht Politik, sondern seine Primitivität, die in der Gestaltung der Figur dadurch zum Ausdruck kommt, dass der Krieger praktisch nackt ist und durch Bart und Frisur exotisch und fremdartig wirkt.

Eine Parallele zu dieser Darstellungsart bietet der Epitaph Starhembergs in der Schottenkirche: auch hier ist die Figur des Türken durch Nacktheit und exotische Haartracht und zusätzlich noch durch die Verwendung eines dunkleren Steins als Barbar gekennzeichnet. Folgt man den üblicher Weise vorgebrachten Datierungen, dann ist die Darstellung am Starhemberg-Epitaph um einige wenige Jahre älter (um 1725) als die über der Capistran-Kanzel (1738). Es gab also damals eine relativ kurze Zeitspanne, während der es möglich oder üblich war, sich von den osmanischen Gegnern dadurch abzugrenzen, indem man sie als „Primitive“ hinstellte, während zu anderen Zeiten andere Abgrenzungen üblich waren, etwa, indem Osmanen als gefährliche, brutale Kämpfer oder auch als wohlgerüstete Krieger dargestellt wurden.

Anders als beim Starhembergepitaph tritt (das lateinische Zeitwort „calcare“ heißt „treten, mit Füßen treten“) der Heilige im darstellerischen Programm der Figurengruppe über der Capistrankanzel auf dem Feind. Placidus Herzog und François Roettiers wandten hier ein weit verbreitetes Darstellungsmotiv an, bei dem der Sieger auf den Besiegten tritt: das Motiv nennt man „calcatio“ (von eben dem lateinischen Zeitwort „calcare“). Es stammt vielleicht schon aus dem alten Orient, auf jeden Fall verwendeten es byzantinische Kaiser und zahlreiche andere Sieger als Darstellung der völligen Unterwerfung des oder der Besiegten.

Die Symbolik dieser Darstellung ist relativ universal erschließbar und verständlich, lange Erklärungen dazu sind nicht nötig. Auch in ähnlicher Position, nämlich in und um Kirchen, ist das Motiv der „calcatio“ häufig zu finden, vor allem auf der iberischen Halbinsel, wo der Heilige Jakob (Santiago) über einen am Boden liegenden Araber (Moro) reitet: der Heilige heißt in dieser Darstellungsform Santiago Matamoros (der Mohrentöter).

» Die Kapistrankanzel wird 1738 feierlich geweiht

Am 22. Oktober 1738, am Tag vor Capistranos Gedenktag (seinem Todestag im Jahre 1456), erfolgte die feierliche Weihe des Denkmals zur Erinnerung an den Kriegshelden gegen die Türken (Historisches Museum der Stadt Wien 1997: 333; Dehio 2003: 199). Joseph Heinrich von Breittenbucher, der Hilfs(Diözesan)bischof von Wien, führte in diesem Rahmen eine öffentliche Prozession von der Franziskanerkirche (‚Kirche des heiligen Hieronymus‘) vorbei am Stephansdom zum Friedhof, auf dem die Kanzel stand. Die Prozession wurde von „Trompeten und Pauken“ begleitet.

Daraufhin predigte der Jesuit und Domprediger Franz Peickard. Dass Peickard hier als Prediger auftrat, zeigt die große Bedeutung, die man dem Ereignis beimaß, schließlich war Peickard einer der berühmtesten Prediger seiner Zeit in Wien; er hatte auch die Leichenrede für Prinz Eugen gehalten, als dieser am 21. April 1736 verstorben war. Peickards Rede anlässlich der Einweihung der Capistran-Kanzel muss, folgt man den Worten Herzogs, kurz danach gedruckt worden sein; sie blieb darüber hinaus in einer Predigtsammlung erhalten, die Peickard 1743 erscheinen ließ (Lob= Dank= und Leich=Reden, Verschiedener Jahren, In der Hohen Metropolitan-Kirchen Wie auch auf anderen allhiesigen Vornehmen Cantzlen in und ausser der Stadt vorgetragen …) Dort erscheint die Predigt als Nr. 18 unter den Lobreden (S. 189 – 196). Im Inhaltsverzeichnis (ohne Seitennummerierung) wird die Rede auf folgende Weise charakterisiert:

Gehalten auf dem Kirch=Hof der Metropolitan-Kirchen zu St. Stephan, an der steinernen Cantzel, auf welcher vor Zeiten ermeldter Heiliger geprediget, als ersagte Cantzel von dem Seraphischen Orden mit einem prächtigen Umfang gezieret, und hoch=feyerlich das erstemal entdecket worden ist; den 22. October 1738. (Peickard 1743: n.p.)

Im Verlauf der Lobrede zeigt sich Peickard verhältnismäßig wenig an Polemik gegen die Türken interessiert, vielmehr geht es um Giovanni da Capistranos Rolle als Helfer in der Not, in Krieg und vor in Krankheit: Pestepidemien verursachten damals vielerorts zahlreiche Todesfälle:

Dieser große Diener Gottes verdienet alle Hochachtung bey uns Wiennern; er hat unsere Geburt=Stadt besuchet in dem Jahr 1451. er hat sie mit Lehr und Wunder angefüllet; er hat unsere Länder geschutzet vor dem Erb=Feind; er hat sie befreyet von vielen Kranckheiten, Unglück, und Abentheuer. Morgen begehen wir sein jährliches Ehren=Fest, anheut die feyerliche Weyh seiner ihme aufgerichteten Bild=Saulen; ich stehe an dem Orth, wo er vor dreyhundert Jahren selber geprediget; ich solte ihme allhier eine Ehren=Rede verfertigen, wo er vor die Ehre Gottes so viel geredet hat; ich solte ihn zu einem Vorbitter machen in gegenwärtigen Kriegs= und Pest=Gefahren, wo er schon vor Zeiten sich einen solchen erwiesen hat. Was Rath? was Mittel? (Peickard 1743: 190)

Gegen Ende seiner Rede bezieht sich Peickard auf die Darstellung Capistranos“ als eines Obsiegers deren Feinden“ und gibt damit auch seine Deutung des Motivs der calcatio:

Billig demnach wird uns die neue Bildnuß des Heiligen Joannis Capistrani anheunt von seinem Seraphischen Orden so zierlich vor Augen gestellet, als eines Obsiegers deren Feinden, als eines Vermittlers aller Kranckheiten, auf daß wir mit Trost und Hoffnung von dem Himmel seiner Vorbitt gewärtig seyn, wie unsere Vor=Eltern seiner Hülff hier auf Erden genossen. (Peickard 1743: 196)

Nach der Predigt wurde das Denkmal durch Joseph Heinrich von Breittenbucher feierlich geweiht. Im Anschluss an die Segnung sang der Chor der Franziskanerbrüder die Antiphon „O Zelator Fidei etc“. Danach nahm eine neuntätige Andacht in der Franziskanerkirche ihren Anfang, beginnend mit einem vollkommenen Ablass durch Papst Clemens XII. Zu Ehren des heiligen Capistran wurde täglich am Morgen ein Segen und abends „unter größter Anteilnahme des Volkes“ die Lauretanische Litanei gefeiert, um seine Hilfe für den wenig erfolgreich verlaufenden Türkenkrieg Kaiser Karls VI. (7. Österreichischer Türkenkrieg, auch Russisch-Österreichischer Türkenkrieg bzw. 5. Russischer Türkenkrieg 1736/37–1739 ) sowie gegen die andauernde Pest in Ungarn zu erbitten (vgl. Herzog 1740: 193).

Im Kriegsjahr 1945 wurde das Denkmal stark beschädigt und schließlich 1956 im Auftrag der Niederösterreichischen Landesregierung restauriert (vgl. Historisches Museum der Stadt Wien 1983: 333f; Tietze 1931: 368 ).

» War die Originalkanzel aus Holz oder aus Stein?

Die kleine gotische Freikanzel, von der aus Giovanni da Capistrano in Wien gepredigt haben soll, war angeblich aus Holz. Ihre steinerne Nachbildung wurde vor 1737 mit der beginnenden Aufhebung des Friedhofs an den Dom gerückt und noch im selben Jahr auf Kosten des Franziskanerordens renoviert. 1880 drohte die Kanzel „aus den Fugen zu geraten“, weshalb sie abgetragen und neu aufgestellt wurde. Ein großer Teil des ursprünglichen Materials wurde dabei nicht wiederverwendet (vgl. Tietze 1931: 368).

Es gibt jedoch Diskussionen darüber, ob die Kanzel bereits zu Capistranos Zeiten aus Stein war – was für die damalige Zeit untypisch wäre – oder ob das hölzerne Original erst später vermauert wurde. Die zweite Variante dürfte allerdings wahrscheinlicher sein, da in mehreren Quellen (wie z.B. auch bei Tietze 1931) von einer ‚steinernen Nachbildung‘ gesprochen wird. Pater Placidus Herzog jedenfalls bezeichnet die Kanzel als „Cathedra illa lapidea“ (Herzog 1740: 193), also „jene steinerne Kanzel“.

» Die Erinnerung an Capistrano lebt fort

1936 erschein die von Johannes Hofer verfasste wichtigste Biographie des Heiligen mit dem Titel „Johannes von Capestrano. Ein Leben im Kampf um die Reform der Kirche“. Die Reliquien Capistranos werden in Wien (Pfarre St. Johann Kapistran, gegründet im Jahr 1939) verwahrt.

Die Kirche St. Kapistran in der Forsthausgasse im 20. Wiener Gemeindebezirk wurde 1965 ihm zu Ehren geweiht. In der Franziskanerkirche im 1. Wiener Gemeindebezirk befindet sich ein Johannes-Capistran-Altar, in der Kirche St. Anton von Padua (Antonsplatz Wien X.) eine Statue Capistranos hinter dem Hochaltar (vgl. Csendes 1983: 54).

Zu Ehren des “Apostels Europas” (Papst Alexander VIII.) und ‚Retters des christlichen Abendlandes’ wurde am 30. März 1906 (Csendes 1983: 54) – als Bürgermeister Karl Lueger am Höhepunkt seiner Macht stand – die Capistrangasse im 6. Wiener Bezirk benannt. Die Theobaldgasse, die 1862 in Erinnerung an das unter Joseph II. aufgelöste St.-Theobald-Kloster – die erste Wiener Franziskanerobservanz – benannt wurde, befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Capistrangasse.

In St. Pölten und Salzburg sind Kirchen bzw. Pfarren nach dem Heiligen Kapistran benannt. In der Pfarrkirche im niederösterreichischen Katzelsdorf befindet sich nicht nur eine Statue des Heiligen, sondern auch eine Kanzel, welche jener des Stephansdoms motivisch stark ähnelt. Der Antoniusaltar der Pfarrkirche von Deutschlandsberg (Steiermark) zeigt den Heiligen Capistran (um 1702) als Türkensieger mit Schwert und turbanbedecktem Türkenkopf (Schweigert 1986: 398) Die Weltkirche feiert Capistranos Fest am 28. März (urspr. 23. Oktober) jeden Jahres.

» Literatur

BDA–Bundesdenkmalamt (Hg.) (2003): Dehio-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Band 1. Bezirk; Innere Stadt. Horn.

Csendes, Peter (1983): Erinnerungen an Wiens Türkenjahre. Wien/München.

Donin, Richard K. (1952): Der Wiener Stephansdom und seine Geschichte. Wien.

Frühwirth, Wolfgang: Johannes Kapistran, 17.09.2009.

Herzog, Placidus (1740): Cosmographia Austriaco-Franciscana… Köln.

Historisches Museum der Stadt Wien (Hg.) (1983): Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683. Katalog zur 82. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien. 5. Mai bis 30. Oktober 1983. Wien.

Historisches Museum der Stadt Wien (1997): 850 Jahre St. Stephan. Symbol und Mitte in Wien 1147–1997. Dom- und Metropolitankapitel Wien: 226. Sonderausstellung. 24. April bis 31. August 1997, Wien.

Hundsbichler, Helmut (1982): Johannes Kapistran. Franziskanische Observanz – Rettung Europas – Sachkultur. In: Katalog der Niederösterr. Landesausstellung: 800 Jahre Franz von Assisi. Franziskanische Kunst und Kultur des Mittelalters, Minoritenkirche, 15. Mai–17. Okt., Krems/Stein, 200–207.

Kodera, Peter (2006): Der Stephansdom. Hohenems.

Peickard, Franciscus (1743): Lob= Dank= und Leich=Reden, Verschiedener Jahren, In der Hohen Metropolitan-Kirchen Wie auch auf anderen allhiesigen Vornehmen Cantzlen in und ausser der Stadt vorgetragen …, Wien.

Schweigert, Horst (1986), Türkenmotive in der bildenden Kunst der Steiermark. In: Die Steiermark. Brücke und Bollwerk. Katalog der Landesausstellung. Schloß Herberstein bei Stubenberg. 3. Mai bis 26. Oktober 1986 (Veröffentlichungen des Steiermärkischen Landesarchivs 16), Graz, 392–403.

Tietze, Hans (1931): Geschichte und Beschreibung des St. Stephansdoms in Wien (Österreichische Kunsttopographie 23), Wien.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.