Perchtoldsdorf, Türkenkreuz

Text: Simon Hadler

Das so genannte Türkenkreuz, ein steinerner Tabernakelbildstock, steht in Perchtoldsdorf an der Ecke Brunner Gasse und Schremsgasse. Es entstand in seiner heutigen Form vermutlich um 1700 und erinnert an die weitgehende Zerstörung des Ortes durch osmanische Truppen im Juli 1683. Je nach Legende bezeichnet es den Platz, an dem die Opfer begraben wurden oder an welchem dem befehlshabenden Pascha der Kaffeelöffel weggeschossen wurde.

» Das Türkenkreuz erhält eine neue Bedeutung

Im Juli 1683 wurde Perchtoldsdorf von osmanischen Streifscharen angegriffen. Nach kurzer Belagerung der Kirchenfestung kam es zu Verhandlungen, zur Zahlung eines Lösegeldes und der Entwaffnung der Bürger. Danach wurde ein Teil der Bevölkerung ermordet und gefangen genommen. An diese Ereignisse erinnert das Türkenkreuz heute, jedoch dürften Sockel, Schaft und Platte des Denkmals bereits älter sein. Der Architekt und Perchtoldsdorfer Altbürgermeister Paul Katzberger nimmt an, dass das Türkenkreuz

auf einer Pestgrube, Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet wurde. […] Im Zuge der Türkenbelagerung 1683 wurde die steinerne Laterne der Totenleuchte zerstört. Ende des 17. Jahrhunderts wurde sie durch die Errichtung eines mit Ziegeln gemauerten barocken Bildstock-Aufsatzes sowie unter Verwendung des ehemaligen gotischen Bügelhelmes wieder hergestellt. (Katzberger 1998: 88)

Die Bilder, die sich ursprünglich im Aufsatz des Bildstocks befunden haben, sind heute nicht mehr vorhanden.

» Der Kaffeelöffel des Paschas

Zum Perchtoldsdorfer Türkenkreuz gibt es im Wesentlichen zwei Erzählungen. Zum einen soll es jenen Ort bezeichnen, an welchem die 1683 getöteten Bewohner bestattet wurden (Hula 1948: 38). Zum anderen sagt eine Legende, dass hier die gegnerischen Truppen ihren Lagerplatz gehabt haben:

Da soll nun, der Sage nach, eines Vormittags der befehlshabende Pascha willens gewesen sein, auf einem reichgestickten Teppich sitzend, sein Frühstück einzunehmen; soeben wollte er sich einen Löffel voll köstlichen Mokka zum Munde führen, als eine vom Turme aus abgeschossene Kugel ihm den Löffel aus der Hand riß. Darüber erbost, erhob er sich und gab sofort Befehl, Perchtoldsdorf zu stürmen und schwur den Perchtoldsdorfern fürchterliche Rache. (Calliano 1924: 106)

Im angeblichen Bericht eines Dolmetschers der Feldkanzlei des Fürsten Apafy von Siebenbürgen, der in italienischer Sprache verfasst wurde, ist ebenfalls von einer Rast des Paschas Hassan die Rede:

Als wir außer dem Orte auf eine Anhöhe gekommen waren, wo eine Säule steht, gebot der Pascha, Halt zu machen. Von hier aus sieht man den früher erwähnten, befestigten Ort mit dem großen Thurme vor uns liegen. (Schimmer 1847: 116)

Doch auch wenn dieser Text die Annahme stützt, das später als Türkenkreuz bezeichnete Denkmal habe schon länger existiert und es sei erst so genannt worden, seit an dieser Stelle osmanische Truppen lagerten, so sind dennoch Zweifel angebracht. Denn im Allgemeinen gilt der Bericht des Dolmetschers als wenig glaubwürdig. Möglicherweise ist er überhaupt erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden (Lacom 2009: 72).

» Literatur

Calliano, Carl (1924): Niederösterreichischer Sagenschatz. Baden.

Hula, Franz (1948): Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs. Ein Einblick in ihren Ursprung, ihr Wesen und ihre stilistische Entwicklung. Wien.

Katzberger, Paul (1998): Werke der Bildhauerkunst und Kleindenkmäler in Perchtoldsdorf. Mit einem Beitrag von Otto Riedel. Perchtoldsdorf.

Lacom, Harald (2009): Niederösterreich brennt! Tatarisch-Osmanische Kampfeinheiten 1683. Wien.

Schimmer, Karl August (1847): Wien seit sechs Jahrhunderten. Eine chronologische Reihenfolge von Thatsachen, Begebenheiten und Vorfällen in Wien von 1200 bis auf die neuere Zeit, mit einer quellengetreuen Darstellung des öffentlichen und geselligen Lebens in dem alten Wien und Nachrichten über die aufgehobenen Klöster und verschwundenen Gebäude der Stadt und den Vorstädten. Wien.