Lenaugasse, Türkenkopf

Text: Marion Gollner

In der Lenaugasse 3 in der Josefstadt befindet sich am Haus „Zum weißen Stern“ ein Türkenkopf über dem Eingangstor. Die finster blickende Gestalt mit Turban und mächtigem Bart entstand zu einer Zeit, als die Türkengefahr bereits gebannt war und diente vermutlich als ‚Trutzfigur‘, die Böses abwehren sollte.

» Die Geschichte des Bürgerhauses

Das Haus in der Lenaugasse 3 war das erste Bauwerk, das der Maurermeister Donato Felice d’Allio im Jahr 1711 erweiterte und als seinen Wohnsitz errichtete. Er setzte auf das ältere Parterre ein Stockwerk mit Dachgeschoß. Von hier aus hatte er freie Sicht auf jenen Abschnitt der Stadtbefestigung, der 1683 im Zentrum des Angriffs und der siegreichen Verteidigung Wiens stand (“Zauberhaufen”). Das Bürgerhaus in der Lenaugasse blieb bis ins Jahr 1800 im Besitz der Familie d’Allio. Seit 1984 besitzt die katholische Studentenverbindung Rudolfina (ÖCV) dieses “Zum Weißen Stern” genannte Haus.

Donato Felice d’Allio war um das Jahr 1698 von Italien (Como) nach Wien gekommen. Hier war er als Maurermeister tätig. Weiters wirkte er als Fortifikationsbaumeister, von 1711–1747 war er auch im Militärbauamt tätig. In Ungarn und Böhmen wickelte er Aufträge verschiedener adeliger und kirchlicher Bauherrn ab. D’Allio war auch Schüler des Barock-Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach, der den Auftrag für den Bau der Karlskirche erhielt. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen die Kirche und das Kloster der Salesianerinnen und der barocke Ausbau des Augustiner-Chorherrenstifts Klosterneuburg.

» Finster blickt der Türke

Der Türkenkopf an der spätbarocken Fassade des Bürgerhauses dient als Keilstein des Korbbogenportals. Auch wenn der Figur keine Inschrift beigefügt ist, lassen die äußeren Erkennungszeichen – der Turban, der lange stilisierte Bart und der grimmige Blick – keinen Zweifel daran, dass es sich hierbei um die Figur eines Türken handelt. Wie Witzmann festhält, handelt es sich dabei um eine gängige Darstellungsform:

Finster, fast drohend, blickt der Kopf vom Keilstein herunter. Ein solches Aussehen bestimmte den Typus ‚Türkenkopf‘ und wurde zum charakteristischen Merkmal, das immer wieder zu der Interpretationen führte, es handele sich um eine sogenannte »Schreck- und Abwehrgestalt». Doch all diese Türkenköpfe wurden in Wien erst nach 1683 gestaltet, also in jener Zeit, in der die Türken große Niederlagen und Verluste in Europa erlitten hatten und die Gefahr für Wien gebannt war. (Witzmann 1982: 291)

Im Jahr 1913 wurde im 15. Wiener Bezirk die Alliogasse nach dem Baumeister des Hauses Lenaugasse 3 benannt.

» Literatur

Artisti Italiani in Austria (AIA): ALLIO, Donato Felice D’, 30.11.2009.

Böhm, Jasmine (2001): „Türken-Images“ im öffentlichen Raum. Eine ethnologische Spurensuche in Wien. Diplomarbeit der Universität Wien.

Czeike, Felix (1994): Historisches Lexikon Wien. Band 3. Wien.

Andrea Maria Dusl (2001): “Gesichter, Gebisse, Stern und Turbane”. In: Falter 4, 55.

Faber, Elfriede/Sackmauer Ludwig (Hg.) (1983): 1683 – am Neubau und in der Josefstadt. Wien.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Witzmann, Reingard (1982): Türkenkopf und Türkenkugel. Einige Türkenmotive und Bildvorstellungen der Volkskultur aus dem 17. und 18. Jahrhundert. In: Historisches Museum der Stadt Wien (Hg.): Die Türken vor Wien. Europa und die Entscheidung an der Donau 1683. Salzburg/Wien, 291–303.