Kralik, Richard von (1852–1934)

Text: Marion Gollner

Der katholisch-konservative Schriftsteller und Kulturphilosoph Richard von Kralik verfolgte seit der Säkularfeier 1883 den Plan, auf dem Leopoldsberg eine „Wartburg österreichischer Geschichte“ nach Vorbild des deutschen Nationaldenkmals „Walhalla“ zu errichten. Erst die Präsentation seiner Idee vor der Leo-Gesellschaft 1903 führte dazu, dass sein Projekt mit Entwürfen der beiden Architekten Karl Troll und Franz Biberhofer konkretere Formen annahm. Dennoch wurde das Projekt nie realisiert. Darüber hinaus spielte die Belagerung Wiens 1683 in Kraliks Schriften eine wichtige Rolle.

» Kraliks Jugend und Ausbildung

Richard Kralik von Meyrswalden wurde am 1. Oktober 1852 als erstes von fünf Kindern in Eleonorenhain (Böhmen) geboren und zog mit seinen Eltern im Alter von vier Jahren nach Linz. Sein Vater, ein deutsch-böhmischer Glasfabrikant, war im Jahr 1877 von Kaiser Franz Joseph I. mit dem Titel „Ritter von Meyrswalden“ in den Adelsstand erhoben worden. Nachdem Kralik Volksschule und Gymnasium in Linz besucht hatte, absolvierte er von 1870–1874 das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Nach seiner Promotion im Jahr 1876 setzte er sein Studium in Bonn und Berlin fort. Daneben beschäftigte er sich mit klassischer Philosophie, Geschichte, Literatur, Musik und Malerei.

» Kraliks „christlich-germanisches Kulturideal“

Nach der Rückkehr von seiner zweijährigen Italienreise im Jahr 1878 entschied Kralik sich dazu, seine Karriere als Jurist aufzugeben und fortan als freier Schriftsteller in Wien tätig zu sein. Dort heiratete er am 15. Oktober 1882 Maria Pauline Sophie von Flattich, die Tochter des bekannten (Eisenbahn)Architekten Wilhelm von Flattich. Als Teil der Wiener Künstlerszene durchlebte Kralik in dieser Zeit einen inneren Wandel „von einem ‚sozialistischen‘ Stürmer- und Drängertum zu einer entschieden konservativ-traditionsbewußten Weltanschauung und Kulturauffassung“ (Mikoletzky 1980: 664). Kralik vertrat dabei die Ansicht, dass der Schlüssel für eine Erneuerung der deutschen bzw. gesamteuropäischen Kultur allein in der Rückbesinnung auf gemeinsame christliche Werte zu finden sei. Während Kralik mit seinem „christlich-germanischen Kulturideal“, das Elemente aus Antike, Klassik und Romantik miteinander vereinte, anfangs eher eine Außenseiterrolle einnahm, erlebte der Katholizismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts – u.a. durch die Gründung der Leo-Gesellschaft, der späteren Katholischen Akademie, im Jahr 1892 und der ein Jahr darauf gegründeten Christlichsozialen Partei – einen neuerlichen Aufschwung. Dieser gesellschaftliche und politische Wandel erlaubte es ihm, „nunmehr seine ganze Kraft seiner Lebensaufgabe zu widmen, den ‚zerstörerischen‘, durch Aufklärung und Revolution freigesetzten Kräften des 19. Jahrhunderts als Dichter und Denker eine ‚einheitliche Weltanschauung‘ neuromantischen – oder auch neubarocken – Gepräges entgegenzustellen“ (Mikoletzky 1980: 664).

Kralik ging es hier vor allem darum, seine Ideen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck griff Kralik sowohl Elemente der altdeutschen und antiken Sagenwelt als auch der volkstümlichen Tradition auf und versuchte so, ältere Kunstgattungen wie die mittelalterlichen Mysterienspiele oder das jesuitische Schulspiel, die „als Zeugnisse des ‚finsteren Mittelalters‘ oder des ‚jesuitischen Barocks‘ in Verruf oder Verfall geraten waren“ (ebd.), wiederzubeleben. Aber auch die im alpinen Raum verbreiteten Oster- und Weihnachtsspiele bzw. die mit Wanderbühnen durch das Land ziehenden Puppen- und Kasperltheater weckten sein Interesse.

» Wortführer des katholischen Österreich

Im Jahr 1905 schlossen sich Gleichgesinnte aus Kraliks Bekanntenkreis zur Schriftstellervereinigung „Gralbund“ zusammen. Die kurze Zeit darauf gegründete Monatszeitschrift „Der Gral“, die bis zu ihrer Einstellung im Jahr 1937 unter der Leitung von Franz Eichert und Friedrich Muckermann stand, diente der katholisch-konservativen Gruppierung als geeignetes Forum. Von 1907 bis 1910 trug Kralik, der immer mehr zum „Wortführer des katholischen Österreich“ (Olszewsky 1992) avancierte, den so genannten „Katholischen Literaturstreit“ mit der von Carl Muth im Jahr 1903 gegründeten Zeitschrift „Hochland“ aus, die im Gegensatz zum „Gral“ eine modernere, offenere Auffassung von Kunst und Kultur propagierte. Erst das Eingreifen des Papstes konnte die Kontroverse schließlich beenden. Später führte Kralik die so genannten „Dienstagsvorträge“ in seinen eigenen vier Wänden ein, die zwischen 1920 und 1933 an die 700 Mal stattfanden.

» Kralik und die Belagerung Wiens 1683

Unter Kraliks fast nicht zu überblickenden künstlerischen Werken finden sich auch mehrere Arbeiten, die entweder direkt oder indirekt mit der Belagerung Wiens 1683 in Verbindung stehen. So veröffentlichte er 1883 anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Befreiung Wiens 1683 das neoromantische Festspiel „Die Türken vor Wien“, das – wie seine übrigen Publikationen – sehr stark von den Idealen des Katholizismus beeinflusst war. Im Katalog zur Sonderausstellung des Jubiläumsjahres 1983 wird das Stück, verglichen mit den anderen Jubiläumsdramen dieser Zeit, als „die literarisch qualitätsvollste Schöpfung“ gewürdigt. Zudem sei bemerkenswert, dass Kara Mustapha in diesem religiösen Festspiel „einmal nicht nur als finsterer Bösewicht gesehen [wird], sondern als tragischer Held, der nicht zuletzt an seiner inneren Siegesgewißheit scheitern muss.“ (Historisches Museum der Stadt Wien 1983: 390)

In seinem 1912 gemeinsam mit Hanns Schlitter publizierten Werk „Wien. Geschichte der Kaiserstadt und ihrer Kultur“ ist dem „Türkenjahr 1683“ ein mehrseitiges Kapitel mit historischen Ansichten und Porträts der wichtigsten Persönlichkeiten dieser Zeit gewidmet. Zudem wird der Leopoldsberg zu Beginn und zu Ende des Buches als „Akropolis von Wien“ bezeichnet. In der Frage, wo die fragwürdige Messfeier Marco d’Avianos stattgefunden hat, legt Kralik sich nicht eindeutig fest, tendiert jedoch zum heutigen Leopoldsberg, indem er schrieb:

Am frühen Morgen des 12. September – es war nach Regen= und Sturmtagen der schönste Sonntag – versammelten sich die Führer zur Beratung auf dem Kahlenberg (das ist also wahrscheinlich der Leopoldsberg). Dort in der Georgs=kapelle, die der Kaiser Leopold vor kurzem wieder hergestellt hatte, las Marco d’Aviano die Messe. Die andere Meinung, das sei geschehen in der Kirche des Kamaldulenserklosters auf dem Kahlenberge (damals Sauberg genannt), ist in neuerer Zeit durch eine Gedenktafel an dieser Kirche festgehalten. (Kralik 1933: 227)

Im Jahr 1912 verfasste Kralik darüber hinaus die offizielle Festschrift zum Eucharistischen Kongress, der zu diesem Zeitpunkt in Wien tagte. Darin nahm er in direkter Weise auch auf die Belagerung Wiens 1683 Bezug:

In der Abwehr gegen eine so unsakramentale Sekte, wie es der Islam ist, hat Wien Gelegenheit, sich im christlichen, im eucharistischen Bewusstsein zu bestärken. Insbesondere war es ein eucharistisches Ereignis von vorbildlicher Bedeutung, was am 12. September 1683 die Befreiung Wiens und damit die Befreiung des christlichen Abendlandes vom Anprall der türkischen Barbarei einleitete. (Kralik 1912: 12)

Mit seinem 1922 verfassten Werk „Abraham a Sancta Clara und seine Zeitgenossen“ setzte Kralik sich mit einem weiteren Prediger der Türkenzeit auseinander. In der Einleitung bezeichnet Kralik Abraham a Sancta Clara als den „stärkste[n] und berühmteste[n] Vertreter der literarischen Barocke“ (Kralik 1922: 3), der zwar nie in Vergessenheit geraten sei, dessen „kongeniales Genie“ (ebd.: 4) jedoch nicht ausreichend gewürdigt wurde. Um „das Große der eigenen Nation und der eigen Zeit [wieder] zu schätzen“ (ebd.), veröffentlichte Kralik daher Auszüge seiner bekanntesten Predigten, darunter mehrseitige Passagen aus dem Türkentraktat „Auff/ auff ihr Christen! Das ist: eine bewegliche Anfrischung der christlichen Waffen wider den türkischen Blutegel“, das Abraham a Sancta Clara in Graz verfasst hatte. Darin bezeichnet er die Türken als „Unheil“, das die Christen als Strafe für ihr sündhaftes Leben ereilt habe (Details dazu siehe Abraham a Sancta Clara-Denkmal).

Neben der literarischen Beschäftigung mit dem historischen Ereignis der Belagerung Wiens 1683 verfolgte Kralik jedoch auch ein ehrgeiziges Denkmalprojekt, das vergangene Heldentaten erinnern und gleichzeitig ein Mahnmal für Gegenwart und Zukunft sein sollte. Kraliks Plan war es, eine Ruhmeshalle auf dem Leopoldsberg zu errichten, die noch imposanter sein sollte als die bayrische Gedenkstätte Walhalla. Das Projekt wurde jedoch nicht realisiert.

» Kraliks Tod im Jahr 1934

Kralik verstarb im Alter von 81 Jahren am 4. Februar 1934 in Wien. Sein Leichnam wurde in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Noch im selben Jahr wurde der Richard-Kralik-Platz (vorher Weimarer Platz) an der Bezirksgrenze zwischen Währing und Döbling nach ihm benannt. Kraliks Sterbehaus, errichtet nach den Plänen seines Schwiegervaters, befindet sich an diesem Platz (Nr. 3). Bereits zu Lebzeiten hatte Kralik mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den kaiserlichen Orden der „Eisernen Krone“ und den päpstlichen Orden des hl. Gregor.

» Literatur

Austria-Lexikon: Kralik, Richard, Ritter von Meyrswalden, 04.08.2011.

Enzinger, Moriz (1969): Kralik von Meyrswalden Richard. In: Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL) 1815-1950, Band 4, Wien, 11.

Kralik, Richard von (1883): Die Türken vor Wien. Ein Festspiel. Wien.

Kralik, Richard von (1912): Das eucharistische Wien. In: Funder, Friedrich (Hg.): Festschrift gewidmet dem XXIII. Eucharistischen Kongress abgehalten in Wien 1912, Wien, 7–13.

Kralik, Richard von (1922): Abraham a Sancta Clara und seine Zeitgenossen. Auswahl mit Einleitungen. Wien.

Kralik, Richard von (1933): Geschichte der Stadt Wien und ihrer Kultur. Wien.

Mikoletzky, Nikolaus (1980): Kralik Ritter v. Meyrswalden, Richard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Band 12, 663-666. (Online-Version)

Olszewsky, Hans-Josef (1992): Kralik, Richard. In: Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, Band IV. Herzberg.