St. Marein, Kirche St. Martha

Text: Marion Gollner

Nicht der ‚Türkeneinfall‘ des Jahres 1480 gab – wie in zahlreichen Sagenbüchern behauptet – Anlass zur Errichtung der kleinen Filialkirche St. Martha im Bezirk Knittelfeld, sondern ein Gelübde, das der damalige Dompropst zu Seckau aus Dankbarkeit für die überstandene Pestepidemie abgelegt hatte. Von 1524 bis 1898 befand sich in der Kirche aber ein kostbarer Flügelaltar, der die Gottesmutter Maria auf einem Halbmond mit orientalischem Gesicht stehend zeigt. Heute befindet sich eine Kopie des Altares in der nahe gelegenen Pfarrkirche St. Marein, einem weiteren Erinnerungsort des obersteirischen ‚Türkengedächtnisses‘.

» Ein Gelübde anlässlich der überstandenen Pest

Auf dem so genannten Hochfeld des Mareiner Bodens, einem Hügel nördlich der Pfarrkirche St. Marein, soll sich seit dem Jahr 1466 eine kleine Kapelle befunden haben, die der damalige Seckauer Dompropst und Erbauer der Kirche von St. Marein, Andreas Ennsthaler (1436–1480), aus Dankbarkeit für die überstandene Pestepidemie errichtet und der Heiligen Martha, Schutzpatronin gegen die Pest, geweiht haben soll. Zu dieser Zeit sollen mehr als 700 Menschen der Pfarre St. Marein der Seuche zum Opfer gefallen sein. Bis zur Aufhebung des Augustinerchorherrenstiftes im Jahr 1782 (siehe Basilika Seckau) habe in der Fastenzeit, am so genannten „schwarzen Freitag“, jährlich eine Dankesprozession von St. Marein zur Kirche St. Martha stattgefunden (vgl. Roth 1951/52: 1). Eine ähnliche Prozession, die seit mehreren Jahrhunderten einmal im Jahr zum Dank für die überstandene Pest in St. Benedikten bei Knittelfeld abgehalten wird und bei der eine 15 Meter lange ‚Türken‘- bzw. Pestkerze mitgeführt wird, wird in Erzählungen ebenfalls mit dem Einfall der Osmanen 1480 in die Obersteiermark in Verbindung gebracht.

» Sagenhafte Gründung der Kirche

Dass die kleine Kirche St. Martha erst nach dem Einfall der Osmanen 1480 aus Dankbarkeit für die überstandene ‚Türkengefahr‘ errichtet wurde, ist allerdings ins Reich der Legenden zu verweisen. Gespeist wurde diese Annahme durch eine Mischung aus teils erfundenen, teils historisch belegten Erzählungen, wie sie von selbsternannten, größtenteils deutschnational gesinnten ‚Sagensammlern‘ wie Johann Krainz (Pseudonym: Hans von der Sann), Robert Baravalle und Franz Brauner niedergeschrieben bzw. ausgeschmückt und erweitert wurden. Dabei ist dem eigentlichen Kern der Sage zumeist eine Auflistung von Gräueltaten vorangestellt, die die Osmanen auf ihrem Weg durch die Obersteiermark verübt haben sollen:

So wird berichtet, dass die Osmanen zwar weder die stark befestigte Stadt Knittelfeld einnehmen, noch die Friedhofskirche St. Johann im Felde oder das Stift Seckau finden konnten, dafür aber umso grausamer in St. Marein hausten. Dort sollen sie die Kirche geplündert und in einen Pferdestall umgewandelt sowie das dort befindliche Marienbild zerhackt haben. Auch das nahe gelegene Schloss Prank (auch Prankh genannt), in das sich ein alter, im Kampf gegen die Osmanen verwundeter Ritter zusammen mit seiner Tochter Agnes und anderen Hilfesuchenden zurückgezogen hatte, fiel in die Hände der Osmanen. Kurze Zeit später wurden die Taten der „furchtbaren Osmanen“, wie Krainz (1880: 59) hinzufügt, aber „endlich“ gerächt. Denn der junge Sensenschmied Josef Penkh, Sohn des reichen Hammerherren Veit Penkh von Wasserleith, konnte Schloss Prank mit einer „Schar wackerer Landleute“ (ebd.) zurückerobern und einen „glänzenden Sieg“ (Brauner 1950: 98) gegen die Osmanen verzeichnen. „Wer nicht unter den Streichen der Christen fiel, wurde von den Bauern auf der wilden Flucht erschlagen oder ertrank in den hochgehenden Fluten der Mur“, so Baravalle (1936: 84). Während der „junge Held“ (Krainz 1880: 59) die Tochter des Ritters als Belohnung zur Frau bekam, erbaute sein Vater, der alte Besitzer von Schloss Wasserleith, „als Erinnerung an die glückliche Befreiung des Tales von den blutdürstigen Türken“ (Baravalle 1936: 84) auf einer Anhöhe zwischen Wasserleith und Schloss Prank das kleine Kirchlein St. Martha.

Interessant ist, dass ausgerechnet Baravalle, der den ‚Türkeneinfall‘ von 1480 so detailreich schildert, sich selbst in einer Publikation des Jahres 1961 widerspricht, indem er dort schreibt: „Im Jahre 1480 haben die Türken den Mareiner Boden überschwemmt und viele Bauerngüter zerstört, die Bauern erschlagen oder fortgetrieben. Das Schloss Prankh aber scheinen sie nicht einmal angegriffen zu haben.“ (vgl. Baravalle 1961: 300)

Einige Anhaltspunkte der Sage dürften sich jedoch auf wahre Begebenheiten beziehen. So lebte der besagte Veit Penkh (auch Pengg genannt) aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich zur Zeit des ‚Türkeneinfalls‘ von 1480 und soll den „Penkhof“ in Judenburg sowie ein Hammerwerk besessen haben. Er gilt als Begründer der bekannten Hammerwerks- und Industriellenfamilie Pengg (vgl. Stipperger 1968: 359). Auch eine Sensenschmiede soll sich ab dem Jahr 1463 in Wasserleith bei St. Marein (Knittelfeld) befunden haben, die ihre Produktion erst im Jahr 1912 einstellte (vgl. ebd.: 340) und vermutlich ein Mitgrund dafür war, warum das Stift 1142 von St. Marein nach Seckau übersiedelte (vgl. Demmer 1947: 81). Dem Historiker Ferdinand Tremel (1953: 37) zufolge handelt es sich dabei um die erste dokumentierte Sensenschmiede überhaupt. Zudem spielte der Handel mit steirischen Sensen, die aufgrund ihrer herausragenden Qualität weltweit begehrt waren, vor allem in Kriegszeiten eine wichtige außenpolitische Rolle. So wurde immer wieder versucht – unter anderem durch Einfuhrbeschränkungen nach Ungarn – zu verhindern, dass der „Erbfeind der Christenheit“ in den Besitz steirischer Sensen kam, um daraus Waffen zu erzeugen (vgl. ebd. 48).

» Luna Ottomanica

Auch wenn die Gründung der Kirche St. Martha mit dem ‚Türkeneinfall‘ von 1480 in keinem unmittelbaren Zusammenhang steht, so fand die Erinnerung daran dennoch in der Ausstattung der Kirche seinen Niederschlag. Der von Propst Gregor Schärdinger (1510–1531) in Auftrag gegebene und 1524 in einer Kärntner Werkstatt angefertigte spätgotische Flügelaltar war lange Zeit hindurch das wertvollste Schmuckstück der Kirche. Neben seiner allgemeinen kunsthistorischen Bedeutung ist der Flügelaltar aus dem 16. Jahrhundert auch in Hinblick auf das ‚Türkengedächtnis‘ der Region von Interesse. Denn das Besondere an diesem Kunstwerk ist, dass die Gottesmutter Maria, die das Jesukind auf dem Arm trägt und vom hl. Stephanus und dem hl. Georgius flankiert wird, auf einer Mondsichel steht, aus der, wie Roth (1950/51: 5) beschreibt, „ein menschliches Gesicht hervorschaut“. Es handle sich dabei nicht um irgendein Gesicht, sondern um einen „Mann im Mond, dessen Kopfbund an die orientalische Kopftracht erinnert; das Symbol der Türkengefahr – luna ottomanica – zu deren Abwendung die reinste Jungfrau von der Christenheit angerufen wird.“ (ebd.)

Die Beschreibung eines „osmanischen Halbmondes“, der von der Gottesmutter Maria, ‚Retterin der Christenheit‘, mit Füßen getreten wird, findet sich bereits in früheren Quellen. So berichtet der Seckauer Stiftschronist und Archivar Mathias Ferdinand Gauster (1699–1749) von einem „schön geschmückten Altar für die unerschrockene Jungfrau, die auf den osmanischen Mond tritt“ („aramque ornatissimam intemeratae virgini lunam Ottomanicam proterenti“) (zit. nach Roth 1951/52: 4; Übersetzung: Johann Heiss).

Eine ähnliche Beschreibung des Altars findet sich auch in den Aufzeichnungen des letzten Augustinerchorherren Kanonikus G. Scheidl aus dem Jahr 1792. Auch dieser berichtet, dass der besagte Propst Schärdinger „zu Ehren der unbefleckten Empfängnis Mariae, wie sie mit ihren Füßen den ottomanischen Mond zertritt, einen prächtigen Altar zum Zeichen des Marianischen Schutzes“ (zit. nach Roth 1951/52: 4) errichten ließ.

Als mögliche Inspirationsquelle für die Mariendarstellung am Altar könnte der Schlussstein des sogenannten Sternrippengewölbes in der Seckauer Stiftskirche gedient haben, der kurze Zeit nach dem folgenreichen ‚Türkeneinfall’ von 1480 gesetzt wurde (vgl. Roth 1951/52: 5 bzw. Martin Aigner’s BurgenSeite).

Nach Restaurierung des Flügelaltars 1898, die von Alexander Freiherr von Leutzendorf, dem damaligen Besitzer von Schloss Prank, finanziert und von Prof. Heinrich Schwab und dem Vergolder Wilhelm Sirach aus Graz durchgeführt wurde, wurde der Altar nicht mehr in der Kirche St. Martha, sondern in der Kirche St. Marein seitwärts vom Presbyterium neu aufgestellt (vgl. Roth 1951/52: 7). Dort wurde er im Jahr 1968 allerdings gestohlen und durch eine Kopie ersetzt.

» Literatur

Baravalle, Robert (1961): Burgen und Schlösser der Steiermark. Eine enzyklopädische Sammlung der steirischen Wehrbauten und Liegenschaften, die mit den verschiedensten Privilegien ausgestattet waren. Graz.

Baravalle, Robert (1936): Hochalmsagen. Sagen aus dem Mareinerboden, aus Seckau, der Graden und der Gaal. Graz.

Brauner, Franz (1950): Die Türken vor Prankh. In: Was die Heimat erzählt (Steirische Heimathefte). Judenburg und Umgebung. Knittelfeld und Umgebung, Heft 5, 82–84.

Demmer, Otto (1947): Das Sensenwerk Wasserleith. Werden und Vergehen eines alten Sensenwerkes zu St. Marein bei Knittelfeld. In: Blätter für Heimatkunde, 80–89.

Gemeindenachrichten St. Marein. Gestern – heute – morgen (1990). 4. Jahrgang. Nr. 2, 4.

Graus, Johann (1899): Der Kirchen-Schmuck. Blätter des christlichen Kunstvereines der Diöcese Seckau.

Krainz, Johann (1880): Mythen und Sagen aus dem steirischen Hochlande. Bruck an der Mur.

Martin Aigner’s BurgenSeite: Schlusssteine, 21.05.2012.

Roth, Benno (1964): Seckau. Geschichte und Kultur 1164 – 1964. Zur 800-Jahr-Feier der Weihe der Basilika. Wien.

Roth, Benno P. (1951/52): Der Flügelaltar von St. Marein bei Knittelfeld. In: Abteigymnasium Seckau (Hg.): Jahresbericht 1951/21. Seckau.

Stipperger, Walter (1968): Almanach des steirischen Berg- und Hüttenwesens. In: Mitteilungen des Museums für Bergbau, Geologie und Technik am Landesmuseum „Joanneum“ Graz. Heft 29. Graz, 395–407. (Online-Version)

Tremel, Ferdinand (1953): Steirische Sensen. In: Blätter für Heimatkunde. 27. Jahrgang, Heft 2. Graz, 37–56.