Öhling, Öhlermüllerkapelle

Text: Simon Hadler

Die Geschichte von der Öhlermüllerin gehört zu den bekanntesten ,Türken‘-Sagen im niederösterreichischen Mostviertel. Sie erzählt von der Entführung und Rückkehr dreier Frauen aus osmanischer Gefangenschaft. Zwei Denkmäler erinnern noch heute an diese Begebenheiten: ein Marterl bei Ludwigsdorf und die so genannte Öhlermüllerkapelle in Öhling.

» Die Legende

Die meisten Versionen der Geschichte von der Öhlermüllerin spielen im Jahr 1529, als „türkische Horden [...] das Land am rechten Donauufer bis Enns und an die steirische Grenze [verwüsteten], überall Schrecken verbreitend. Die Landbewohner suchten in den Burgen, befestigten Städten und im Gebirge Schutz gegen die räuberischen Barbaren, welche ihren Weg mit Mord und Brand bezeichneten.“ (Heimerl/Mayrhofer 1928: 46) Solche und ähnliche Formulierungen finden sich auch in späteren Varianten der Erzählung: „Am selben Tage wie in Amstetten traf auch im freundlichen Orte Öhling eine wilde Türkenhorde ein. Diese überritten [sic!] johlend die Türkensperren, die Häuser wurden in Schutt und Asche gelegt, die Männer getötet, viele Frauen gerieten aber in türkische Gefangenschaft.“ (Bauer 1982: 178) Unter diesen Gefangenen befand sich auch die Frau des Öhlinger Müllers sowie die „Reintaler Tini“ und die „Empfinger Lisi“ (Steinkellner 1983: 33). Fast acht Jahre verbrachten sie im Osmanischen Reich, ehe sich ihnen bei einem Erdbeben die Gelegenheit zur Flucht bot. Das Marterl bei Ludwigsdorf soll jenen Ort bezeichnen, an dem sich die drei Frauen voneinander trennten. Die Öhlermüllerin, geschwächt von den Strapazen der Gefangenschaft und Flucht, fand jedoch ihren Mann mit einer anderen Frau verheiratet vor. Angesichts ihres schlechten Gesundheitszustandes verzichtete sie aber auf ihr Vorrecht und starb kurze Zeit später. (Bauer 1982: 178f)

» Der historische Kern

Der Lokalhistoriker Franz Steinkellner überprüfte den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung. Den Ausgangspunkt seiner Untersuchungen stellte das so genannte Sonntagberger Gnadenbüchl dar. Darin fand er folgenden Eintrag:

Anno 1690. Auß 5-jähriger Gefangenschafft kombt wunderbarlich in die Freyheit ein Müllnerin. Susanna Pilsingerin ein Müllnerin, wird in der Tartarischen invasion, so geschehen als man Zehlete 1683. in die strenge Dienstbarkeit hinweggeführt, welche auf die 5. Jahr hat getauret… Seufftzete demnach zu dem gnadenquelenden Brunn der allerheiligsten Dreyfaltigkeit auf den Sontagberg, macht dahin ein Gelübd, und sehet! auß disen Brunnen fliesset ihr reichlich das verlangte Gnaden Wasser, und komt hierdurch auß der langwürigen Gefangenschaft auf freyen Fuß, und Gang. Zum Danck hat sie sambt ihren Mann Martin Pilsinger, in der Oelling-Müll auß Aßpöcker Pfarr ein Opffer-Gemähl anhero machen lassen. (zit. n. Steinkellner 1983: 35)

Demnach fand die Entführung der Susanna Pilsinger, der Öhlermüllerin, im Jahr 1683 (und nicht 1529) statt. Nach ihrer Rückkehr stiftete sie gemeinsam mit ihrem Mann der Basilika am Sonntagberg ein Votivbild. Diese Kirche war von den Streifzügen osmanischer Soldaten unberührt geblieben, was sie in weiterer Folge als unter einem göttlichen Schutz stehend erscheinen ließ: „Daher sind in dieser Kirche die wichtigsten und schönsten Votivbilder niederösterreichischer Orte sowie der Stadt Wien aufgehängt worden.“ (Gutkas 1983: 6)

Von einer neuerlichen Eheschließung des Öhlinger Müllers konnte jedenfalls nicht die Rede sein und Franz Steinkellner resümiert:

Unsere Volkserzählung hat also die zwei an sich getrennten Komponenten a) der Rückkehr der drei geraubten Frauen aus der türkischen Gefangenschaft und b) die mögliche Wiederverehelichung des Mannes mit besonderer Erlaubnis des Bischofs und der daraus sich ergebenden möglichen Konsequenzen miteinander verwoben und dabei langsam auch die tatsächliche Jahreszahl verwechselt. (Steinkellner 1983: 40)

» Das Marterl bei Ludwigsdorf

Das unscheinbare Denkmal befindet sich westlich von Ludwigsdorf im Gemeindegebiet Zeillern an der Wiener Straße (B1). Es besteht aus einem Holzpfahl mit einem durch ein Eisengitter verschlossenen Holzkasten. Darin ist eine bemalte Blechtafel zu sehen, mit einer Abbildung des Sonntagberger Gnadenstuhls im oberen Drittel und einer Darstellung der drei Frauen in der Mitte. Am unteren Ende erinnert ein Text an die Geschichte der Öhlermüllerin:

Im Jahre 1683 wurden 3 Frauen, darunter die oftmals genannte Öhlermüllerin, von den Türken verschleppt und in Konstantinopel 6 Jahre zurückgehalten. Es gelang ihnen zu fliehen und nach einjähriger Wanderung erreichten sie die Heimat. Hier schieden sie voneinander. Zum Dank für ihre glückliche Heimkehr stiftete Susanna Pilsinger, die Öhlermüllerin, ein Votivbild zur Hl. Dreifaltigkeit auf den Sonntagberg. Sie überlebte ihren Mann Martin, ehelichte den Martin Neydorfer und starb am 20. Dez. 1729 im Alter von etwa 72 Jahren.

In den Text sind offensichtlich bereits die Erkenntnisse Franz Steinkellners eingegangen und tatsächlich ist auf älteren Abbildungen eine Tafel zu erkennen, auf denen zwar dieselben Motive zu sehen sind, allerdings in deutlich schönerer Ausführung. Auch die Inschrift war eine andere:

Im Jahre 1529 wurden 3 Frauen, darunter die oft genannte Öhlermüllerin, von den Türken verschleppt und in Konstantinopel 6 Jahre zurückgehalten. Es gelang ihnen zu fliehen und nach einjähriger Wanderung erreichten sie die Heimat. An dieser Stelle erblickten sie wieder tief erschüttert die Stätten ihrer Kindheit und Jugend. Hier schieden sie voneinander. Zwei von ihnen erlagen bald den Folgen der schweren seelischen u. körperlichen Leiden. (Werner 1966: Bilderatlas)

Nach Steinkellner wurde die alte Blechtafel 1945 von der Amstettner Malerin Anna Tschadesch renoviert, „weil die alte Tafel mehrere Einschüsse einer russischen MP aufwies.“ (Steinkellner 1983: 33) Die aktuelle Tafel wurde erst nach der (Erst-)Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse (1983) montiert, doch auch sie ist – wie das übrige Marterl – bereits wieder in einem desolaten Zustand. An einer Restaurierung wird derzeit gearbeitet.

» Die Öhlermüllerkapelle

Die so genannte Öhlermüllerkapelle, eigentlich ein Nischenbildstock, wurde wohl im 18. Jahrhundert errichtet. (Bundesdenkmalamt 2003: 1606) Sie befindet sich hinter dem Vereinsgebäude des Musikvereins Mauer-Öhling. In ihrem Inneren ist eine Mariendarstellung mit Kind zu sehen, oberhalb der mit einem Gittertor aus Gußeisen versehenen Öffnung stellt außerdem ein kleines Bild die Entführung der Öhlermüllerin dar. Auch dieses Denkmal wurde kürzlich (Mai 2013) restauriert und die dazugehörige Inschrift auf den neuesten Stand gebracht: „Gefangennahme der Mühlbesitzerin durch die Türken im Jahre 1683“

» Wie eine Legende in Erinnerung bleibt

Die Geschichte von der Öhlermüllerin und ihren Begleiterinnen wurde im Laufe der Zeit immer wieder abgedruckt oder als Schauspiel auf die Bühne gebracht. Franz Steinkellner berichtet von einer Kalendergeschichte aus dem Jahr 1889 (Steinkellner 1983: 35), zu finden ist sie auch in einer Kurzfassung in einem Amstettner Heimatbuch des Jahres 1928 (Heimerl/Mayrhofer 1928: 47) sowie in der Serie „Ostmark in Flammen!“, die im Ostbahnboten anlässlich des Jubiläumsjahres 1933 erschien. (Ostbahnbote 30.07.1933: 6) 1926 verarbeitete der Winklarner Pfarrer Josef Brückler das Thema zu einem Theaterstück, später tat dies auch Josef Schadenhofer aus Zeillern. (Steinkellner 1983: 33)

2003 fand die Geschichte der Öhlermüllerin Eingang in eine Ausstellung der Malerin Susanne Steinbacher in der Galerie „kulturpendel“ in Waidhofen a. d. Ybbs mit dem Titel „Stilles Leben – Frauen bewegen“. Unter den darin thematisierten Mostviertler Frauen ist auch Susanna Pilsinger zu finden. (vgl. Steinbacher/Hauenfels 2003: 12f)

Die aktuellste Bearbeitung des Stoffes wird im Frühling 2013 zur Aufführung gebracht: „Die Öhlermüllerin. Dramatisches Singspiel in vier Akten“ des „ensembles vocapella“ unter Leitung von Ernst Brandstetter feiert am 29. Mai im Festsaal des Landesklinikums Mauer Premiere. Im Zuge dessen soll das Marterl bei Ludwigsdorf restauriert und eingeweiht werden. (Brandstetter 2013)

» Literatur

Bauer, Josef (1982): Die Türken in Österreich. Geschichte Sagen Legenden. St. Pölten.

Brandstetter, Ernst (2013): Email an Johann Heiss, 22.02.2013.

Bundesdenkmalamt (Hg.) (2003): Niederösterreich südlich der Donau. Teil 1. A bis L (= Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs). Horn, Wien.

Gutkas, Karl (Hg.) (1983): Niederösterreich im Türkenjahr 1683. Veranstaltet vom Museumsverein Pottenbrunn in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum St. Pölten. 26. März bis 30. Oktober 1983 im Österreichischen Zinnfigurenmuseum Schloß Pottenbrunn/St. Pölten. St. Pölten.

Heimerl, Josef; Mayrhofer, J[ohann] N[epomuk] (1928): Die Stadt Amstetten. Ein Heimatbuch. Amstetten.

Ostbahnbote (30.07.1933): Ostmark in Flammen! Bilder aus den Türkenkriegen. Die Verwüstung Niederösterreichs südlich der Donau zwischen Traisen- und Ennstal durch die Türken 1529. 6.

Steinbacher, Susanne; Hauenfels, Theresia (2003): Stilles Leben – Frauen bewegen. Vierzehn Frauenportraits aus dem Mostviertel. Waidhofen an der Ybbs.

Steinkellner, Franz (1983): Die Öhlermüllerin – Volkserzählung und geschichtliche Realität. In: Waidhofner Heimatblätter. Jg. 9. 33–40. (Online-Version, 28.02.2013)

Werner, Ernst (Hg.) (1966): Österreichs Wiege. Der Amstettner Raum. Geschichte des politischen Bezirks Amstetten und der Statuarstadt Waidhofen an der Ybbs. Amstetten, Waidhofen an der Ybbs.