Mohács

Text: László Balogh

In der Schlacht bei Mohács schlug das osmanisches Heer unter Sultan Süleyman I. am 29. August 1526 die zahlenmäßig unterlegene ungarische Armee unter König Ludwig II. Jagiello vernichtend. Aus dieser Niederlage wurde später ein Mythos der nationalen Katastrophe konstruiert. Auf die verlorene Schlacht wurde die nahezu 150 Jahre währende Teilung Ungarns (1541–1686) sowie die Fremdherrschaft der Habsburger zurückgeführt. Tatsächlich haben die osmanischen Truppen jedoch nach der siegreichen Schlacht das Land verlassen und Zentralungarn (Buda) erst anderthalb Jahrzehnte (1541) später erobert, als der Habsburger Ferdinand I. die Herrschaft über ganz Ungarn an sich zu reißen versuchte.

Die siegreiche Schlacht der Kaiserlichen über die Osmanen von 1687 am nahe gelegenen Berg Harsány wurde später auch nach Mohács benannt. Unmittelbar darauf anerkannte die ungarische Ständeversammlung das Erbrecht der Habsburger auf die ungarischen Krone. Die Schlacht bildete somit den Auftakt für eine mehr oder minder absolutistische Herrschaft der Habsburger über Ungarn.

Die zweite Schlacht von Mohács vom 12. August 1687 heißt auch Schlacht von Nagyharsány oder Szársomlyó-Berg-Schlacht. Tatsächlich fand sie aber in der Nähe von Villány statt. Die Bezeichnung „Zweite Schlacht von Mohács” ist ein Hinweis auf die erste Schlacht, die den siegreichen Habsburgern gelegen kam. Das Schlachtfeld liegt etwa 25 km westlich von Mohács.

Im 19. Jahrhundert wurde die Schlacht bei Mohács (1526) unterschiedlich erinnert: 1848/49 als Aufruf zum nationalen Schulterschluss, nach 1867 als Lektion, die neu errungene nationale Selbständigkeit zu würdigen. In der Erinnerung überlagerte die erste Schlacht den von Habsburger Truppen erfochtenen Sieg des Jahres 1687, der im kollektiven Gedächtnis der Ungarn keine wesentliche Rolle mehr spielt.

» Gedenkkapelle am Schlachtfeld – Csatatéri emlékkápolna

Der Bischof von Pécs (Fünfkirchen) József Király ließ 1816 eine Kapelle im klassizistischen Stil zum Andenken an die Gefallenen beider Schlachten von Mohács erbauen. Sie wurde zwischen 1856 und 1860 umgebaut. Danach wurden zwei Bilder des Malers István (Stefan) Dorffmeister als Geschenk des Bischofs György Girk in der Kapelle angebracht. Das eine Bild erinnert an die Tragödie Ludwigs II. in der ersten Schlacht von Mohács (1526), das andere an die siegreiche „zweite Schlacht von Mohács” von 1687. 1817 richtete derselbe Bischof von Pécs József Király eine Stiftung ein, die sich zur Aufgabe setzte, jedes Jahr am 29. August in Mohács eine Gedenkmesse abzuhalten, bei der drei Predigten in ungarischer, deutscher und kroatischer Sprache gehalten werden sollten.

» Das Denkmal für Ludwig II. am angeblichen Schlachtfeld

Das älteste figürliche Mohács-Denkmal wurde 1864 vom Oberleutnant Soma Turcsányi am Bach Csele zum Andenken an den dort ertrunkenen ungarischen König Ludwig II. errichtet. Soma Turcsányi (1814–1894) stand als Oberleutnant im Freiheitskrieg von 1848–1849 auf Seiten der Aufständischen, wofür er zum Tode verurteilt wurde. Er floh aber aus Arad, wo die dreizehn aufständischen Honvéd-Generäle eingekerkert waren und hingerichtet wurden, um sich in der Nähe von Mohács niederzulassen. Das Denkmal, das ursprünglich nur aus einem Sockel bestand, zeigt jetzt einen schlafenden Löwen, der die Helden symbolisiert, die ihr Leben für die Verteidigung des Vaterlandes geopfert haben. Die Botschaft des Denkmals zielt eindeutig auf eine Parallelisierung zwischen Türken und Habsburgern. Wer hier die Helden sind, liegt auf der Hand: nämlich die Verteidiger der Freiheit Ungarns gegen Österreicher, Kroaten und Russen. Turcsányi hat das Denkmal auf eigene Kosten errichten lassen und sein Leben lang gepflegt. Der 1897 hinzugefügte Löwe stammt von dem Bildhauer György Kiss. Am 29. August 1899, dem Jahrestag der Schlacht, wurde das Denkmal mit einem Bronze-Relief versehen. Das Monument wurde zuletzt 1997 renoviert.

Die Inschrift des Denkmals – aus Károly Kisfaludys Gedicht „Mohács” – lautet:

Ott vergőde Lajos, rettentő sorsu királyunk,
Sülyedező lova érczhimzetü terhe alatt.
Hasztalanul terjeszti kezét; nincs, nincs ki segitse!
Bajnoki elhulltak, nincs ki feloldja szegényt! […]
És te virulj, gyásztér! a béke malasztos ölében,
Nemzeti nagylétünk hajdani sirja Mohács!

Auf Deutsch heißt das sinngemäß:

Dort litt Ludwig, unser König, dem ein schreckliches Schicksal widerfahren ist, sein Pferd versunken durch die Last seiner Rüstung, mit seinen Händen vergeblich nach oben greifend, aber niemand da, der ihm hilft; seine Helden sind gefallen, niemand ist da, der ihn hält […]. Blühe Du Platz der Trauer, in den Armen des gnädigen Friedens, großes Grab unserer nationalen Größe Mohács!

» Votivkirche – Fogadalmi templom

Der Bau einer Votivkirche und die Errichtung eines größeren Denkmals wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit den ungarischen Milleniumsfeiern 1896 projektiert. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es zwei landesweite Spendenaktionen, durch die eine größere Summe für den Bau einer Votivkirche gesammelt wurde. Im Zuge des Krieges und der darauffolgenden Inflation wurde das gesammelte Geld jedoch entwertet. Der nationale Charakter der Errichtung der Votivkirche fand darin Ausdruck, dass aus mehr als 3000 dörflichen und 52 städtischen Rathaushöfen sowie 25 Komitatsrathäusern je ein Kilo Erde entnommen, nach Mohács geschickt und in das Fundament verpflanzt wurde. Diese Aktion sollte die Einheit der Nation symbolisieren. Ursprünglich hätte die Kirche am 400. Jahrestag der Schlacht (1926) eingeweiht werden sollen. 1924 wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die einen Wettbewerb für den Bau ausschrieb. Der Budapester Architekt Aladár Árkay gewann die Konkurrenz, die Umsetzung seiner Pläne, die Errichtung des Bauwerks im byzantinischen Stil, war aber viel zu teuer, so dass sein Sohn die Pläne vereinfachen und überarbeiten musste. Die Grundsteinlegung fand genau am 400. Jahrestag der ersten Schlacht, am 29. August 1926, in Anwesenheit von Miklós Horthy (Reichsverweser von Ungarn) und Kunó Klebelsberg (Kultusminister) statt. Gyula Zichy, der Erzbischof von Kalocsa, zelebrierte die Festmesse. Mit dem Bau der Kirche wurde erst 1929 angefangen, die Weltwirtschaftskrise vergrößerte abermals die finanziellen Schwierigkeiten. Dennoch wurde die Kuppel 1933 fertiggestellt. Im Jahr 1940 weihte schließlich Ferenc Virág, der Bischof von Pécs, die Votivkirche ein. Die Arbeiten im Kircheninneren wurden erst später vollendet. Die Glasfenster mit Darstellungen ungarischer Heiliger wurden von Lili Sztehlo, eine berühmte Fensterglaskünstlerin und Frau des Architekten Aladar Árkay, sowie von Mihály Kolbe in den 1950er Jahren angefertigt. Jedes Jahr wird der 20. August – der Tag des heiligen Stephan – als offizieller nationaler Feiertag in der Votivkirche von Mohács feierlich begangen.

» Nationale Gedenkstätte Mohács - Mohácsi történelmi emlékhely

Im September 1960 entdeckte der Archäologe László Papp zwei – und später noch weitere –Massengräber am ehemaligen Schlachtfeld von Mohács. Damit lag die Frage nahe, was mit den Gräbern passieren sollte. Mit ihrer Auffindung stellte sich erneut die Frage nach dem Stellenwert von Mohács in der ungarischen Geschichte, die auch von Historikern wie István Nemeskürty, Géza Perjés, Jenő Szűcs und Ferenc Szakály im Rahmen einer umfassenden Mohács-Debatte zwischen 1966 und 1976 aufgegriffen wurde. Im Zuge dieser öffentlichen Diskussion wurde die Entscheidung über die Schaffung einer Gedenkstätte in Mohács getroffen. Das Nationale Naturschutzamt stellte das Gebiet unter Schutz. Mit der Errichtung der Gedenkstätte wurden der Komitatsrat von Baranya, die Ungarische Volksarmee und das Nationale Naturschutzamt befasst. Im Jahre 1974 wurde der berühmte Architekt György Vadász mit der Planung beauftragt; im Herbst dieses Jahres wurde sein Entwurf angenommen. Im folgenden Jahr begannen die Bauarbeiten mit Unterstützung und Finanzierung vom Komitat Baranya, der Stadt Mohács, dem Nationalen Naturschutzamt und 54 anderen Einrichtungen.

Die Gedenkstätte von Mohács wurde anlässlich des 450. Jahrestages der ersten Schlacht im Jahre 1526 südlich der Stadt errichtet. Den Eingang bildet ein Tor aus Bronze von József Pölöskei. Auf dem Friedhofsgelände liegen fünf Massengräber, wo etwa vierhundert Männerskelette bestattet sind. Zwischen den Gräbern stehen Statuen aus Holz von Ludwig II. (König von Ungarn 1516–1526), Tomori Pál (Feldherr des ungarischen Heeres), Sultan Sulejman und vielen anderen. Die Bildhauer, die diese Statuen schufen, waren Pál Kő, József Király, Sándor Kiss und István Szabó. Die Gedenkstätte wurde am 29. August 1976 von Gyula Ortutay, dem damaligen Kultusminister, eingeweiht.

2011 wurde die Gedenkstätte renoviert und mit einem kronenförmigen Empfangsgebäude versehen. Es wurde von dem jetzigen Präsidenten des Parlaments László Kövér und dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ungarns Péter Boros eingeweiht. Auch eine Dauerausstellung wurde eingerichtet. Nach unterschiedlichen Angaben hat die Gedenkstätte jährlich etwa 70.000–80.000 Besucher.

» Mohács literarisch

Zur Feier des Jahrestages 1826 erschien die Elegie „Mohács” von Károly Kisfaludy, die auch im Rahmen der Gedenkfeiern von 1926 und 1976 vorgetragen wurde.

Kisfaludy Károly: Mohács (zwei Ausschnitte)

„Mit Wehmut begrüße Dich, Du vom Heldenblut getränkter Trauerplatz,
Großer Friedhof einstiger nationaler Größe, Mohács!
Mit seinen Krähenflügeln umflog dich der rauhe Niedergang,
Und erstürmte die zerstörerische Kraft seines Zornes, (…)

Hősvértől pirosult gyásztér, sóhajtva köszöntlek,
Nemzeti nagylétünk nagy temetője, Mohács!
Hollószárnyaival lebegett a zordon Enyészet,
S pusztitó erejét rád viharozta dühe, (…)

Rückzug verursachte dies und grober Neid,
Unsere Einheit zerstört, unsere Kraft sank dahin.
Die zermürbende Kette überfiel so unsere Heimat
Nein! Nicht der Feind – ihr eigenes Kind fügte ihr Wunden zu.

Hajh! s ezt visszavonás okozá mind s durva irigység,
Egységünk törten törve, hanyatla erőnk.
A sorvasztó láncz igy készüle árva hazánkra;
Nem! nem az ellenség, ön fia vágta sebét.

1835 veröffentlichte Ferenc Kölcsey seinen Essay „Mohács”, 1847 erschien das Gedicht gleichen Namens von József Eötvös; im Mai 1848 schrieb Sándor Petőfi das Gedicht „Fekete-piros dal” (Schwarz-rotes Lied) über Mohács; 1908 verfasste Endre Ady das Gedicht „Nekünk Mohács kell” („Wir brauchen Mohács”).

Berühmte ungarische Dichter verfassten Gedichte über Mohács, darunter:

» Die Gedenkfeier von 1926

Der Bürgermeister von Mohács Dr. Lajos Margitay initiierte beim ungarischen Kultusminister ein Gesetz, durch welches das Andenken an die Schlacht von 1526 verewigt werden sollte. Die örtliche Gedenkkommission organisierte zwischen 20. August und 5. September Veranstaltungen im Rahmen eines Festprogramms in der Stadt anlässlich des 400. Jahrestages. Die Grundsteinlegung der Votivkirche am 29. August 1926 erfolgte in Anwesenheit von Miklós Horthy. Der Kultusminister Kunó Klebelsberg hielt die Festrede. Im August tagte der Stadtrat und erklärte den 29. August zu einem Trauergedenktag. Neben dem Hauptprogramm gab es zahlreiche Begleitveranstaltungen wie zum Beispiel Ausstellungen und Kongresse. Am Bach Csele, wo der ungarische König ertrunken ist, wurden von der Turanischen Gesellschaft (Turáni Társaság) Kränze niedergelegt. Die Turaner pflegen die Tradition einer Verwandtschaft mit den Turkvölkern und beanspruchten über sie die „geistige und wirtschaftliche Führung” (Spannenberger/Öze 2005: 340f.). Der türkische Botschafter Husrev Bey hielt eine Rede in türkischer Sprache, die von dem Presseattaché übersetzt wurde.

Die Neue Freie Presse von 30. August 1926 berichtete:

Die Feier in Mohacs. Telegramm unseres Korrespondenten. Budapest, 30. August.

Die Trauerfeier in Mohacs verlief überaus glänzend. In sechs Donaudampfern und in einer Reihe von Extrazügen wurden etwa 30.000 Personen nach dem einstmaligen Schlachtfeld von Mohacs gebracht. Es waren Reichsverweser Horthy, Erzherzog Josef, Erzherzog Josef Franz, Erzherzog Albrecht, Erzherzogin Anna, der päpstliche Nunzius Orsenigo, der Präsident der Nationalversammlung Bela Szitovsky, Kultusminister Graf Klebelsberg, General Alexander Algya-Pap und die Umgebung des Reichsverwesers erschienen. Außerdem war der Erzbischof von Kalocsa, Graf Julius Zichy, mit glänzendem geistlichen Geleite gekommen. Er zelebrierte die feierliche Messe. Die Nationalversammlung war außer durch den Präsidenten durch zwölf Abgeordnete vertreten. Ferner war der türkische Gesandte Husred Bey mit seinen Sekretären erschienen. Auf dem einstigen Schlachtfeld wurden Kriegsspiele veranstaltet. Um halb 9 Uhr traf der Reichsverweser mit seiner Begleitung auf dem Dampfer in Mohacs ein. Auf die Begrüßungen sagte er folgendes: ,Am heutigen Tage nimmt die ganze Nation an der Trauerfeier von Mohacs teil. Es möge dies eine pietätvolle Huldigung vor dem ruhmreichen Angedenken des heldenmütigen Königs und seiner tapferen Kämpfer sein. Der heutige Tag soll aber auch als Warnung an die Nation dienen, daß das Land in seinen Schicksalstunden der Eintracht und eines einheitlichen Willens bedarf.’

Nach der Messe hielt der Erzbischof Graf Julius Zichy eine Rede, in der er sagte: ,Das große Grab von Mohacs ruft der ungarischen Nation eine große Lehre zu, eine Lehre, die mit derjenigen von Trianon übereinstimmt. Der Katastrophe von Trianon ist der Niedergang des ungarischen Glaubens vorangegangen. Heute aber sehen wir die Morgenröte einer schöneren Zukunft, denn wir wollen eine weise Lehre aus Mohacs ziehen.’

Nach der Feldmesse hielt Kultusminister Graf Klebelsberg eine Gedenkrede, in der er sagte: ,Vor vierhundert Jahren zeigten sich die Fehler der ungarischen Rasse in ihrem vollen Maße. Diese Fehler finden sich auch heute noch in unseren Reihen und sie geben gleichzeitig die Erklärung dafür, wie sich von Zeit zu Zeit das Schicksal des Landes verschlechtern konnte, trotzdem das Volk auch glanzvolle nationale Tugenden besitzt. Die verlorenen Kriege sind in den meisten Fällen die logische Folge der verfehlten inneren und äußeren Politik der vorangegangenen Zeiten. Am charakteristischesten hierfür ist die Katastrophe von Mohacs. Wenn auch Trianon ein ebenso großes nationales Unglück bedeutet, so ist der Horizont heute doch nicht so düster wie damals.’

Eine Rede des türkischen Gesandten.

Sodann wurden die Notabilitäten zum Denkmal am Cselebach gebracht. Hier hielt im Namen der Turanischen Gesellschaft Erzherzog Josef Franz eine kurze Ansprache. Sodann ergriff der türkische Gesandte Husred Bey das Wort. Seine Rede wurde durch den Presseattaché Djewad Osman Bey verdolmetscht. Der türkische Gesandte sagte: ,Der Eingebung der Rassenverwandtschaft gehorchend, beginne ich meine Rede mit der Ansprache: ,Meine Brüder!’ Die Tatsache, daß ich zu dieser Nationalfeier eine Einladung erhalten habe und als Gesandter der türkischen Republik frei von politischen Hintergründen hier erscheinen konnte, bedeutet eine moralische Versöhnung gegenüber der Geschichte der beiden Nationen und ihrer großen Toten. Die in Europa vordringenden Türken waren in ihren Handlungen niemals durch religionsfeindliche Belleitäten geleitet. Wo der Türke sich festgesetzt hatte, legte er stets das Zeugnis weitgehender religiöser Toleranz ab. Es kann festgestellt werden, daß die Gegensätze zwischen den Brudernationen stets nur politischen Charakters waren. Indem ich mich vor dem Andenken der hier ruhenden ungarischen und türkischen Helden verneige, muß ich auch des großen Helden des ungarischen Freiheitskampfes Franz Rakoszy II. gedenken, dessen edle Gebeine lange Zeit in türkischer Erde ruhten und dessen ruhmreiches Andenken die türkische Brudernation auch heute pietätvoll bewahrt’.

Es folgte nun die Bekränzung des Denkmals. Als Erster hatte der Reichsverweser einen Kranz mit folgender Rede niedergelegt: ,Zwietracht und Uneinigkeit, das Fehlen der Disziplin, haben die Kraft unseres Volkes vernichtet und ganze Generationen ins Sklavenjoch gebeugt. Lange, schwere Zeiten sind seither vergangen, bis es neuerdings gelungen war, die Nation zu neuem Leben zu erwecken. Die späten Nachfahren haben infolge der Lehren der Vergangenheit es erreicht, daß nach langer Trostlosigkeit, nach einem so schweren Sturz die Auferstehung gekommen war. Aus dem einstigen Feind wurde ein guter Freund. Die Gegensätze zwischen den beiden verwandten Stämmen sind verschwunden und an ihre Stelle traten die verständnisvolle Freundschaft und die gegenseitige warme Sympathie. Von jenem guten Freund aber, mit dem wir an den südlichen Grenzen durch die einschneidenden Interessen der gemeinsamen Verteidigung so lange verbunden waren, haben uns später leider tiefgehende Gegensätze getrennt. Ich hoffe und glaube, daß auch hier die alte Freundschaft und das alte Einvernehmen sich bald wieder einstellen können.’

» Die Gedenkfeier von 1976

Der Gedenktag anlässlich des 450. Jahrestages der Schlacht fiel mit dem Tag der Eröffnung der nationalen Gedenkstätte in Mohács zusammen. Der Festakt begann mit Károly Kisfaludys Gedicht „Mohács”, vorgetragen von Tibor Bodor, einem Schauspieler aus Pécs. Die Festrede wurde vom damaligen Kultusminister und Ethnologen Gyula Ortutay gehalten. In ihr hob er dem Zeitgeist entsprechend die verantwortungsvolle Regierung und den Bund der arbeitenden Klassen gegenüber der zu Mohács führenden Verfallsgeschichte hervor. Der Stadtrat legte auch einen Kranz für die 1400 polnischen Opfer nieder. Aus diesem Anlass wurde das Drama „A hollószárnyú enyészet” („Ruin auf Rabenflügeln”) von István Nemeskürty im Nationaltheater von Pécs uraufgeführt. Am 27./28. August veranstaltete die Ungarische Historische Gesellschaft (Magyar Történelmi Társaság) zum 450. Jahrestag eine Tagung im Gedenken an Mohács. Der Regisseur János Rózsa drehte einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Csatatér” („Schlachtfeld”) über die Debatten zur Errichtung der Gedenkstätte in Mohács.

Ortutay Gyula sagte:

Eine verantwortungsvolle Führung, in einem verantwortungsvollen brüderlichen Bund mit der arbeitenden Klasse sowie bestimmte zentrale, nationale Ziele charakterisieren die heutige Geschichte unseres Landes. […] Mohács lehrte uns auch, dass vor dem Eigeninteresse und den persönlichen Vorrechten das Interesse einer kleineren und größeren Gemeinschaft oder das Interesse der gesamten Nation steht. […] Wenn wir aus der Tragödie von Mohács etwas lernen müssten, können wir lernen, wie groß und unvermeidlich die Verantwortung der herrschenden Klasse ist. Diese Verantwortung kennt und nimmt unsere Arbeiterklasse an, im Bund mit der Bauernklasse und im Bund mit den aus ihr hervorgegangenen und für sie arbeitenden Intellektuellen. […] Die Erinnerung an Mohács erweckt das Bewusstsein, dass das heutige Ungarn nicht mehr allein ist, und keine verlassene Nation ist. Es ist ein Anteil des Bundes der sozialistischen Nationen, nicht mit den Befürchtungen eines kleinen Volkes, sondern mit der Sicherheit eines gleichberechtigten sozialistischen Verbündeten.

» Die Feier im Jahr 2011

Am 29. August 2011 jährte sich Mohács zum 485. Mal. Anlässlich der Renovierung der Gedenkstätte wurde ein neues kronenförmiges Empfangsgebäude – worin sich eine Dauerausstellung befindet – vom Präsidenten des ungarischen Parlaments, László Kövér, und dem damaligen Ministerpräsidenten Ungarns, Péter Boros, eröffnet.

Kövér meinte im Jahr 2011 in seiner Festrede:

Wir verdanken unser Sein, unser Vaterland und unsere Kultur der Tatsache, dass die Besseren in den 36 vergangenen Menschenaltern letztendlich immer in der Mehrheit waren. Es gab immer genug Leute, die bereit waren, Opfer zu bringen, um alles wieder aufzubauen, was Unglück, fremde Kräfte und die unter uns weilenden Liederlichen, Feiglinge, Selbstsüchtigen und Verräter zerstörten. […] Heutzutage werden im Land keine Kriege mehr geführt, das Land wird nicht mehr von Okkupationstruppen mit Füßen getreten, weil der Kampf nicht mehr auf dem Feld und mit Waffen geführt wird. Es soll kein Zweifel bestehen, dass sichtbare und unsichtbare Mächte das Land heute noch vor schicksalshafte Herausforderungen stellen. Herausforderungen bestehen jetzt in nichts weniger als in Unterwerfung oder Unabhängigkeit, in Elend oder Wohlfahrt, in neuem Joch oder Freiheit.

Kövér stellte die Frage, ob diejenigen in der Mehrheit bleiben werden, die dem Befehl der Eintracht gehorchend bereit sind, Opfer für das Vaterland zu bringen. Er betonte:

Wir müssen darin sicher sein, dass die Standhaftigkeit der Ungarn das Land für die Nachkommen wieder rettet. Es wird solche geben, die die zähe, anständige, für den Sieg bestimmte Gesinnung der Ungarn in sich tragen und weitergeben, und es wird solche geben, die diese Gesinnung trotz aller Schwierigkeiten fortführen, damit Ungarn wieder ein starkes, wohlhabendes und selbstsicheres Land wird.

Ministerpräsident Péter Boros meinte in seiner Rede: „Erlauben wir nie wieder, dass krankhafte geistige Schädigungen uns antreffen und heben wir unseren Kopf so hoch, wie wir es angesichts unserer historischen Erfolge und des wunderbaren Überlebens mit Recht verdienen.“

Als literarischer Erinnerungsort fungierte Mohács seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Sinnbild für eine nationale Tragödie. Mohács als Topos der nationalen Erinnerung war immer mit dem Verlust alten Ruhms verbunden und daher auch Ausgangspunkt einer ungarischen Verfallsgeschichte, die bis in die jeweilige Gegenwart reichte. Das macht Mohács als Symbol für verschiedene politische Zwecke einsetzbar. Daraus ergibt sich, dass in Mohács Vergangenheit und Gegenwart nie wirklich getrennt erscheinen. Es wurde sozusagen ort- und zeitlos.

» Literatur

Ady Andreas. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 , Bd. 1 (Lfg. 1, 1954). S. 8, 30.03.2012.

B. Szabó, János (Hg.) (2006): Mohács. Budapest.

Eötvös, Joseph Baron. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 , Bd. 1 (Lfg. 3, 1956). S. 256, 30.03.2012.

Index (29.8.2011): Metrólejáró épült a Mohácsi csata helyszínén, 15.12.2011.

Kovács, Gábor (1996): A mohácsi történelmi emlékhely. Szimbolikus harc a történelmi emlékezetért. In: Hofer, Tamás (Hg.): Magyarok Kelet és Nyugat közt. A nemzettudat változó jelképei. Budapest. S. 283–303.

Kovács, Gergelyné (2009): Megfogyatkozva. Kovács Gergelyné kultúrtörténésszel beszélget Dvorszky Hedvig. Budapest.

Kovács, Gergelyné (1980): Mohács – Sátorhely – Történelmi emlékhely. Tájak, korok, múzeumok kiskönyvtára, TKM Egyesület.

Kölcsey Ferenc. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950 , Bd. 4 (Lfg. 16, 1966). S. 32f., 30.03.2012

Magyar Nemzet Online (28.08.2011): Újjáépítik, amit a köztünk élő léhák és árulók leromboltak, 15.12.2011.

Népszabadság Online (28.08.2011): Kövér az idegen erőkről és a köztünk élő léhákról, 15.12.2011.

Neue Freie Presse (30.08.1926): Die Feier in Mohacs. Telegramm unseres Korrespondenten, 15.12.2011.

Ortutay, Gyula (1976): Mohács emlékezete. Elhangzott a Mohácsi Történelmi Emlékhely felavatásán In: B. Szabó, János (Hg.) (2006): Mohács. S. 537–542.

Rózsás, József (1995): A mohácsi Fogadalmi emléktemplom. Mohács.

Sinkó, Katalin (2001): Kontinuitás vagy a hagyomány újrateremtése? Történeti képek a 19. században. In: Glatz, Ferenc (Hg.): Közgyűlési előadások 2000. Millenium az Akadémián 1. Band, Budapest. S. 317–330.

Spannenberger, Norbert/ Őze, Sándor (2005): “Wir brauchen Mohács!” Historiographie und politische Instrumentalisierung der Erinnerung an eine nationale Niederlage in Ungarn. In: Clewing, Konrad/ Schmitt, Oliver Jens (Hg.): Südosteuropa. Von moderner Vielfalt und nationalstaatlicher Vereinheitlichung. Festschrift für Edgar Hösch. München (Südosteuropäische Arbeiten 127). S. 327–349.