Neustiftgasse, Türkische Reiterfigur

Text: Marion Gollner

An der Straßenecke Neustiftgasse/Kellermanngasse befindet sich im 7. Wiener Gemeindebezirk die vergoldete Steinskulptur eines türkischen Reiters. Darunter ist eine Inschrift angebracht, die auf das angebliche Zeltlager Kara Mustaphas an dieser Stelle Bezug nimmt.

Die Skulptur wurde anlässlich des 250-jährigen Jubiläums des Entsatzes von Wien mit Unterstützung der türkischen Gesandtschaft in Wien restauriert.

» Kara Mustapha und die türkische Zeltstadt

Die vergoldete Skulptur zeigt einen türkischen Reiter mit Turban und Pluderhosen, der seinen Krummsäbel über dem Kopf schwingt.

Die unter dem Standbild angebrachte marmorne Gedenktafel geht auf die besondere Bedeutung des Ortes 1683 ein.

Die Inschrift lautet: „Bei der zweiten Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683 stand an dieser Stelle das Zelt Kara Mustaphas.“

Die Zeltstadt des Großwesirs befand sich 1683 jedoch nicht in der Neustiftgasse, sondern auf der Schmelz im heutigen 15. Wiener Gemeindebezirk. So weist Peter Csendes im Wiener Bezirksführer „Erinnerungen an Wiens Türkenjahre“, erschienen im Jubiläumsjahr 1983, darauf hin, dass die besagte Stelle für das türkische Heerlager strategisch unklug gewesen wäre:

Nun ergibt aber schon eine oberflächliche Betrachtung des Geländes, daß hier im schmalen Einschnitt des Ottakringer Baches – sein Lauf wird in diesem Bereich durch die Neustiftgasse genau festgehalten – kein Platz für die weitläufige Zeltburg des Großwesirs sein konnte, zumal das Gebiet noch innerhalb der Reichweite der Geschütze der Belagerten lag. (Csendes 1983: 24)

Im Garten des Palais Trautson in St. Ulrich (heute Bundesministerium für Justiz) soll sich aber eine Schanze der Osmanen (ein vorgeschobener Gefechtsstand) befunden haben, die der Großwesir persönlich befehligte und wo er auch einige Male genächtigt haben soll. Um das Kampfgeschehen besser beobachten zu können, soll Kara Mustapha laut Angaben des kaiserlichen Residenten Georg Christoph von Kunitz, der im feindlichen Lager der Türken festgehalten wurde, mehrere Male den St.-Ulrichs-Turm bestiegen haben (vgl. Tomenendal 2000: 221; Csendes 1983: 24; Czeike 1997: 493).

» Die Reiterskulptur muss renoviert werden

Das vergoldete Reiterstandbild hatte im Laufe der Jahre an Glanz verloren und sollte daher restauriert werden.

Im Monatsblatt des Vereines für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien „Unsere Heimat“ aus dem Jahr 1933 ist zu lesen, dass das Bundesdenkmalamt bereits „vor einiger Zeit“ witterungsbedingte Schäden an der Figur festgestellt hatte:

Das sich bäumende Pferd mit seinem Reiter, der den krummen Säbel schwingt, verlor die wirkungsvolle Vergoldung. Der abrinnende Regen hatte auf den Sockel und der Konsole unschöne Schmutzstreifen zurückgelassen. Nicht viel besser war der Zustand der Gedenktafel selbst. Der braunrote Marmor hatte seinen Glanz verloren, denn auch hier waren die unschönen, schmutzigen Regenstreifen zu bemerken und die Farbe der Buchstaben der Schrift war verblaßt. (Unsere Heimat 1933: 278)

Zur Finanzierung der Restaurierungsarbeiten wandte sich das Denkmalsamt „in tiefer Ungelegenheit“ an die türkische Gesandtschaft in Wien. Sie stellte schließlich die erforderlichen Mittel zur Verfügung und ermöglichte so, dass die Reiterfigur „wieder echt vergoldet, der Sockel mit der Konsole gereinigt und die Schrifttafel wieder entsprechend aufgefrischt werden“ konnte (Unsere Heimat 1933: 278).

250 Jahre nachdem die osmanischen Truppen nach der Entsatzschlacht im September 1683 fluchtartig ihre Lager verlassen hatten, erstrahlte die Reiterskulptur im Jubiläumsjahr 1933 in neuem Glanz.

Heute ist an der Stelle hinter einem Gitter eine Kopie der ursprünglichen Plastik angebracht. Das Original befindet sich im Wien Museum (vgl. Böhm 2001: 90).

» Die Bedeutung des Denkmals

Die Reiterfigur, die durch äußere Erkennungszeichen wie Pluderhose, Turban und Krummsäbel eindeutig als „türkisch“ identifizierbar ist, erinnert an die Reiterstatue am Heidenschuss im ersten Wiener Gemeindebezirk. Auch die Skulptur in der Neubaugasse dürfte als Hauszeichen angebracht worden sein. Wann dies geschah, ist jedoch nicht bekannt.

Dass sich das Bundesdenkmalamt bei der Finanzierung der Restaurierungsarbeiten anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Entsatzschlacht (mit Erfolg) an die türkische Botschaft wandte, ist wohl auch als Beleg dafür zu werten, dass sich das Feindbild im Laufe der Zeit verändert hatte:

Während der 250-jährigen Jubiläumsfeier 1933 in Wien war man sehr darauf bedacht, die Türken nicht zu verärgern. Die Organisatoren luden offizielle militärische Abordnungen aus dem Deutschen Reich, Polen, Ungarn und der Türkei zur Teilnahme an der Türkenbefreiungsfeier ein. (Tomenendal 2000: 154)

Auch wenn die türkischen Vertreter schließlich nicht an den Festivitäten teilnahmen, so ist doch ein Wandel im Umgang mit dem ehemaligen Gegner erkennbar – wenn auch zu Lasten anderer, neuer Feindbilder (Feichtinger 2010: 110, 114–115).

» Literatur

Böhm, Jasmine (2001): „Türken-Images“ im öffentlichen Raum. Eine ethnologische Spurensuche in Wien. Diplomarbeit der Universität Wien.

Csendes, Peter (1983): Erinnerungen an Wiens Türkenjahre. Wien/München.

Czeike, Felix (1997): Historisches Lexikon Wien. Band 5. Wien.

Feichtinger, Johannes (2010): „Auf dem Zauberhaufen“. Der Burgravelin und die Funktionalisierung des Gedächtnisses an den Entsatz Wiens von den Türken 1683, in: ÖZKD. Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, Jg. 64, Heft 1–2 (Sonderheft: Wiener Stadt- und Burgbefestigung, konzipiert und koordiniert von Markus Jeitler, Richard Kurdiovsky, Anna Mader-Kratky), 108–115.

Tomenendal, Kerstin (2000): Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien. Wien/Köln/Weimar.

Unsere Heimat (1933): Monatsblatt des Vereins für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien. Bd. 6. Wien.